Liebe Leserin, lieber Leser,

ich miste zu Hause gerade
etwas aus. Dabei stieß ich auf meine alte CD-Sammlung. Weil ich keinen
CD-Spieler besitze und Musik im Internet hören kann, beschloss ich, nur Alben
zu behalten, die einen besonderen emotionalen Wert für mich haben. Einen Stapel
von 22 CDs fotografierte ich und lud das Bild bei Ebay Kleinanzeigen hoch: »Hip-Hop-Klassiker,
CDs Gesamtpaket«, 10 Euro.

Ein Interessent namens Elvis
schrieb mir. Ob die CDs Kratzer hätten? Nein, schrieb ich. Wenig später
klingelte es an der Tür, da stand ein Mann mit Cappy auf dem Kopf, eine große
Uhr am Handgelenk, die Klamotten weit; dass er Hip-Hop-Fan war, überraschte
mich nicht. »Was machst du?«, fragte er. »Wieso verkaufst du die ganzen CDs?«
Elvis sagte, er liebe Hip-Hop.

Er sei 51 und habe schon als 13-Jähriger in
Hamburg die Musik der kalifornischen Rap-Gruppe N.W.A gehört. Zu Hause habe er
eine CD-Anlage und einen Plattenspieler. Er zog einen kleinen
Bluetooth-Lautsprecher aus der Jackentasche und zeigte auf sein Fahrrad: »Ich
höre unterwegs auch immer Hip-Hop, die Leute denken, ich bin verrückt.«

Auf Konzerte gehe er nicht,
weil er Platzangst bekomme. »Ich mache meine eigene Party«, sagte Elvis, seinen
neuen CD-Stapel vor sich. The Chronic von Dr. Dre, King von T.I., Word of Mouf
von Ludacris, Get Back von Little Brother, Free at Last von
Freeway. Elvis grinste wie ein Kind an Weihnachten. »Du
bist ein Engel, ey. Hip-Hop ist einfach das Beste.« Wir sprachen noch ein
wenig. Dann fuhr er davon.

Manchmal denke ich, Ebay Kleinanzeigen ist das bessere Social Media. Bei Instagram und Co. fehlt mir oft
die echte Interaktion mit Menschen, aber durch Kleinanzeigen haben sich für
mich schon viele schöne Gespräche ergeben. Vielleicht sollte ich öfters etwas
verkaufen. Das Leben im Kapitalismus kann so einfach sein!

Als ich diesen Text schrieb,
hörte ich übrigens die Musik, die ich weggegeben hatte, per Stream im Internet.
Aber bereuen tue ich den Verkauf nicht. Denn ich weiß ja: Irgendwo sitzt Elvis
mit meinen CDs und hat die Zeit seines Lebens.

© Pia Bublies für die ZEIT/​DIE ZEIT

Newsletter
Elbvertiefung – Der tägliche Newsletter für Hamburg

Vielen Dank! Wir haben Ihnen eine E-Mail geschickt.

Prüfen Sie Ihr Postfach und bestätigen Sie das Newsletter-Abonnement.

Ich
wünsche Ihnen einen schönen Tag!

Ihr Yannick Ramsel

Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, oder wissen Sie
etwas, über das wir berichten sollten? Dann schreiben Sie uns eine E-Mail an hamburg@zeit.de

WAS HEUTE WICHTIG IST

© Markus Tischler/​dpa

Am Sonntag erzielte Samuel Fitwi
beim 40. Hamburg-Marathon mit 2:04:45 Stunden die bisher zweitbeste Zeit
eines
deutschen Athleten auf dieser Strecke. Schneller war nur der Marokkaner Othmane
El Goumri mit 2:04:24 Stunden. Bei den Frauen feierte die Kenianerin Brillian
Jepkorir Kipkoech mit 2:17:05 Stunden einen Streckenrekord.

Bei ihrem zweitägigen
Landesparteitag haben sich die Linken erneut gegen eine Olympiabewerbung
ausgesprochen
. Landessprecher Thomas Iwan nannte es eine »Scheißidee«, mit
der den Hamburgerinnen und Hamburgern »vorgegaukelt« werden solle, Olympia sei
die Lösung für alle Probleme. Ende Mai entscheiden rund 1,3 Millionen Einwohner
per Referendum über die Bewerbung.

Die Stadt Hamburg zahlte 2025 rund
160 Millionen Euro, um Geflüchtete in Hotels unterzubringen
– 30 Millionen
Euro weniger als 2024, teilte der Senat auf eine Kleine Anfrage der
AfD-Fraktion mit. Seit 2022 summieren sich die Ausgaben auf 600 Millionen Euro.
Die AfD-Fraktion kritisierte entstehende Haushaltslöcher.

In Hamburg ist die Zahl der Suizide 2024
im Vergleich zum Vorjahr um 27 Prozent zurückgegangen
, vor allem bei
Männern. Wie der Senat auf eine Kleine Anfrage der CDU-Bürgerschaftsfraktion
mitteilte, wurden 201 statt zuvor 276 Selbsttötungen registriert. Besonders
häufig nahmen sich Menschen über 75 Jahre das Leben; 32 Fälle waren assistierte
Suizide. Eine gewisse Dunkelziffer bleibe.

Das Schauspielhaus setzt weiter auf Stoffe aus
der Antike.
Nach dem Erfolg seiner Anthropolis-Reihe über die Stadt
Theben (vielfach ausgezeichnet, etwa als »Inszenierung des Jahres 2024«), verarbeitet
Fremde Sonne in der kommenden Spielzeit in sechs Teilen den Argonauten-Mythos.
Die Regie übernimmt erneut die Intendantin Karin Beier, den Text Roland
Schimmelpfennig. Der Vorverkauf hat bereits begonnen.

AUS HAMBURG

© Louis Roth/​DIE ZEIT

»Wahrscheinlich wäre ich jetzt tot«

Deutschlands größte Suchtklinik für drogenabhängige
Jugendliche muss schließen – aus finanziellen Gründen. Nun ist die Versorgung
gefährdet. Wie konnte es so weit kommen? Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Artikel
von ZEIT-Redakteurin Katja Klapsa.

Manchmal, sagt Pascal, denkt er darüber nach, was ohne die Klinik passiert
wäre. Wenn er einfach weitergemacht hätte wie die Jahre zuvor.
»Wahrscheinlich«, sagt Pascal und blickt in den Himmel, »wäre ich jetzt tot.«

Der 19-Jährige sitzt auf einer Holzbank im
Innenhof der Dietrich-Bonhoeffer-Klinik, einer Reha-Einrichtung für junge
Suchtkranke zwischen zwölf und 20 Jahren. Es ist ein kühler, sonniger Tag im
April, vor ihm steht eine Feuerschale mit verkohlten Holzresten. Pascal, der
eigentlich anders heißt, hat gestern mit anderen jungen Patienten Würstchen und
Marshmallows gegrillt, es wurde viel geredet und gelacht. Für ihn ist das noch
neu, ausgelassen zu sein, ganz ohne Drogen.

Seit vier Monaten lebt Pascal in der Suchtklinik
im niedersächsischen Ahlhorn im Landkreis Oldenburg. Die Einrichtung ist die
größte Anlaufstelle für drogenabhängige Kinder und Jugendliche in Deutschland,
seit 1984 wurden hier mehrere Tausend Patienten behandelt. Vielen
von ihnen gelang danach der Übergang in ein normales Leben, sie fanden einen
Job und eine stabile Partnerschaft.

Doch jetzt, mehr als 40 Jahre später, steht die
Klinik vor dem Aus. Pascal gehört zu den letzten Patienten, die aufgenommen
wurden. Ende März beschloss der diakonische Klinikbetreiber Leinerstift, die
Einrichtung wegen finanzieller Probleme Ende Juni zu schließen. »Dahinter steckt ein strukturelles Systemversagen, das die schwächsten unserer
Gesellschaft, suchterkrankte Kinder und Jugendliche, unversorgt lässt«, schrieb
der Klinikbetreiber in einem Statement.

Wie es zu der Schließung gekommen ist, lesen Sie weiter in der
ungekürzten Fassung. → Zum Artikel (Z+)

SCHON GELESEN?

© Yelda Yilmaz

Zitronen-Mohn-Franzbrötchen:
Probieren geht über Tourieren!

Nie
mehr Angst vorm Plunderteig: Dank eines vereinfachten Arbeitsschrittes sind
diese Mohn-Franzbrötchen etwas weniger blättrig, dafür aber umso saftiger und
weicher. ZEIT-Autorin Yelda Yilmaz wagt sich an einen Hamburger Klassiker und
stellt das Rezept für Zitronen-Mohn-Franzbrötchen vor. → Zum Artikel (Z+)

DAS KÖNNTE SIE INTERESSIEREN

Bis zum kommenden Sonntag haben Sie noch Zeit,
die Ausstellung Care! Wenn aus Liebe Arbeit wird im
Museum der Arbeit anzuschauen. Care-Arbeit ist in unserer Gesellschaft noch immer
unterschätzt – ob in der bezahlten Sorgearbeit in Kitas, Krankenhäusern und
sozialen Einrichtungen oder in der unbezahlten Pflege innerhalb von Familien.
Die Ausstellung zeigt historische Fotos aus dem Krankenhausalltag, aktuelle
Aufnahmen, Objekte, Videos und Filmausschnitte. Auch die Frage, welche Rolle
Robotik künftig in der Pflege spielen kann, wird verhandelt.

»Care! Wenn aus Liebe Arbeit wird«, bis 3. Mai; Museum der Arbeit,
Wiesendamm 3; Mi.–Fr. 10–17 Uhr, Sa.+So. 10–18 Uhr, Mo. 10–21 Uhr; am Sonntag, 3. Mai findet ab 15 Uhr die Finissage der
Ausstellung statt

MEINE STADT

Frühling in der Max-Brauer-Allee © Benjamin Grimme

HAMBURGER SCHNACK

Wir denken laut über
mögliche Ziele für einen Kurzurlaub nach: »Florenz wäre mal wieder nett, mit
dem schönen Dom und so.« Unsere 8-jährige Tochter ruft vom Nebenzimmer: »Pffff,
so ein langweiliger Dom ohne Karussells!«

Gehört von Kally Peche

Das war die Elbvertiefung, der tägliche
Hamburg-Newsletter der ZEIT. Wenn Sie möchten, dass er täglich um 6 Uhr in
Ihrem Postfach landet, können Sie ihn
hier
kostenlos abonnieren
.