„Da ist noch so viel Material, das könnte noch ein paar Jahre so weitergehen“, sagt Karin Beier vergnügt. Dass der Intendantin des Deutschen Schauspielhauses der Stoff ausgehen könnte, ist also nicht zu befürchten. Nach dem großen Erfolg ihres Antiken-Zyklus „Anthropolis“ (für den die Hamburger Bühne zum „Theater des Jahres“ gewählt wurde, der zahlreiche Preise einheimste und für zehn Vorstellungen sogar ins ferne China reiste) hatte Beier eine ganze Spielzeit lang keine eigene Neuinszenierung auf die Bretter geschickt. Aus gutem Grund: Sie war beschäftigt. Seit zwei Jahren arbeitet und probt sie an einem weiteren Großprojekt.

Unter dem Titel „Fremde Sonne“ widmet sich dasselbe Team wie beim vergangenen Mal – neben Beier sind das der Autor Roland Schimmelpfennig, die Dramaturgin Sybille Meier, der Bühnenbildner Johannes Schütz und Jürgen Gollasch für die Musik – diesmal dem Argonauten-Mythos. Während sich „Anthropolis“ die alten Griechen nach Netflix-Vorbild in fünf Episoden vornahm, wird die zweite Staffel diesmal direkt als Marathon angelegt. Dessen Premieren kommen nicht im Zweiwochen-Abstand heraus, sondern auf einen Schlag an einem einzigen Wochenende Ende September. Noch deutlich vor der Sommerpause beginnen nun bereits die Proben für Teil 5, der den klassischen Medea-Stoff erzählt. In der Titelrolle, wie könnte es anders sein: Lina Beckmann. Nur der sechste Part („Medea in Athen“, wieder mit Lina Beckmann, außerdem gastiert der ehemalige „Tatort“-Kommissar Wolfram Koch als König von Athen) wird als „Marathon Plus“ im Februar nachgeliefert.

Zwei Jahre Planung im Schauspielhaus Hamburg: Neuer Antiken-Marathon mit Starbesetzung

Was Beier an der Fahrt der Argonauten zur Eroberung des Goldenen Vlieses interessiert? Der „rücksichtslose Imperialismus“, die Schamlosigkeit, der Wunsch nach einer erlösenden Kraft von außen, aber auch die Frage nach der grundsätzlichen Wahrheit. Will jemand die Wahrheit hören? Gibt es das überhaupt, eine tatsächliche, einzige Wahrheit? „Als wir vor zwei Jahren mit dem Projekt begonnen haben, wussten wir noch nicht, dass wir uns mit diesem Thema im Auge des weltpolitischen Orkans befinden würden“, sagt Karin Beier und zitiert eine ihrer Figuren: „Die Wahrheit ist immer ein Handeln. Die Wahrheit ist immer eine Verabredung.“

Rocket und Wink – Fr., 24. April 2026 13:26
Pressefoto Ankündigungsmotiv Saison 2026-27
Pressefoto Ankündigungsmotiv Saison 2026-27: Motive der Spielzeit Deutsches SchauSpielHaus

Mit einem Knall in die nächste Spielzeit: Das Ankündigungsmotiv des Großprojekts „Fremde Sonne“ am Deutschen Schauspielhaus Hamburg.
© Rocket und Wink | Rocket und Wink

Den „30 bis 40 Männern auf der Probebühne“, die dieser gewaltvolle Mythos nun einmal verlange, haben Beier und ihre Regieassistentin übrigens einen internen Spitznamen verpasst, gesteht die Intendantin mit hintergründigem Lächeln: „die Gurkentruppe“. Zur „Gurkentruppe“ gehören Schauspielhaus-Ensemblemitglieder wie Markus John und Jan-Peter Kampwirth, aber auch die Gaststars Devid Striesow (der schon im ersten Antiken-Zyklus dabei war und diesmal den Jason spielt) und Bjarne Mädel. Der war einst unter Intendant Tom Stromberg Teil der Schauspielhaus-Mannschaft und hat seither als Ernie in „Stromberg“, als „Tatortreiniger“ und nordfriesischer Ermittler „Sörensen“ Filmkarriere gemacht.

Schauspielhaus Hamburg: Marathon-Wochenenden sind mit Frühbucherrabatt im Vorverkauf

Mädel, auch so viel verrät Karin Beier, wird am Schauspielhaus als „Koch, der nur Dosensuppen warm machen kann“, zu sehen sein. Was bei aller Monstrosität der panhellenischen Mission darauf schließen lässt, dass es in der Hamburger Fassung auch komische Aspekte geben wird – insbesondere im sechsten Teil, der den Zyklus als satirische Komödie und Well Made Play im Stile von „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ abschließen soll. Mit (O-Ton Beier) „Medea als staubsaugendem Tradwife“. Wen das neugierig macht: Tickets gibt es bereits. Ab sofort sind die ersten drei Marathon-Wochenenden mit Frühbucherrabatt im Vorverkauf.

Und das ist alles erst der Anfang.

Neun Uraufführungen wird es in der kommenden Spielzeit geben, insgesamt zwölf Premieren (und acht weitere am Jungen Schauspielhaus). Bereits einen Tag vor dem mächtigen Antiken-Aufschlag auf der großen Bühne gibt Ruben Müller mit Sophie Calles „Das Adressbuch“ sein Schauspielhaus-Debüt im Malersaal. Nicht bloß ein Drama, sondern ein „Labyrinth“ verspricht Dramaturg Matthias Günther: „Das wird eine merkwürdige Reise!“ Die Regisseurin Anita Vulesica, die mit der Goethe-Collage „Die Maschine oder: Über allen Wipfeln ist Ruh“ zum Berliner Theatertreffen 2025 eingeladen war, bringt einen weiteren Text von Georges Perec auf die Bühne. Diesmal darf sich der Titel sogar noch mehr ausbreiten: „Weil der Frieden Zucker ist! oder: Was für ein kleines Moped mit verchromter Lenkstange steht dort im Hof“. Premiere ist am 7. November.

Filmfest Hamburg - "Sörensen hat Angst"

Bjarne Mädel, Schauspieler und Regisseur („Sörensen hat Angst“) kehrt als Gast ans Schauspielhaus Hamburg zurück.
© picture alliance/dpa | Georg Wendt

Die japanische Feministin Satoko Ichihara folgt kurz vor Weihnachten mit „Ubasute“, das wie ein Spiegelbild von „Hänsel und Gretel“ funktioniert: Was passiert, wenn nicht die Eltern ihre Kinder, sondern die Kinder ihre alten Eltern aussetzen …? Und im neuen Jahr wird eine bedeutende slowenische Regisseurin erstmals am Deutschen Schauspielhaus arbeiten: Mateja Koležnik inszeniert Ödön von Horváths „Glaube Liebe Hoffnung“. Gefolgt von den berühmten „Buddenbrooks – allerdings mit anderem Text und auch anderer Melodie“ in der bewährt skurrilen Machart von Clemens Sienknecht und Barbara Bürk. Das Stück steht ab dem 26. Februar auf dem Spielplan, Fans der Reihe sollten sich den Termin rot im Kalender markieren, denn: „Es kann sein, dass es die letzte Folge dieser Erfolgsserie wird …“

Das Saison-Finale überlässt das Deutsche Schauspielhaus Hamburg dem Finanzamt

Zu den besonders markanten Stimmen einer jüngeren, insbesondere ostdeutschen Theatergeneration gehört Lena Brasch, die selbst eine Art Gesamtkunstwerk ist und mit ihrer Berliner Debüt-Inszenierung „It’s Britney, Bitch!“ für Aufmerksamkeit sorgte. Persönliches und Gesellschaftspolitisches verschränkt sich in ihrer Arbeit eng, mit Brasch zielt das Schauspielhaus sicher auch auf ein neues Publikum. Ihr Hamburger Stück, dessen Uraufführung für den März 2027 angekündigt ist, hat noch keinen Titel.

Noch mehr Theater in Hamburg

Vom Thalia Theater über die Hamburgische Staatsoper an die Kirchenallee: Diesen Weg ist Christopher Rüping, einer der wichtigsten deutschen Theaterregisseure der Gegenwart, in Hamburg gegangen. Nun ist er also zurück am Sprechtheater und inszeniert erstmals am Deutschen Schauspielhaus. Seine jüngste Arbeit an der Oper („Die große Stille“) dürfte daran nicht ganz unschuldig sein, denn es geht ihm erneut um Mozart: Am 16. April feiert Rüpings biografisches Mozart-Projekt „Amadé“ Premiere (mit gleich drei Schauspielerinnen in der Titelrolle), bevor das Theater seinen Spielzeit-Abschluss dem Finanzamt überlässt.

„Der Fiskus“ heißt das Stück von Felicia Zeller, in dem sie auf Steuersünden blickt und in der Regie von Paulina Siebold mit großen Summen hantiert. „Vollblutkomisch“, verspricht Karin Beier. Und dürfte, was Zahlen und Gelder angeht, selbst ohnehin zufrieden sein. Die Auslastung liege im Schauspielhaus bei rund 80 Prozent, wobei Vorstellungen wie „Stadt der träumenden Bücher“ oder „Momo“ sogar nahezu ausverkauft waren.

Deutsches Schauspielhaus in Hamburg

Die Spielzeit 2026/27 wird vielversprechend am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg.
© © Kerstin Schomburg | Kerstin Schomburg

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