Die Waagenstraße ist keine Schönheit und selbst im Quartier nur wenig bekannt. Aber sie hat Geschichte und zählt zu den ältesten Straßen von Eller. Über viele Jahrhunderte war sie ein namenloser und unbefestigter Flurweg, der Klein-Eller mit der Scheidlingsmühle (heute Franz-von-Sales-Kirche) in Wersten verband. Ende des 19. Jahrhunderts wurde für den Überlandweg der Name Mühlenstraße gebräuchlich. Die Eingemeindung von Eller nach Düsseldorf machte 1909 ihre Umbenennung in Waagenstraße erforderlich. Patin für den ungewöhnlichen Namen war die Waagen- und Maschinenfabrik von Eduard Schmitt, die an der Mühlenstraße einige Jahre zuvor die Produktion aufgenommen hatte.
In unmittelbarer Nachbarschaft zum Bleiwalzwerk Ludolf Poensgen (später Karl Graffweg), das 1881 an der späteren Ludwigshafener Straße in Betrieb ging und dessen Fabrikanlagen vor kurzer Zeit abgerissen wurden, hatte sich im Gebiet der heutigen Waagenstraße um die Wende zum 20. Jahrhundert ein eigenes Fabrikenterrain entwickelt. Den Anfang machte die 1890 eröffnete Maschinenbauanstalt von Deckers & Boese. Mit eigenem Dampfhammerwerk ausgestattet, hatte die vergleichsweise kleine Fabrik eine große Produktpalette. Von Dampfmaschinen über Lokomobilen, Motoren, Kessel, Pumpen, Transmissionsanlagen bis zu Dreschmaschinen.
Um 1910 pachtete die Loew Manufacturing Company aus Cleveland die Deckerschen Fabrikhallen, um hier Brauerei- und Kellereimaschinen (Fass- und Flaschenfüllanlagen, Verkorkmaschinen) für den deutschen Markt zu produzieren. Von 1913 bis 1934 nutzte die Autogenwerk Sirius GmbH das Areal zur Herstellung von Schweiß-, Löt- und Schneidanlagen. Laut Hausprospekt war Sirius im Ersten Weltkrieg für seine mobilen Schweißgeräte „bevorzugter Lieferant der Armee und Marine Deutschlands und der verbündeten Staaten“.
Nach der Insolvenz von Sirius kamen die Gebrüder Beyll. 1929 hatten Robert und Heinrich Beyll in Derendorf eine Zahnräderfabrik gegründet, die 1936 zur Waagenstraße verlegt wurde. Die Eisengießerei von Beyll war überregional bekannt und auf die Herstellung von Zahnrädern und Zahnradgetrieben für Industrieanlagen spezialisiert. Mehr als 70 Jahre gingen maßgefertigte Stirn-, Schnecken-, Joch-, Schwung-, Kegel- und Kettenräder wie auch Zahnstangen und Bremsscheiben in jeder Art und Größe von Eller in die ganze Welt hinaus.
Die für die Waagenstraße namensgebende „Düsseldorfer Waagen- und Maschinenfabrik“ wurde 1866 in der Friedrichstadt gegründet und 1904 von Eduard Schmitt nach Eller verlegt. Der Düsseldorfer Kaufmann hatte hier in unmittelbarer Nachbarschaft zu Deckers & Boese eine neu errichtete Produktionshalle erworben und in der Folgezeit das Areal (heute Waagenstraße 20) mit zahlreichen Werkstätten und Verwaltungsgebäuden flächendeckend überbaut. Neben Haushalts- und Geschäftswaagen wurden in Eller alle Art von Waagen für Eisenbahnen, industrielle und gewerbliche Zwecke (zum Beispiel Lkw-Waagen) hergestellt. Zeitweise auch Hebezeuge wie Baukräne oder Fahrstühle.
Kaum hatte die Waagenfabrik die Produktion aufgenommen, gab es schon Ärger mit den Nachbarn. In einem Gesuch an den Eller Bürgermeister Josef Stick beschwerten sich die Anwohner der Mühlenstraße 1904 über „die vielen schweren Fuhrwerke, welche nach der in diesem Jahre neuerbauten Fabrik von Schmidt & Co. gefahren sind“ und „die Mühlenstraße derart zerbrochen, daß dieselbe von einem menschlichen Fuße nicht mehr betreten werden kann“. Eine Folge war, dass „die Brot-, Milch- und Flaschenbierfahrer überhaupt nicht mehr zu bewegen sind, durch die Straße zu fahren, wodurch sich die Anwohner schwer geschädigt fühlen, indem die Waren mit großen Unannehmlichkeiten auf andere Weise beschafft werden müssen“.
Wann der Missstand beseitigt und die Straße ordentlich befestigt wurde, ist nicht bekannt. Während des Zweiten Weltkrieges war auf dem Werksgelände ein großes Barackenlager für Zwangsarbeiter eingerichtet, um die Produktion der nunmehr kriegswichtig gewordenen Waagen aufrechtzuhalten. In den 1960er Jahren zog Schmitt-Waagenbau in die Friedrichstadt zurück. Das südliche Fabrikgelände wurde an die Karstadt AG verkauft, die alle aufstehenden Gebäude abreißen und die noch heute bestehende Großlagerhalle am Dillenburger Weg errichten ließ. In den letzten Jahrzehnten verschwanden auch auf dem nördlichen Teil nach und nach alle Gebäude der ehemaligen Waagenfabrik. Erhalten ist nur noch die Produktionshalle von 1904, die heute von der Elektrofirma Kai Hofmann genutzt wird.
Der Deckerschen Maschinenfabrik und der Schmittschen Waagenfabrik folgten weitere Kleinfabriken. 1919 kam die Metallgießerei von August Büchsenschütz (später Malmedie Kames) am Dillenburger Weg 34 hinzu. Die Metallgießerei Dillenberg wurde 1919 von Friedrich Dillenberg und Karl Grüne in Bilk zur Herstellung von Gleitlagern, Verschleißplatten, Gelenksteinen und Kugelschalen gegründet und Mitte der 1920er Jahre zur Waagenstraße 25 verlegt. Die Gießerei ist noch heute als letztes Relikt der Industrialisierung von Eller in Betrieb.
Schmitt, Beyll, Kames und Dillenberg sind vielen Menschen im Quartier als Arbeitgeber gut in Erinnerung. Unrühmlich ist die Erinnerung an einen Redestillationsbetrieb, der an der Waagenstraße in den 1980er Jahren Lacke und Lösungsmittel unsachgemäß lagerte und so enorme Grundwasserschäden verursachte, die nur mit hohem Zeit- und Kostenaufwand zu beseitigen waren.
Der Investor DBW 50 hat einen Großteil der alten Gewerbeflächen an der Waagenstraße erworben und wird das Areal nach einem Werkstattverfahren in Wohnraum umwandeln. Ausgenommen sind die Betriebsanlagen von Dillenberg und Hofmann. Ob weitere geschichtsträchtige Fabrik- und Verwaltungsgebäude, wie das Frontgebäude der ehemaligen Zahnräderfabrik mit dem markanten Firmenlogo der Gebrüder Beyll, erhalten bleiben oder in die Neuplanung integriert werden können, wird das Werkstattverfahren und letztendlich das Amt für Denkmalschutz entscheiden.