Kurzfassung des Artikels:

  • Die Premiere von „Der Sandmann“ im Schauspielhaus Kiel wurde vom Publikum mit frenetischem Jubel und stehenden Ovationen gefeiert.
  • Regisseur Dariusch Yazdkhasti inszeniert E.T.A. Hoffmanns Novelle mit üppigen Bildern und vielfältigen Theatereffekten.
  • Die Inszenierung lässt die Grenzen zwischen Realität und Wahnsinn verschwimmen und enthält gesellschaftskritische sowie humorvolle Elemente.
  • Das achtköpfige Ensemble glänzte in einer technisch perfekt gesteuerten Illusion.

Mehr lesen

größer alsGrößer als Zeichen

Welch ein Spektakel! Bereits der Applaus zur Pause geriet zum frenetischen Jubel, das erste Ausrufungszeichen war damit gesetzt. Tatsächlich feierte das Publikum im Kieler Schauspielhaus die Premiere von „Der Sandmann“ am Ende mit Bravorufen, minutenlangem Beifall und stehenden Ovationen. Hochverdient war diese einhellige Begeisterung, denn Regisseur Dariusch Yazdkhasti und sein achtköpfiges Ensemble zündeten ein echtes Feuerwerk.

1816 veröffentlicht, erzählt E.T.A. Hoffmanns Novelle von Nathanael. Als Junge zu Tode erschreckt durch die Geschichte vom Sandmann, der den Kindern Sand in die Augen streut, die ihnen daraufhin blutig aus dem Kopf springen, überträgt er seine Angst auf einen nächtlichen Gast des Vaters, der mit diesem zu geheimnisvollen Aktivitäten in einem Hinterzimmer verschwindet.

Nathanael verliebt sich in einen Automaten in Frauengestalt

Als der Vater nach einem solchen Besuch tot aufgefunden wird, ist Nathanaels Trauma perfekt. Jahre später wird es durch den Besuch eines Hausierers, der ihn an den Gast seines Vaters erinnert, wiedererweckt. Als selbst seine kluge Verlobte Clara ihn nicht mehr erreichen kann, verliebt er sich unsterblich in Olimpia, einen Automaten in Frauengestalt. Denn sie allein scheint ihn zu verstehen.

Ein Automat, verehrt als verständiges Wesen? Sieht nicht heute so Mancher auch im Smartphone ein quasi menschliches Gegenüber? Leise klopft da ein gesellschaftskritischer Gedanke an. Und weil Olimpias Konversationsmöglichkeit sich in einem „Ach, Ach“ erschöpft, sind die Lacher garantiert. Und nicht nur hier.

Romantisches Schauermärchen in üppigen Theatereffekten

Lustvoll zelebriert der Regisseur die Amplituden des romantischen Schauermärchens mit einer üppigen Bilderflut und bedient sich dabei aus der schier unerschöpflichen Trickkiste der Theatereffekte. Es blubbert und dampft aus riesigen Kochtöpfen und laborartigen Versuchsanordnungen, weißer Trockennebel umwabert die Figuren und wenn im Schattenspiel der vermeintliche Sandmann mit Nathanaels Vater in der alchemistischen Küche rumort, ergießt sich der Nebel wie ein roter Blutstrom über die Bühne.

Gespielt wird auf zwei Ebenen. Im dunklen Orchestergraben sitzen die Figuren an pultartigen, blau beleuchteten Tischen. Die einen machen sich für den Auftritt zurecht, andere hantieren mit Utensilien aus dem Chemiebaukasten.

Wie die Bühne Nathanaels Verwirrung zeigt

In der Mitte hockt Nathanael alias Tomte Heer, dessen blasses Gesicht auf eine Videowand projiziert wird. Während er seine Geschichte erzählt, wechselt er auf die so sparsam wie effektvoll bestückte Bühne (Ausstattung: Julia Hattstein). Dann ist er der kindliche Beobachter, der sich vor Angst gelähmt hinter monströsen Holztüren versteckt, um den Vater (Zacharias Preen) und dessen schaurigen Gast (Marko Gebbert) zu belauschen.

Hin und her wechseln die Spieler zwischen den Ebenen, den Rollen und jeder übernimmt mal den Part des Erzählers. Im Zuge von Nathanaels fortschreitender Verwirrung wird das Bühnengeschehen überlagert durch Projektionen, die zu Doppelbildern verschmelzen.

Wie Olimpia das Publikum zum Chor macht

Die Grenzen zwischen Realität und Wahnsinn verschwimmen durch diese technisch perfekt gesteuerte Illusion (Team Sights and Sounds) und irgendwann mündet alles in einer ausgelassenen Party zur Präsentation der Puppe Olimpia (pointiert in einer Doppelrolle als Clara und Olimpia: Jennifer Böhm).

Christian Kämpfer als „Vater“ des Automaten mutiert hier vom verschrobenen Professor zum charismatischen Feierbiest und macht das Publikum zum vielstimmigen Chor. Musikalisch begleitet wird nicht nur die durchgeknallte Partyszene aus dem Orchestergraben. In dieser famosen Produktion ist eben alles handgemacht. Großartig.

Nächste Aufführungen sind am 29. April, 7. und 8. Mai. Beginn 20 Uhr. Tickets unter www.theater-kiel.de und 0431/901901.