Zwischen Büchern und Krieg
Bibliothekarinnen aus der Ukraine erzählen von ihrem Alltag
28.04.2026 – 14:44 UhrLesedauer: 2 Min.
Nataliia Moroz, Dr. Jochen Johannsen, Nataliia Kalinichenko: Sie sprachen an der RWTH über die Funktion von Bibliotheken im Krieg. (Quelle: RWTH Aachen/Judith Peschges)
Zwei Bibliothekarinnen aus Chernihiv in der Ukraine berichten an der RWTH von ihrem Arbeitsalltag zwischen Büchern und dem Krieg.
Zwei Bibliothekarinnen aus der ukrainischen Stadt Chernihiv haben Ende April an der RWTH Aachen von ihrem Arbeitsalltag im Krieg berichtet. Nataliia Moroz und Nataliia Kalinichenko waren rund 40 Stunden unterwegs, um vom 22. bis 25. April an einer Fachtagung teilzunehmen.
Die Leiterin der Universitätsbibliothek Chernihiv, Nataliia Moroz, traf dabei erstmals persönlich auf Dr. Jochen Johannsen, Leiter der RWTH-Bibliothek. Beide stehen seit etwa einem Jahr im Austausch. Der Kontakt entstand im Mai 2025 in einer Gruppe deutscher und ukrainischer Bibliotheksleitungen.
Der Krieg prägt den Arbeitsalltag der beiden Frauen seit mehr als vier Jahren. Besonders zwischen Ende Februar und Anfang April 2022 stand Chernihiv unter starkem Beschuss. Auch die Universitätsbibliothek der Frauen wurde getroffen. Heizungs- und Wassersysteme fielen aus, Räume liefen voll, Bücher wurden zerstört.
Moroz berichtet, sie hätten sich im ersten Kriegsjahr angewöhnt, in Thermokleidung zu schlafen und wichtige Dokumente stets griffbereit zu halten. Kalinichenko ergänzt, man überlege im Gebäude ständig, wie schnell man ins Freie gelangen könne. Nach 2022 trafen weitere Angriffe die Bibliothek im April 2024 und im September 2025.
Trotz regelmäßiger Luftalarme versucht Kalinichenko, ihren Alltag fortzuführen. Sie wolle im Hier und Jetzt leben und nicht auf ein Kriegsende warten, erzählte sie an der RWTH. Zwischenzeitlich hielt sie sich mehrere Monate in Wien auf, kehrte aber zu ihrer Familie zurück. Seit rund anderthalb Jahren arbeitet sie in der Bibliothek. Von ursprünglich 18 Beschäftigten seien vier gegangen. Viele Bibliotheken in der Ukraine hätten mit Personalmangel zu kämpfen.
Auch für Studenten habe sich die Situation stark verändert, erzählt die Bibliothekarin. Viele nutzten digitale Angebote, könnten diese wegen häufiger Stromausfälle zu Hause jedoch oft nicht abrufen. Die Bibliothek übernehme deshalb eine zentrale Funktion. Sie biete WLAN, Arbeitsplätze und Strom. Moroz erklärt, die Türen stünden allen offen, auch Menschen, die lediglich ihr Smartphone laden wollten.
An der RWTH stößt der Austausch auf großes Interesse. Johannsen betont, neben der Solidarität profitiere man vor allem vom fachlichen Dialog und den Perspektiven der ukrainischen Kolleginnen. Rund 70 Teilnehmende verfolgten den Vortrag der beiden Gäste auf der Tagung der wissenschaftlichen Universalbibliotheken. Die Stadt Aachen pflegt eine Partnerschaft mit Chernihiv.
