Den Harburger Binnenhafen von der Wasserseite aus entdecken und dafür nichts bezahlen? Dieses Angebot kam in vergangenen Jahr bei Ausflüglern und Neugierigen in Hamburgs Süden sehr gut an. Der Museumshafen Harburg hatte dafür extra zwei Kanus angeschafft, die sich jeder ausleihen kann – unter einer Bedingung: Beim Wasserausflug muss Müll aus den Hafenbecken gefischt werden.

Das Abendblatt ist regelmäßig im Harburger Binnenhafen unterwegs. Wer das bezaubernde Viertel lieber an Land erkunden möchte: Dieser Rundgang ist jetzt im Frühling ein echter Genuss – und zudem ein Geheimtipp. Die Autorin lebt nämlich dort. Und auch die Gratis-Kanutour hat unser Reporter persönlich getestet.

Harburger Binnenhafen per Kanu erkunden, das geht kostenlos – unter einer Bedingung

Es ist gar nicht so lange her, dass der Binnenhafen als eine von Harburgs Schmuddelecken galt. Längst jedoch sind die Schrotthöker, Kraftfuttermühlen, Kohlenhändler und Seifensieder, die einst den Hafen und seine Kanäle säumten, schicken Büros und Wohnungen gewichen.

Und doch treibt immer wieder Müll auf der Wasseroberfläche, und er treibt nicht weiter, denn der Binnenhafen ist ein geschlossenes Gewässer. Der Unrat muss abgefischt werden.

Green Kanu: Müllpaddeln im Binnenhafen

So geht Green Kanu im Harburger Binnenhafen: Nikolaus fischt mit dem Greifer ein Stück Plastikplane von der Wasseroberfläche. Vera hält das Boot ruhig.
© HA | Lars Hansen

An diesem Tag gehen Jenny und Stefan sowie Vera und Nikolaus aufs Wasser. Die Kanus liegen beim Messboot an der Fischhalle. Hier nimmt Museumshafenmeister Andreas Koenecke, genannt Köni, die Paddelwilligen in Empfang. Köni, wettergegerbtes Harburger Original, weist die Kanufahrer ein und gibt ihnen Paddel, Rettungswesten, Sammeleimer, Greifzange und Kescher.

Green Kanu: Müllpaddeln im Binnenhafen

Museumshafenmeister Andreas „Köni“ Koenecke: ein wettergegerbtes Harburger Original.
© HA | Lars Hansen

Kaum in der Elbe, entdecken Vera und Nikolaus schon eine Plastikplane

Dann geht es von der Kaikante am Kaufhauskanal hinaus auf den wesentlich breiteren Lotsekanal. Der ist aufgrund seiner Größe und Lage und auch wegen der Museumsschiffe das Vorzeigebecken des Binnenhafens. Doch Vorzeigecharakter hin oder her: Kaum im Hauptwasser, haben Vera und Nikolaus auch schon ein Stück Plastikplane entdeckt – oder gewarschaut, wie es auf dem Wasser heißt.

So sehr die Bauleute auch auf Ordnung und Sicherheit achten: Ein heftiger Windstoß, und schon ist etwas fortgeweht.

Green Kanu: Müllpaddeln im Binnenhafen
Werner Pfeiffer, Binnenhafen-Urgestein

Das treibt da vor sich hin und tut ganz harmlos, ist es aber nicht. Vögel können sich darin verfangen, Fische daran knabbern und das Plastik in die Nahrungskette bringen; und wenn es von Sonnenlicht und anderen Einflüssen in kleinere Teile zersetzt wird – ganz verschwunden ist es erst in einer Ewigkeit – gerät dabei unter Umständen auch unschöne Chemie ins Wasser. Vera manövriert das Boot heran, Nikolaus greift die Plane mit der Teleskopzange ab und lässt sie in den Eimer feiern. So einfach geht Weltretten.

„Es ist immer ganz unterschiedlich, wo der Müll treibt“, sagt Koenecke. „Oft sammelt er sich am Ende der Kanäle. In welchen Kanälen ist dann meistens eine Frage der Windrichtung der letzten Tage.“

Museumsschiffer achten auf Sauberkeit, um ihren Liegeplatz nicht zu gefährden

Müll im und auf dem Wasser ist in ganz Hamburg ein Problem. Meist ist es achtlos an den Ufern gelassener Unrat oder auch achtlos über Bord von Freizeitbooten und Ausflugsdampfern geworfener Abfall. Das ist in Harburg jedoch selten. Die Museumsschiffer achten auf Sauberkeit, um ihren Liegeplatz nicht zu gefährden, und auch die wenigen verbliebenen „Traumschiffe“, die erst noch wieder schön und seetauglich werden sollen, sind längst kein Quell des Unrats mehr.

Yachthafen Harburg Hermann Friedemann

Allerdings sind die Kanalkanten vielerorts von Baustellen gesäumt. „Und so sehr die Bauleute auch auf Ordnung und Sicherheit achten: Ein heftiger Windstoß, und schon ist etwas fortgeweht“, sagt Binnenhafen-Urgestein Werner Pfeiffer. Wie der dicke Fetzen Plastikplane, den Nikolaus gerade geangelt hat: Eben noch half er, Leichtbausteine oder Isolierwolle auf der Palette zu halten, schon fliegt er sekundenlang durch die Luft und treibt dann tagelang auf dem Wasser.

Auffällig: Im Harburger Binnenhafen ist noch Platz zum Paddeln

Das Reinhalten öffentlicher Flächen ist neben einer Bürgerpflicht eigentlich auch die Aufgabe der Stadt, nur wer soll sie leisten? Kein Fahrzeug der Stadtreinigung kann schwimmen. Die Hamburg Port Authority hat ihre Verantwortung für den Binnenhafen an den Bezirk Harburg abgegeben und der hat kein Personal dafür. Also doch wieder die Bürger.

„Ich kann so Angenehmes mit Nützlichem verbinden“, sagt Jenny, die mittlerweile auch schon Beute gemacht hat, „Entspannung, Entdeckungen und ein gutes Gewissen; das ist eine schöne Kombination.“

Café im Klohaus: Sweet amd Salt in harburg

Verfallene Hallen alter Ölmühlen: Ein Lost Place vom Wasser aus

Was auffällt: Während es auf vielen Hamburger Gewässern langsam zu Gedränge kommt, ist das Lifestyleschippern hier im Binnenhafen noch nicht angekommen. Wohl auch, weil es nur wenige Stellen gibt, an denen man bequem ein Fahrzeug zu Wasser lassen kann. Auch am Wochenende hat man hier reichlich Platz mit dem Kanu.

Und den kann man ordentlich genießen: Die Müllflottille biegt in den Ziegelwiesenkanal ein und bestaunt einen Lost Place von hinten: Alte Ölmühlenhallen, unter Denkmalschutz aber ohne absehbare Nutzung; gefangen hinter dem Teil der Fabrik, in dem weiter produziert wird, und der wegen der Lebensmittelhygiene und der Unfallsicherheit auch nicht jedermann einfach durchqueren darf. Sichtbar sind die verfallenden Hallen nur vom Wasser aus.

„Es gibt im Binnenhafen so einige Lost Places, die man nur mit dem Boot erfahren kann“, sagt Köni, „und wir bieten die Gelegenheit dazu.“

Kanu-Tour mit Beifang: Wie man bei Green Kanu im Harburger Hafen mitmachen kann

Wenn alles läuft, soll Green Kanu jeden Freitag bis Sonntag die beiden Boote bereitstellen. Dafür brauchen Köni und Co allerdings noch Mitstreiter für die Ausgaben von Kanus und Ausrüstung. Wer es sich vorstellen kann, ab und zu am Wochenende ehrenamtlich ein paar Stunden am Wasser zu sitzen, erreicht Koenecke unter der Telefonnummer 0151 41 24 75 45.

Buchen kann man ein „Green Kanu“ übers Internet. Wer das Angebot schon am ersten Maiwochenende nutzen möchte, sollte schnell sein: Es sind nur noch wenige Slots verfügbar.