Junge Männer, die sich in Schützengräben kauern oder einfach in Bombentrichter. Artillerie, die aus getarnten Stellungen einen unsichtbaren Feind beschießt. Infanterie, die über offenes Feld hastet, um dem Feuer zu entgehen. Städte, die nur noch öde Ruinenfelder sind. Die Bilder, die der russische Angriffskrieg in der Ukraine produziert, kommen dem kulturellen Gedächtnis Europas bekannt vor: Das sieht bisweilen aus wie der Erste Weltkrieg in Farbe. 1916, aber hochauflösend.

Ein zermürbender Stellungskrieg, dessen Front sich hundertmeterweise durchs Land frisst, wenn sie sich überhaupt bewegt – das hat Europa vor 110 Jahren schon einmal erlebt, und nicht nur Laien fühlen sich daran erinnert. „Eine menschenverachtende Strategie“ sei das, sagte kürzlich im Interview mit dem „Spiegel“ die Militärhistorikerin Beatrice Heuser und zog explizit Parallelen zwischen dem deutschen Ziel, die Franzosen in Verdun „ausbluten“ zu lassen, und der russischen Ermattungsstrategie im Donbass.

Das ist das eine Gesicht dieses Krieges. Das andere ist das einer grundlegenden Veränderung. Drohnen haben das Geschehen an der Front völlig verändert, indem sie aus der schmalen Hauptkampflinie eine „Todeszone von 30 bis 50 Kilometer Tiefe“ gemacht haben, „in der kaum Bewegung möglich ist“. So drückte es jüngst in der „Frankfurter Allgemeinen“ der Militärhistoriker Sönke Neitzel aus. Der Historiker und Direktor des Deutschen Panzermuseums, Ralf Raths, berichtete unlängst in einem Vortrag beim Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr: Auf dem Schlachtfeld in der Ukraine kämpfen bereits unbemannte Luft- gegen unbemannte Landfahrzeuge – Ansätze eines Roboterkriegs.

Raumgreifende Operationen sind unter diesen Bedingungen extrem schwierig. Das haben die Russen in den ersten Kriegswochen erfahren, als ihr Großangriff auf Kiew scheiterte. Neitzel fasst es so: „Die Defensive scheint erstmals seit mehr als 100 Jahren der Offensive wieder überlegen; wir sehen keinen Bewegungskrieg, keine großen Durchbruchsschlachten, die den Krieg schnell entscheiden.“

Es ist ein großer Abnutzungskrieg, wie ihn Europa lange nicht gesehen hat – seit den beiden Weltkriegen nicht. Beide wurden am Ende durch zahlenmäßige Überlegenheit der Alliierten (Neitzel: an „Masse und Feuerkraft“) entschieden, auch wenn beide Male der nach der Papierform schwächere Gegner, Deutschland mit seinen Verbündeten, seinem Ziel ziemlich nahegekommen war.

Die Gräuel des Ersten Weltkriegs

Abnutzungskriege gibt es in Europa, seit es etwas abzunutzen gibt. Das nationale Massenheer erfand die Französische Revolution – es ersetzte die verhältnismäßig kleinen Formationen der Kabinettskriege des 18. Jahrhunderts. Und die Industrialisierung ermöglichte die Produktion von Material in allergrößtem Maßstab. Ergebnis waren erst als glorreich wahrgenommene, relativ kurze Offensivfeldzüge wie der Deutsch-Französische Krieg 1870/71, dann, mit immer weiter steigender Feuerkraft und besserer Verteidigung, die Gräuel des Ersten Weltkriegs, in dem erst ganz am Ende, nach entsetzlichen Verlusten, die panzergestützte Offensive wieder die Oberhand gewann.

Zu besichtigen ist an der ukrainischen Front, rein militärtechnisch, die Koinzidenz von Altem und Neuem. Weitet man aber den Blick, dann zeigt dieser Krieg (ebenso wie der amerikanisch-israelische gegen den Iran) Konstanten menschlicher Unzulänglichkeit. Eine „historische Wiederholungsstruktur“ nannte neulich im Interview der Historiker Jörn Leonhard die Erwartung eines schnellen Sieges – und ebenso „die Erfahrung, dass genau das nicht funktioniert“. Raths identifiziert als sozusagen allgemeingültigen Irrtum die Erwartung, „der nächste Konflikt werde wie der jetzige Konflikt sein“. Zu ergänzen wäre die Fehlannahme, der jetzige Konflikt werde wie der vorherige sein. Neitzel betont das langsame Lernen der Militärs in allen Kriegen und kritisiert die Bundeswehr für mentale Trägheit im Drohnenzeitalter.

All das steht im Grundsatz schon beim Altmeister der Militärstrategie, dem Preußen Carl von Clausewitz (1780–1831). Der unterschied den „absoluten“ Krieg, „das sogenannte Mathematische“, vom „wirklichen“ Krieg, dem „Spiel von Möglichkeiten, Wahrscheinlichkeiten, Glück und Unglück“. In Leonhards Worten: „dass sich jeder einmal ausgebrochene Krieg vom geplanten oder ausgebrochenen Krieg unterschied“. Clausewitz nennt das den „Nebel einer mehr oder weniger großen Ungewissheit“ und stellt nüchtern fest: „Die Mehrheit der Fälle wird den fehlenden Verstand immer an den Tag bringen.“ Bezahlt wird dafür freilich nicht im Generalstab, sondern im Schützengraben.

Je höher die Kosten, desto schwieriger ein Kompromiss

Im Nebel des Krieges kann sich auch eine völlige Eskalation verbergen, erst recht mit zunehmender Dauer – je höher die Kosten bereits sind, desto schwieriger wird ein Kompromiss; der Erste Weltkrieg ist das klassische Beispiel dafür. Während der Ukraine-Krieg in der Abnutzung festzustecken scheint, hängt der Irankrieg in dieser Schwebe zwischen (zumindest teilweiser) Befriedung und Ausweitung.

Mag der Krieg auch noch so oft sein Gesicht wandeln, mag er noch so oft alte Muster in neuen Variationen enthüllen – durch alle Zeiten und an allen Orten gültig bleibt der Satz des Nordstaatengenerals William T. Sherman (1820–1891) aus dem Amerikanischen Bürgerkrieg: „War is hell.“ Krieg ist die Hölle. Egal ob in Verdun, Stalingrad oder Pokrowsk.