In Essen als einst größter Bergbaustadt Europas wird schon lange keine Steinkohle mehr gefördert. Und doch lebt der Geist des Bergbaus weiter. In den Geschichten, den Erinnerungen und vor allem in den Menschen, die ihn geprägt haben.
Wer heute am Baldeneysee unterwegs ist, kann sich kaum vorstellen, welche Betriebsamkeit hier einst unter Tage herrschte. Wo nun der Freizweitwert ganz oben steht, da dröhnten die Maschinen, da wurde hochwertige Kohle gefördert, da schufteten Menschen unter Tage.
Wenn sich am 2. Mai die ehemaligen Bergleute der Großzechen Pörtingssiepen und Carl Funke, aber auch der Kleinzechen Herman und Ludscheid zum 53. Mal treffen, gibt es viel zu erzählen. Die Anekdoten werden nur so durch den Raum fliegen, so manche Geschichte der Kumpel wird kaum zu glauben sein. Aber man spürt, was wirkliche Kameradschaft bedeutete vor Ort.
Der Essener Dirk Hagedorn hält Bergbaugeschichte lebendig
Hobbyhistoriker Dirk Hagedorn organisiert den Treff. Er ist der Enkel eines dieser Bergleute, für die ihre Arbeit „auf Zeche“ noch eine Ehre war. Er hat es sich zur Herzensaufgabe gemacht, die Geschichte des Bergbaus im Essener Süden lebendig zu halten, und die Erinnerung an die harte, aber stolze Arbeit der Männer unter Tage nicht verblassen zu lassen.
Hagedorn weiß: „Es war eine Zeit, die viele stark geprägt hat. Wo man sich auf den Kumpel verlassen konnte.“ Und eines ist sicher: Wo auch immer Bergleute zusammenkommen, da erklingt das Steigerlied. Das „Glückauf“ wird als Gruß an die Kameraden von damals verstanden und zugleich als Zeichen dafür genommen, dass die Geschichte des Bergbaus im Ruhrtal für immer weiterlebt. Es ist eine beeindruckend lange Tradition.

Die Essener Schachtanlage Pörtingssiepen nach Bau der neuen Turmförderanlage über Schacht 2 im Jahr 1960. In der Mitte der Lokschuppen der Hespertalbahn.
© Slg. Richard Voigt, Koloration: Dirk Hagedorn

Ein frühes Bild der Zeche Hermann an der Essener Hespertalstraße, mit dem hölzernen Kohlenbunker zur Beladung der Autos. Rechts im Hintergrund das Stollenmundloch.
© Kurt Hege, Koloration: Dirk Hagedorn

Die Zeche Joseph im Essener Süden vor 120 Jahren. Im Hintergrund ist der Betriebsführer Heyer der Zeche Adler zu sehen, links Fahrhauer Robert Krampe. Am rechten unteren Bildrand befand sich ein Turm mit Siebanlage.
© Slg. Paul Krampe, Koloration: Dirk Hagedorn

Ein Werbeschild für Anthrazit-Nussbriketts aus dem Essener Hespertal.
© Repro: Daniel Henschke
Die Wurzeln der Zeche Pörtingssiepen zum Beispiel reichen weit zurück: Bereits 1779 taucht der Name „Poertings‑Siepen“ erstmals in einer Concession auf. Zunächst wurde im Stollenbergbau gewonnen und mühsam zu den Niederlagen an der Ruhr transportiert.
Doch schon 1835 wagte man den Schritt zum Tiefbau und teufte bei den Fischlaker Höfen den ersten Schacht ab. Weil die Bergleute der Kohle in immer größere Tiefen folgen mussten – von der dritten zur sechsten Sohle – wurde immer neuere, stärkere Fördergerüste und später auch Förderturme notwendig.
Rekord 1968: Essener Verbundzeche förderte über 1,14 Mio. Tonnen Kohle
Der Ursprung der Zeche Carl Funke liegt im Stollenbetrieb Hundsnocken, der bereits 1773 erwähnt wurde. 1967 schlossen sich beide Betriebe zu einem Verbundbergwerk zusammen. Dazu gehörten auch die Anlagen Gottfried Wilhelm, Prinz Friedrich, Düschenhofer Wald, Altendorfer Tiefbau, Dahlhauser Tiefbau sowie die Felder Adler und Victoria.
Dirk Hagedorn rechnet vor: „In ihrer besten Zeit 1967 arbeiteten hier 3008 Menschen, davon 2083 unter Tage. Nur ein Jahr später erreichte die Zeche mit über 1,14 Millionen Tonnen Anthrazitkohle ihre Rekordförderung. Diese hochwertige Kohle war wegen ihres hohen Heizwerts und der raucharmen Verbrennung besonders beliebt.“
Herausforderungen und Grenzen des Tiefenbergbaus im Essener Süden
Die Produktion war technisch ausgereift: Aus Feinkohlen wurden mit Steinkohlenteerpech kleine Briketts gepresst, im Volksmund nur „Eierkohlen“ genannt. 1972 erstreckte sich das Grubenfeld über 53,3 Quadratkilometer, das untertägige Streckennetz zog sich über 74 Kilometer.
Doch der Bergbau im Essener Süden war alles andere als einfach. Die Flöze des Verbundbergwerks waren dünn, steil und lagen tief. Und sie konnten nicht sinnvoll mechanisiert abgebaut werden. Über Blindschächte ging es bis in rund 1000 Meter Teufe, eine enorme Herausforderung, die den Abbau zunehmend unrentabel machte.
Dirk Hagedorn lädt für Samstag, 2. Mai, zum traditionellen Kumpel-Treff ein. Los geht es um 17 Uhr im Landgasthaus Stolberg (Im Hefel 9, 42551 Velbert). Eingeladen sind ehemalige Bergleute, ihre Frauen, Angehörige, Freunde, aber auch Menschen, die einmal authentische Bergbau-Geschichten hören möchten.
Wer mit Dirk Hagedorn in Kontakt treten möchte, erreicht ihn unter 0151 17423797 oder unter dirk-hagedorn@gmx.net. Er freut sich über jeden, der Fotos, Unterlagen oder persönliche Erinnerungen zur Geschichte des Bergbaus im Essener Süden oder zur Hespertalbahn beisteuern möchte.
Die riesigen Wasserzuflüssen waren ein großes Problem. Rund 40.000 Kubikmeter Grubenwasser mussten Tag für Tag abgepumpt und in die Ruhr oder später in den Baldeneysee geleitet werden. Das viermal so viel, wie an Kohle gefördert wurde.
Am 30. Dezember 1972 wurde schließlich die Förderung auf Pörtingssiepen eingestellt und vollständig auf Carl Funke verlagert. Doch nur wenige Monate später wurde das gesamte Verbundbergwerk stillgelegt. Die Brikettfabrik auf Carl Funke hielt noch bis zum 31. März 1975 durch. Dann war endgültig „Schicht im Schacht“.
Kohleförderung der Essener Kleinzeche Joseph erfolgte im Stollenbetrieb
Dirk Hagedorn widmet sich aber auch den Kleinzechen Joseph, Herman und Ludscheid. Die Zeche Joseph (1845-1906) im Hespertal verfügte über keinen Schacht, die Kohleförderung erfolgte ausschließlich im Stollenbetrieb. Die geförderte Kohle wurde von den Förderwagen auf Pferdefuhrwagen umgeladen und weitertransportiert.
Es war eine Zeit, die viele stark geprägt hat. Wo man sich auf den Kumpel verlassen konnte.
Dirk Hagedorn, Bergbau-Historiker
Die Zeche Hermann wurde 1948 gegründet und baute zunächst die Kohle noch im Stollenbetrieb ab. Bereits 1950 folgte der Schritt in den Tiefbau: Im Hespertal begann man mit dem Abteufen eines tonnlägigen Schachts.
Eine Besonderheit dieser Zeche war, dass bis zum Betriebsschluss am 31. Mai 1964 unter Tage noch mit Pferden gearbeitet wurde. Die Tiere zogen die Förderwagen. Ihre höchste Förderung erreichte die Zeche im Jahr 1960 mit 27.428 Tonnen Kohle, gewonnen von 96 Kumpeln.
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Die Belegschaft wechselte komplett zur 1959 entstandenen Zeche Ludscheid an der Ludscheidtstraße. Der Betrieb wuchs schnell: Bereits 1964 wurden dort 100.174 Tonnen Kohle mit 194 Bergleuten gefördert. Doch am 14. April 1967 wurde die Anlage und endgültig stillgelegt, mit zum Schluss 212,5 Metern Teufe.