
AUDIO: Was das Smartphone diktiert: Schüler-Performance mit Joachim Bosse (4 Min)
Stand: 28.04.2026 10:23 Uhr
Der Künstler Joachim Bosse hat eine Aktion entwickelt, bei der Hamburger Schülerinnen und Schüler Social Media Feeds aus dem Smartphone auf Zettel schreiben. Das Ziel: den Medienkonsum zu hinterfragen und die digitale Gegenwart lesbar machen.
Joachim Bosse hat 2023 ganze 24 Stunden lang abgeschrieben, was ihm sein Smartphone vorgegeben hat. Da ist eine Menge zusammengekommen. Diese Performance mit dem Titel „Diktat“ hat er mit Hamburger Jugendlichen im Ernst-Deutsch-Theater und den Deichtorhallen weitergeführt. Jetzt öffnet er es für alle Interessierten im Internet über „Open Diktat„.
Lustige, poetische und oft inhaltslose Feeds

An seinem Kunstprojekt „Open Diktat“ können jetzt alle Interessierten teilnehmen.
„Ich liebe dich, obwohl du mir immer alles verkaufst“, „Dino-Nugget-Sucht geht zu weit“ oder „Warum fühlt es sich lowkey illegal an, an Selbstbedienungs-Kassen zu klauen?“ Manchmal lustig, fast poetisch, oft aber ziemlich zusammenhangs- oder gar inhaltslos: So lesen sich die handgeschriebenen Zettel.
Joachim Bosse sammelt sie auf seiner Website „Open Diktat“. Dort sind sie in Reihen nebeneinander gelegt. Da lässt sich schier endlos an ihnen herunterscrollen. Es sind Sätze, Sprüche, einzelne Wörter oder Comicbilder, die Schülerinnen und Schüler aus ihren eigenen Social-Media-Feeds abgeschrieben haben.
Dieses Experiment solle nicht zeigen, wie schlecht es um unsere Kommunikation stehe, sagt der Performancekünstler. Vielmehr gelte es, dem mit Humor zu begegnen. „Ich glaube, das hat man ganz gut in den Ausschnitten gesehen. Da musste man schon schmunzeln.“ Wenn man die Textausschnitte aus dem Kontext gerissen betrachte, denke man sich schon: ‚Was sehe ich die ganze Zeit?‘
Nachdem Joachim Bosse zunächst seinen eigenen Social-Media-Feed abgeschrieben hatte, brachte er das „Diktat“ mit Lehrerin Miriam Höfler an die Hamburger Heinrich-Hertz-Schule. So entstanden gemeinsam mit Jugendlichen Fortsetzungen des Experiments: erst im Ernst-Deutsch-Theater, dann in den Deichtorhallen. In zäher Fleißarbeit haben Lena, Piet und ihre Mitschülerinnen und Mitschüler stundenlang mit der Hand aufgeschrieben, was ihnen ihr Handybildschirm „diktiert“ hat.
Experiment zeigt Wirkung

Dieser Satz steht in einem Feed in den Social Media Kanälen, den Schülerinnen und Schüler abgeschrieben haben.
„Am Anfang habe ich dadurch realisiert, was ich hier eigentlich gerade schreibe und was für ein Schwachsinn das ist“, sagt Lena. „Meines Erachtens ist der Sinn des Projektes zu zeigen, wie absurd es ist, dass wir so viel Zeit mit diesen absurden Themen verbringen, die im Endeffekt so irrelevant sind“, erzählt Piet.
Ihre Lehrerin Miriam Höfler war fasziniert von der Wirkung des Experiments: „Obwohl jeder für sich scrollt und schreibt, entstand eine Gemeinschaft, wo jeder geguckt hat: Was schreibt der andere, was hast du aufgeschrieben?“ Durch Social Media scrollen sei ein „sich-eigentlich-nicht-konzentrieren“, erklärt die Lehrerin, weil man sofort alles wieder vergesse, aber bei der Performance sei das anders. „Da passiert eine Umkehr: Man konzentriert sich nämlich plötzlich und schreibt das auf. Man redet und kommuniziert. Was sonst eigentlich jeder für sich macht.“
Großes Interesse: Projekt wird ausgeweitet
Nach diesen öffentlichen Diktaten haben sich viele Lehrende und Jugendliche bei Joachim Bosse gemeldet. Das Interesse war so groß, dass er das Projekt nun ausweitet. Auf der Website von Open Diktat stehen Anleitungen bereit. Hier können nach den Diktaten auch die handgeschriebenen Ergebnisse hochgeladen werden. Die sollen schließlich in einem Buch erscheinen und ausgestellt werden.
„In gewisser Weise ist das auch ein Austausch“, sagt Lena. Man erkenne da, was andere Menschen in dem jeweiligen Feed gesehen hätten. Das mit seinem eigenen zu vergleichen, sei spannend. Der Content variiere in den unterschiedlichen Schulen und in den verschiedenen Stadtteilen, sagt die Schülerin. Lena und ihre Mitschülerinnen und Mitschüler finden diesen Austausch sinnvoller als die viel diskutierten Smartphone- oder Social-Media-Verbote.
Austausch ist besser als ein Verbot
Auch Höfler begrüßt diese Ebene der Performance. „Über dieses Thema der jungen Generation sollen nicht nur die Erwachsenen sprechen“, sagt die Lehrerin. Sie möchte keine starren Verbote: „Sondern dass sie an einer Thematik partizipieren, die sie am meisten betrifft und die ihre Lebenswelt ist.“ Diese Lebenswelt will Joachim Bosse in den kommenden anderthalb Jahren dokumentieren. Er sagt: „‚Open Diktat‘ soll die digitale Gegenwart lesbar machen.“

Ein Social-Media-Verbot für Kinder widerspricht dem Recht auf digitale Teilhabe. Dabei gäbe es andere Lösungen – ein Kommentar.

Das Projekt von Künstler Joachim Bosse lässt Schülerinnen und Schüler die Inhalte aus Social-Media-Feeds im Rahmen einer Performance per Hand abschreiben.

In einer von Künstler Joachim Bosse inszenierten Performance haben Elftklässler acht Stunden lang TikTok-Reels abgeschrieben.