Ähnlich mirakulös erscheint der Journalismus, der in den Ulmer NPG-Köpfen herumgeistert. Dass er von „erstklassiger Qualität“ ist, ist heute üblicher PR-Sprech, andererseits muss er billig sein, woraus ein gewisser Widerspruch entsteht, weil Qualität auch etwas mit der Quantität des Personals zu tun hat. Womöglich war es die Künstliche Intelligenz, welche die Seite eins der „Südwest Presse“ vom 10. April 2026 gestaltet hat. “Eine Gigant verlässt die Bühne” steht neben einem Foto von Mario Adorf, der gestorben war. Und keiner hat’s bemerkt. Eine oder ein Gigant? Egal, Schwamm drüber. Nur ein SWP-Leser, der den Beleg in die Redaktion schickt, ist mächtig sauer.

„Die Klicks, das sind Sie liebe Leser!“

Vielleicht sollte Simmet auch mal in der „Stuttgarter Zeitung“ vom 27. April nachlesen, was deren Vize-Chefredakteurin Anne Guhlich in der „Woche der Pressefreiheit“ so alles zu ihrer Arbeit zählt: Tagelange investigative Recherche und harte Verhandlungen „mit unseren Juristen über jedes Wort“. In diesem Stress, den einfaches Redaktionspersonal so nicht kennt, wünscht sich Guhlich („Gemeinsam für guten Journalismus“) die Solidarität der zahlenden Kundschaft. “Die Klicks, das sind Sie, liebe Leserin und lieber Leser!”, formuliert sie. “Wer heute anspruchsvolle Lektüre nachfragt, wird morgen mehr davon erhalten.” Das kann schwer werden, je nach Definition des Anspruchs. Simmet hat schon angekündigt, nicht mehr als einen Anwalt fürs Ringen „über jedes Wort“ bezahlen zu wollen.

Der frühere Luftwaffenoffizier bündelt lieber die Kräfte. Für die überregionale Berichterstattung hat er die „Neue Berliner Redaktionsgesellschaft“ (NBR), die alle NPG-Titel mit Politik, Wirtschaft und Kultur bedient. Für den Südwesten unterhält er ein Landesbüro in Stuttgart, aus dem elf Zeitungsverlage ihre Texte abrufen können, was dazu führt, dass Sie, liebe Leserin und lieber Leser, überall dieselben Autorinnen und Autoren lesen. Egal, ob Sie in Freiburg, Stuttgart, Ulm oder Finsterwalde sitzen. Und ganz neu: vier „Baden-Württemberg-Teams“. Sie sollen sich ab Oktober um Wirtschaft und Auto, Gesundheit und Familie, Kultur und Aktuelles kümmern. Letzteres von sogenannten Express-Reportern. Unklar ist noch, wo die Teams angesiedelt sind, wie groß sie sein werden und wie sie sich in den wieder einmal neuen Strukturen zurechtfinden sollen. Klar ist nur, dass damit viele Journalist:innen in den Mantelredaktionen, die für Bund, Land und Region zuständig sind, ihre Jobs verlieren werden.

Der neue Bogen ist breit aufgestellt

Das ist nicht mehr die Welt von Uwe Bogen. Die Entwicklungen im Pressehaus hätten ihm den „Abschied erleichtert“, bilanziert er nach 30 Jahren, in denen er gerackert hat wie ein Brunnenputzer, als Chronist der Stadtgeschichte („Stuttgart – kleine Geheimnisse einer großen Stadt“) noch 20 Bücher geschrieben und ein Netzwerk gestrickt hat, das seinesgleichen sucht. Weil er aber nicht für die Rente geschaffen ist, wie er sagt, macht er einfach weiter. Mit einem eigenen Online-Magazin, das „EchtStuttgart“ heißt, nach eigenen Angaben schon „irre gut läuft“ mit 50.000 Aufrufen bislang, komplex und überraschend breit aufgestellt ist.

Bogen hängt die Latte hoch, will nicht nur feiern, er will auch Haltung zeigen, die Demokratie schützen und zur Solidarität mit denen aufrufen, „denen es nicht so gut geht“. Eine Rubrik hört auf den Namen „Helfen macht happy“. Früher hätte er wohl auf Anahita Rehbein gesetzt, die ehemalige Miss Germany, die Krach mit ihrem Fitnessstudiogatten hat. Sein Lieblingsfoto heute zeigt ihn zusammen mit den Botschaftern der Stuttgarter “Children Cancer Foundation” John Miller und Alexander Pauls, die ihren aggressiven Krebs überlebt haben und sich am 8. Mai auf eine Radtour nach Indien begeben, um über diesen Weg Geld zu sammeln. Darüber zu berichten und die ersten Werbeeinnahmen zu spenden, sei ihm ein Herzensanliegen, schreibt Bogen. Jetzt, wo er selbstbestimmt leben könne, wolle er auch noch „etwas Sinnvolles für die Allgemeinheit“ tun. Man ist versucht, dem guten Mann ein „Weiter so!“ zuzurufen.