Es war einer dieser Momente, in denen man kurz innehält – und dann doch handelt. An der Stadtbahnhaltestelle Münsterstraße in Düsseldorf-Derendorf liegt eine Taube zwischen den Gleisen. Sie flattert panisch, kommt aber nicht vorwärts. Neben ihr steht eine ältere Dame und stupst das Tier vorsichtig mit ihrem Gehstock an. Ob aus Unsicherheit oder dem Versuch zu helfen, lässt sich schwer sagen. Klar ist nur: Die Taube muss hier weg.

Ich hebe sie auf. Sie ist erstaunlich leicht, zittert, aber wehrt sich kaum. Was jetzt? Eine schnelle Recherche führt mich zum Tierheim Düsseldorf. Am Telefon bekomme ich eine klare Ansage: vorbeibringen.

Improvisierter Transport quer durch die Stadt

Die nächste Herausforderung: der Transport. Ohne lange zu überlegen, frage ich eine Passantin, ebenfalls eine Seniorin, ob sie mir ihre Einkaufstüte überlassen kann. Sie zögert kurz, dann nickt sie. Ich setze die Taube hinein. Das Rascheln wird schnell weniger, das Tier beruhigt sich. Schon da habe ich das Gefühl: Mit dem rechten Bein stimmt etwas nicht.

Mit der Straßenbahn fahre ich Richtung Rath. Es ist eine dieser Fahrten, bei denen man sich der Blicke bewusst ist. Einige Schulkinder kichern, zeigen auf die Tüte, aus der es gelegentlich raschelt. „Was ist da drin?“, fragt eines. „Eine Taube“, sage ich. Es folgt ungläubiges Staunen.

Vom Ausstieg sind es nur noch ein paar Minuten zu Fuß bis zur Rüdigerstraße. Im Tierheim nimmt mich Marius Kehren in Empfang, Tierpfleger und stellvertretender Leiter. Ein kurzer Blick genügt ihm. „Ja, bei der Guten ist das Bein gebrochen.“ Routiniert, fast beiläufig – und doch nicht gleichgültig. Ich fülle ein Online-Formular zum Fund der Taube aus, dann überlasse ich ihm die Patientin.

Ein Blick hinter die Kulissen

Auch einige Tage später lässt mich die Sache nicht los. Was ist aus Gudrun geworden, wie ich die Taube in dem Moment getauft hatte? Ich verabrede mich erneut mit Kehren. Er muss schmunzeln. „Ganz genau erinnern kann ich mich nicht. Dafür sind es einfach zu viele Tauben.“ Tatsächlich werden im Düsseldorfer Tierheim jedes Jahr Hunderte verletzte oder geschwächte Vögel abgegeben – allein Stadttauben machen einen erheblichen Teil aus. Doch als wir den Fall gemeinsam rekonstruieren, wird klar: Es geht ihr gut.

„Einen gewöhnlichen Bruch bekommen wir meistens in zwei bis drei Wochen ausgeheilt“, erklärt Kehren. In der Quarantänestation zeigt er mir andere Fälle. Eine Taube mit schweren Kopfverletzungen, vermutlich von Artgenossen attackiert. Andere sind stark abgemagert. „Die Tiere finden oft nicht genug Futter“, sagt er. Gerade in dicht bebauten Stadtteilen fehle es an geeigneten Nahrungsquellen, gleichzeitig erschweren Vergrämungsmaßnahmen das Leben der Tiere zusätzlich.

Das Tierheim Düsseldorf ist für leidgeplagte Patienten gut gerüstet. Neben Hunden und Katzen werden hier regelmäßig auch Wildvögel aufgepäppelt – von Amseln über Krähen bis hin zu Stadttauben. Viele Tiere kommen geschwächt an, werden medizinisch versorgt, gefüttert und – wenn möglich – wieder ausgewildert. Gerade während der Brutzeiten ist die Station oft am Limit.

Mehr als ein „Stadtproblem“

Ein wichtiger Teil der Arbeit ist zudem das sogenannte Stadttaubenmanagement. Das Tierheim betreibt mehrere betreute Taubenschläge. Dort finden die Tiere Futter und Nistmöglichkeiten, gleichzeitig werden gelegte Eier gegen Attrappen ausgetauscht, um die Population tierschutzgerecht zu regulieren. Ein Ansatz, der langfristig sowohl das Tierleid reduzieren als auch Konflikte in der Stadt entschärfen soll.

Denn das Image der Taube ist schlecht – oft zu Unrecht. „Tauben sind nicht die Ratten der Lüfte“, sagt Kehren deutlich. „Sie übertragen kaum Krankheiten, die für Menschen gefährlich sind, und sind sehr soziale Tiere.“ Der Taubendreck, über den man sich im Stadtbild schon mal aufregen kann, ist auch deswegen so eklig, weil die Tauben oft nur Müll essen. „Hätten die Tauben gutes Futter, wäre das gar kein so großes Problem“, sagt Tierpfleger und Vogelexperte Kehren. Tatsächlich stammen Stadttauben von gezüchteten Haustauben ab, die vom Menschen ausgesetzt oder zurückgelassen wurden. Sie sind auf urbane Strukturen angewiesen – und damit indirekt auch auf uns.

Wie verhält man sich bei der Vogelrettung richtig?

Bleibt die Frage: Habe ich alles richtig gemacht? Kehren antwortet ehrlich: „Teils, teils.“ Vor allem der Transport in einer Plastiktüte sei problematisch. „Da bekommt die Taube zu wenig Sauerstoff.“ Besser seien Kartons mit Luftlöchern oder Stoffbeutel. Auch ein einfaches T-Shirt könne helfen: „Die Taube darin einwickeln, sodass nur noch der Kopf rausschaut. Wichtig ist, dass sie sich nicht bewegen und entwischen kann.“

Dass ich die Taube nicht gefüttert habe, sei indes kein Problem. „Das ist für diese kurze Zeit kein Muss. Sollte man eine Taube mal für eine Nacht mit nach Hause nehmen müssen, kann man etwas Mais, Erbsen und Hirse geben. Wasser aber immer nur in flachen Schalen bereitstellen“, so Kehren. Letzterer Punkt sei wichtig, damit eine stark geschwächte Taube in einem tiefen Gefäß nicht ertrinken kann.

Gudrun wird also wieder gesund. Und ich nehme aus dieser Begegnung mehr mit als nur eine ungewöhnliche Straßenbahnfahrt: den Eindruck, dass hinter jeder scheinbar alltäglichen Szene in der Stadt ein größeres Thema stehen kann. In diesem Fall eines, das oft übersehen wird.