Wenn Michal Svironi am Donnerstag, 7. Mai, die Bühne im FFT Düsseldorf betritt, bringt sie mehr mit als nur ein Theaterstück. Ihre Arbeit „Carte Blanche“ ist persönlich, politisch und aktuell brisant. Als israelische Künstlerin sieht sie sich seit dem 7. Oktober mit einer Realität konfrontiert, die auch ihre internationale Arbeit massiv beeinflusst. „Viele Türen haben sich geschlossen“, sagt sie. Einladungen wurden zurückgezogen, Gastspiele abgesagt. Dabei trifft es oft nicht die politischen Entscheidungsträger, sondern die Künstler selbst. „Wenn man uns boykottiert, gibt man den Regierungen eigentlich mehr Macht“, so Svironi.
Dass sie nun dennoch in Deutschland auftritt, ist alles andere als selbstverständlich. Reisen sind komplizierter geworden, die Resonanz ambivalent. Und doch steht sie auf der Bühne – „in einem Raum voller Erinnerungen“, wie sie beschreibt, mit den Stimmen ihrer Vorfahren im Rücken. Ihre Großeltern überlebten den Holocaust, ein Erbe, das in „Carte Blanche“ unmittelbar präsent ist.
Das Stück ist weit entfernt von klassischem Puppentheater. Svironi nennt ihre Form „Mal-Theater“: eine Verbindung aus Performance und Live-Malerei. Bilder entstehen auf der Bühne, werden verändert, übermalt, zerstört. „Es gibt Dinge, die Worte nicht ausdrücken können“, sagt sie. „Bilder sprechen für sich und wirken weiter.“ So entsteht eine visuelle Sprache, die Erinnerungen, Traumata und familiäre Muster sichtbar macht – und zugleich transformiert.
Im Zentrum steht eine einfache, aber radikale Frage: Ist ein Neuanfang, eine Art Rest möglich? Oder sind wir dazu verdammt, Schmerz und Angst weiterzugeben? Svironi selbst bleibt skeptisch: „Es ist sehr kompliziert. Ein Stück allein kann das nicht lösen. Aber es kann etwas in Bewegung bringen.“
Mit diesem eindringlichen Stück wird ein Festival eröffnet, das bewusst mit Erwartungen bricht. Denn Puppentheater – das soll das „2nd Celluloid Golem International Puppet Art Festival 2026“ zeigen – ist längst keine Domäne für Kinder mehr. Im Gegenteil: „Viele Arbeiten sind komplex, manchmal düster – und richten sich eher an Erwachsene“, erklärt Kuratorin, Ilanit Magarshak-Riegg vom Bühnencomic-Duo half past selber schuld. Ursprünglich 2018 aus einem Filmprojekt hervorgegangen, verbindet das Festival jetzt Theater, Kurzfilm, Installation und Performance. Der Neustart nach der Pandemie erforderte Zeit: Förderanträge mussten geschrieben, internationale Kooperationen auf den Weg gebracht werden. Doch die Szene sei gut vernetzt – von den USA bis China, von Europa bis Südamerika. „Wir sind nicht riesig“, sagt Magarshak-Riegg, „aber unglaublich vielfältig.“
Ein zentraler Bestandteil ist die Ausstellung „The Art of Puppetry“ im Theatermuseum Düsseldorf, die bereits am Sonntag, 3. Mai, anläuft. Dort treffen internationale Positionen aus Brasilien, Kanada, den USA und Europa aufeinander. „Die Arbeiten sind oft experimentell, manchmal verstörend – und eröffnen neue Perspektiven auf Körper, Material und Bewegung“, sagt die Kuratorin ein. Auch das Filmprogramm gehört zu den Highlights: Unter dem Titel „Best of Puppet Shorts“ werden außergewöhnliche Kurzfilme gezeigt – von Stop-Motion-Produktionen bis zu dokumentarischen Arbeiten. Viele dieser Filme sind sonst kaum zugänglich, laufen nur auf spezialisierten Festivals oder entziehen sich klassischen Kategorien. „Die Schublade für Puppenfilm ist sehr klein“, so Magarshak-Riegg. „Hier bekommt man die seltene Gelegenheit, diese Arbeiten überhaupt zu sehen.“
Erstmals in Düsseldorf findet zudem am Freitag, 8. Mai, ein „Puppet Slam“ statt – ein Format, das aus den USA stammt. Künstlerinnen und Künstler präsentieren dabei in wenigen Minuten kurze, oft überraschende Performances mit Puppen oder Objekten. Der Charme liegt im Unvorhersehbaren: „Too short to suck“, heißt es augenzwinkernd. Interessierte können sich noch für die Teilnahme anmelden.
Ergänzt wird das Programm durch Workshops, etwa zum Puppenfilm oder Schattenspiel mit Overhead-Projektionen. Bis Sonntag, 10. Mai, dreht sich alles um die Welt der Puppen im FFT Düsseldorf. Jetzt Karten sichern, lohne sich, meint Magarshak-Riegg. „Einige Angebote sind bereits stark nachgefragt, die Plätze begrenzt.“