Die Staatsanwaltschaft legte der 67-Jährigen in ihrem Schlussvortrag unter anderem versuchten gemeinschaftlichen Mord und schweren bandenmäßigen Raub mit Waffen zur Last. Laut Anklage soll Klette 13 Überfälle mit den ehemaligen mutmaßlichen RAF-Mitgliedern Ernst-Volker Staub und Burkhard Garweg begangen haben. Die beiden Männer sind weiter auf der Flucht.

Die Staatsanwaltschaft fordert 15 Jahre Haft für Daniela Klette. Welches Strafmaß die Nebenklage und die Verteidigung für angemessen halten, ist noch nicht bekannt. Der Schlussvortrag der Nebenklage soll heute folgen. Das Plädoyer von Klettes Verteidigung könnte am 12. und 13. Mai gehalten werden. Ein Urteil wird gegen Ende Mai erwartet. Falls das Gericht Klette wegen mehrerer Verbrechen verurteilt, bildet es eine Gesamtfreiheitsstrafe. Die Zeit, die Klette in Untersuchungshaft saß, würde angerechnet werden.

Bei den Überfällen soll Klette meistens das Fluchtauto gefahren haben. Dabei sei das Trio „arbeitsteilig und äußerst konspirativ“ vorgegangen, sagte die Staatsanwaltschaft. Ihr zufolge verkleideten sich die Verdächtigen mitunter mit Perücken und falschen Schnurrbärten. Den Ermittlungen zufolge planten sie die Verbrechen genau: Sie sollen unter falschen Namen Fahrzeuge gemietet, die Tatorte ausgespäht und gezeichnet haben. Auch über die Aufteilung der Beute sollen sie vorher gesprochen haben.

Das kann man zum jetzigen Zeitpunkt des Verfahrens noch nicht beantworten. Aber: Die Ermittler haben in Klettes Wohnung in Berlin brisante Beweise sichergestellt – unter anderem eine Panzerfaust-Attrappe, Kriegswaffen wie ein Sturmgewehr und eine Maschinenpistole. Außerdem fanden die Beamten ein Kilogramm Gold und mehr als 240.000 Euro Bargeld. Zum Verhängnis könnten Klette auch Fotos, Skizzen und Aufzeichnungen von ausspionierten Supermärkten und Polizeiwachen in Bremen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen werden. Selbst ihre Anwälte streiten deshalb nicht ab, dass Klette in irgendeiner Form beteiligt war.

Die entscheidende Frage ist, ob das Gericht Klette nachweisen kann, dass sie bei den Überfällen dabei war. Zwar berichteten mehrere Augenzeugen vor Gericht von drei Menschen am Tatort, doch ihre Erinnerungen sind nach all den Jahren verschwommen. Ermittler fanden in Fluchtautos DNA-Mischspuren – darunter sollen laut einer Expertin Spuren von Daniela Klette sein. Doch Klettes Anwälte bezweifeln, dass die Mitarbeiterin des Landeskriminalamts Niedersachsen sauber gearbeitet hat. Im Zweifel muss das Gericht für die Angeklagte entscheiden.

Nach Einschätzung des Landgerichts Verden würden sie im Falle einer Verurteilung nicht entscheidend ins Gewicht fallen. Die Staatsanwaltschaft verwies zudem darauf, dass Zeuginnen und Zeugen so eine mögliche Aussage vor Gericht erspart bleibe. Betroffen sind Überfälle in Northeim, Celle und Stade in Niedersachsen, in Elmshorn in Schleswig-Holstein sowie in Löhne in Nordrhein-Westfalen.

Im Prozess vor dem Landgericht Verden geht es nur um die Überfälle, mit denen die mutmaßlichen ehemaligen RAF-Terroristen ihr Leben im Untergrund von 1999 bis 2016 finanziert haben sollen. Zu dem Zeitpunkt hatte sich die RAF schon aufgelöst. Die mutmaßliche Mitgliedschaft in der linksterroristischen Vereinigung selbst ist mittlerweile verjährt, doch Klette könnte noch wegen drei Anschlägen zwischen 1990 und 1993 vor Gericht kommen. Die Bundesanwaltschaft erhob deshalb kürzlich Anklage. Sie wirft Klette zweifachen versuchten Mord, die Beteiligung an versuchten und vollendeten Sprengstoffanschlägen, erpresserischen Menschenraub sowie besonders schweren Raub in Mittäterschaft vor. Der Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts Frankfurt am Main muss noch entscheiden, ob und wann es zum Prozess kommt.

Ob die Halle in Verden nach dem Urteil leer steht oder anders genutzt werden soll, ist laut niedersächsischem Justizministerium noch unklar. „Wenn das Strafverfahren tatsächlich beendet ist, wären die Möglichkeiten einer etwaigen anderweitigen Nutzung des Objekts zu prüfen“, teilte eine Sprecherin mit. Für das Verfahren unter besonderen Sicherheitsvorkehrungen wurde eine Reithalle zu einem Gerichtssaal umgebaut. Die Miete, inklusive der Ausgaben für den Umbau, kostet laut Justizministerium rund 3,6 Millionen Euro.