Der Beschuldigte in einem Prozess um den tödlichen Stoß gegen die 16-jährige Liana vor einen Güterzug in Niedersachsen

Stand: 29.04.2026 15:27 Uhr

Nach dem Tod von Liana K. am Bahnhof in Friedland muss ein 31-Jähriger in die Psychiatrie. Das hat das Landgericht Göttingen entschieden. Es ist überzeugt, dass der Mann die 16-Jährige gegen einen Zug gestoßen hat.

Dadurch erlitt Liana K. unter anderem ein Schädel-Hirn-Trauma und starb sofort. Da es keine Zeugen für den Vorfall gibt, fußt das Urteil auf Indizien. Dazu gehört vor allem ein Gutachten, das DNA-Spuren des 31-Jährigen im Schulter- und Rückenbereich der Toten nachweist. Die DNA am Rücken sei plausibel nur damit zu erklären, dass der 31-Jährige Liana K. gestoßen habe, so das Gericht. Zeugenaussagen und ein psychiatrisches Gutachten belegten dem Richter zufolge, dass der verurteilte Mohammed A. zum Tatzeitpunkt schuldunfähig war – wegen einer paranoiden Schizophrenie. „Wir gehen davon aus, dass Herr A. gefährlich ist für die Allgemeinheit“, sagte der Vorsitzende Richter bei der Urteilsverkündung am Mittwoch. Für ihn werde die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus angeordnet.

Revision gegen Urteil möglich

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Der Verteidiger des 31-Jährigen kündigte an, in Revision zu gehen und das Urteil vom Bundesgerichtshof prüfen zu lassen. Der Anwalt der Nebenklage konnte am Mittwoch noch nicht sagen, ob die Mutter von Liana K. in Revision gehen möchte. Das müsse man noch besprechen, so der Anwalt.

Liana K. starb im Spätsommer 2025

Am Bahnhof in Friedland stehen Bilder, Kerzen und Blumen, die an den Tod von Liana K. erinnern.

Mehr als acht Monate nach dem Tod von Liana K. im Bahnhof in Friedland stehen dort Bilder, Blumen und Kerzen zu ihrem Gedenken.

Liana K. starb am 11. August gegen 16 Uhr am Bahnhof in Friedland (Landkreis Göttingen). Sie war mit dem Kopf gegen einen durchfahrenden Güterzug gestoßen. Gutachtern zufolge war sie auf der Stelle tot. Die junge Frau war mit ihrer Mutter nach Deutschland geflohen, im vergangenen Spätsommer begann sie in Friedland eine Ausbildung zur Zahnarzthelferin. Wie während der Verhandlung deutlich wurde, hatte sie an ihrem Todestag eine Wohnung in Friedland gefunden, das Pendeln aus dem benachbarten Thüringen wäre ihr erspart geblieben.

Ein Foto der toten 16-Jährigen steht mit einer Kerze und einer roten Rose am Bahnhof Friedland.

Ein abgelehnter Asylbewerber wird verdächtigt, sie gegen einen Zug gestoßen zu haben. Den Behörden wird Versagen vorgeworfen.

Sicherungsverfahren statt Prozess

Gegen den nun verurteilten 31-Jährigen lief ein Sicherungsverfahren. Vor Gericht hatte ein Gutachter geschildert, dass A. schon lange eine Schizophrenie habe, er sei bereits in seinem Heimatland in Behandlung gewesen. Weitere Aussagen unter anderem von Polizisten und Mitbewohnern in der Flüchtlingsunterkunft deuteten in die gleiche Richtung. Wegen eines anderen Vorfalls war A. noch am Tag der Tat in eine Psychatrie gekommen. Der Täter selbst hatte in dem Verfahren weitgehend geschwiegen.

Das Sicherungsverfahren

Ein Sicherungsverfahren wird dann anstelle eines Strafprozesses angesetzt, wenn es sich bei dem mutmaßlichen Straftäter um eine psychisch kranke, schuldunfähige Person handelt. Während des Verfahrens entscheidet das Gericht, ob der Beschuldigte in einer Psychiatrie untergebracht wird. Ist dies der Fall, ist die Unterbringung unbefristet. Sie wird jedoch jedes Jahr neu überprüft. Erst wenn die Verurteilten als ungefährlich gelten, werden sie entlassen.

Tod löste mehrere Debatten aus

Der aus dem Irak stammende Mann hatte in der Friedländer Erstaufnahmeeinrichtung für Geflüchtete gelebt. Vor der Tat soll er zwischenzeitlich nicht auffindbar gewesen sein, was eine Debatte zum Umgang mit abgelehnten Asylbewerbern auslöste. A. war nach Angaben des Innenministeriums 2022 über Litauen in die EU eingereist. Eine Abschiebung in das eigentlich für ihn zuständige EU-Land hatte ein Gericht wegen möglicher Mängel in Litauens Asylsystem zunächst gestoppt, ab März vergangenen Jahres wäre sie möglich gewesen. Der Fall floss außerdem in die ohnehin geplante Reform zum Umgang mit psychisch kranken und möglicherweise gefährlichen Personen ein.

Drei Männer laufen auf den Eingang eines Gebäudes zu.

Nach dem Fall Friedland sollen sich Kliniken und Behörden in Niedersachsen besser austauschen. Ein Problem dabei: der Datenschutz.

Ein Frau sitzt an einem Tisch und legt einen Laptop auf eine Mappe.

Nach dem Tod einer 16-Jährigen spricht die Opposition im Landtag von Systemfehlern. Auch Innenministerin Behrens sieht Reformbedarf.