Halle. Nun ist es in einer Telefonschalte nicht so leicht, seine Antwort blitzschnell rauszuhauen. Man muss aufgrund der geringfügigen Verzögerung etwas warten, bis der Gesprächspartner fertig ist. Diesen Moment hält Sally Lisa Starken auch ganz professionell ein – doch dann platzt es aus ihr heraus: „Das ist völliger Quatsch!“ Wenn die freie Journalistin, Autorin, Podcasterin und Content Creatorin so deutlich wird – wie lautete dann die Frage?

Es war die Frage, die aus ihrer Sicht die Grundlage so vielen Übels werden könnte: „Warum lassen wir die AfD nicht mal an die Regierung? Die entzaubert sich dann schon selbst.“ Dieses Narrativ ist durchaus verbreitet. Doch für die Journalistin, die mit ihrem Buch „Zu Besuch am rechten Rand – warum Menschen AfD wählen“ die Spiegel-Bestsellerliste eroberte, ist es brandgefährlich.

Die Bielefelderin hat sich mitten in ihrem Lesungsmarathon Zeit für ein Gespräch mit dem Haller Kreisblatt und Stefan Kuntze, Leiter der VHS Ravensberg, genommen. Denn auf Einladung der Volkshochschule kommt sie am Dienstag, 12. Mai, um 18 Uhr zu einer Lesung in das Bürgerzentrum Remise nach Halle.

Bielefelder Autorin warnt vor dem autoritären Drehbuch

Während sie noch Lesungen zum ersten Buch hält, gibt es bereits ihr nächstes: „Wenn der rechte Rand regiert“. Dafür reiste sie nach Polen, Italien und in die USA. Um Eindrücke davon zu sammeln, wie es in Ländern zugeht, in denen sich autoritäre Tendenzen bereits durchgesetzt haben.

Doch zurück zur „Quatsch“-These. „Rechte Kräfte haben ein autoritäres Drehbuch“, erklärt die 1990 geborene Politikexpertin. „Wenn sie an die Macht kommen, werden sie gestärkt. Vor allem in der Überzeugung, es nun auch anderswo zu schaffen. Dann könnten weitere Domino-Steine fallen.“

Sally Lisa Starken warnt wissenschaftlich unterfüttert davor, was passieren wird, wenn in einer Demokratie der einstmals rechte Rand salonfähig wird. „Darum ist der Start in meinen Lesungen auch zunächst nicht so mutvoll“, gibt Starken zu. Um dann sofort anzufügen: „Ich kann zwar die Politik nicht ändern, aber ich kann der Zivilgesellschaft Hoffnung geben.“ Darum sollen sich ihre Abende drehen.

Keine AfD im Haller Stadtrat bedeutet nicht Entwarnung


Sally Lisa Starken wird am 12.. Mai in Halle aus ihren Büchern lesen und über die Gefahr vom rechten Rand sprechen. - © Daniel Dittus

Sally Lisa Starken wird am 12.. Mai in Halle aus ihren Büchern lesen und über die Gefahr vom rechten Rand sprechen.
| © Daniel Dittus

Sally Lisa Starken hat in den vergangenen Jahren viele Menschen getroffen, die rechts wählen oder rechte Überzeugungen vertreten. Und sie betont: „Nur weil zum Beispiel in Halle und den umliegenden Kommunen die AfD nicht im Stadtrat sitzt, bedeutet das ja nicht, dass dieses Problem hier nicht existiert.“

Gewinne die AfD die Wahl in Sachsen-Anhalt, könne das zum Beispiel Auswirkungen auf die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks haben, wenn sie den Rundfunk-Staatsvertrag aufkündige. „Die AfD regiert längst mit, sie befindet sich in einem Kulturkampf“, erklärt die Journalistin. „Wenn die Zivilgesellschaft sich weiter wegduckt, können extreme Parteien ihre Agenda ausspielen.“

Zeitgeist im Altkreis Halle: Ein bisschen rechts sein geht nicht

Noch so eine These, die Sally Lisa Starken aufregt: dass „Protestwähler“ der AfD ihre Stimme geben. „Die AfD war nie eine Protestpartei. Wer sie gewählt hat, tat das schon immer aus Überzeugung. In der Hoffnung auf vermeintlich einfache Lösungen in unsicheren Zeiten.“

Ungarn macht Sally Lisa Starken Hoffnung – aber nur ein wenig

All das nur achselzuckend zu akzeptieren, weil man mit überzeugten Gegnern der demokratischen Parteien ja eh nicht diskutieren könne, ist für Starken ein gefährlicher Trugschluss: „Dieses Ohnmachtsgefühl wollen die Autoritären.“ Auf diesem Nährboden könnten sie ihre Agenda umsetzen. Wozu das führt, hat die Bielefelderin in Polen, Italien und den USA gesehen.

Um zu verhindern, das demokratische Strukturen schwer umkehrbar abgebaut werden wie in Ungarn – „der Wiederaufbau nach Orbans Abwahl wird Jahre bis Jahrzehnte dauern“ -, müsse man in Deutschland wieder miteinander ins Gespräch kommen.

Für Sally Lisa Starken, die sich einst für die SPD engagierte und 2019 erfolglos für das Europaparlament kandidierte, kommt es darauf an, „soziale Probleme zu adressieren und Ungleichheiten zu überwinden“. Trotz ihrer schonungslosen Analyse glaubt sie daran, dass das noch möglich ist. Und es gibt tatsächlich Dinge, die ihr Mut machen: „Die Zivilgesellschaft in Deutschland ist gut organisiert. Beinahe in jedem kleinen Ort gibt es eine Demokratiebewegung.“

Bestseller-Autorin ist Ziel von rechtem Hass

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Wer sich so offen mit Rezepten gegen den Rechtsruck beschäftigt, wird selbst Ziel von rechtem Hass. „Die Bedrohungen sind vielfältiger geworden“, gibt Sally Lisa Starken zu. Nachdem sie bei der Gedenkfeier von Charly Kirk in den USA war, „habe ich danach zwei Wochen Morddrohungen in Bibelvers-Form erhalten“. Sie sei in der Betreuung von „Hate Aid“ und ansonsten froh darüber, „dass ich in Bielefeld lebe“.

Hintergrund: Reaktionen auf den Rechtsruck im Altkreis Halle

Für Sally Lisa Starken ist es wichtig, „dass der Großteil der Nachrichten positiv sind“. Es gehe ihr weiter darum, die Mechanismen für rechte Tendenzen zu verstehen: „Dafür stehe ich jeden Morgen auf. Um Menschen wachzurütteln, sie zumindest zum Nachdenken zu bringen.“

Sally Lisa Starken verspricht, dass man nach dem Abend in Halle „mit Mut nach Hause gehen kann“. Und wer jetzt sofort etwas tun will, um die Demokratie zu retten? „Der oder die spricht mit den Kindern am Frühstückstisch darüber oder traut sich die Diskussion mit anderen Menschen zu. Keine Angst, in Halle gibt es noch nicht so viele schwarze Verschwörungslöcher.“

Hier gibt es Karten für die Lesung in Halle

Daran wollen auch Stefan Kuntze und sein VHS-Team mitarbeiten: „Wir haben einen großen Vertrauensvorschuss bei den Menschen – gerade im Bereich Demokratieförderung. Darum ist dieser Abend so ein Highlight für uns“, betont Kuntze. Karten zum Preis von zehn (ermäßigt: acht) Euro gibt es unter www.vhs-ravensberg.de, unter Tel. 05201 81090 oder an der Abendkasse.

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