Unberechtigte Krankschreibungen? Gefälschte Diagnosen? Beihilfe zum Sozialbetrug im großen Stil? Mit derartigen Vorwürfen sieht sich derzeit der Stuttgarter Orthopäde Ulrich Marx konfrontiert. Kürzlich seien plötzlich Polizisten in seiner voll besetzten Praxis in der Sophienstraße in der Innenstadt aufgetaucht, hätten alles durchsucht, erzählt er unserer Redaktion.

Was ihn am meisten empört: Eine Festplatte mit 45.000 Patientendaten sei beschlagnahmt worden. „Ich habe nun einen Anwalt an meiner Seite und fordere die sofortige Herausgabe dieser sensiblen Unterlagen“, so Marx.

Darum geht es in dem Ermittlungsverfahren

Doch warum kam es überhaupt zur Razzia in seiner Praxis? Die Staatsanwaltschaft Stuttgart teilt auf Anfrage mit: „Die Durchsuchung erfolgte aufgrund eines gegen zwölf Beschuldigte geführten Ermittlungsverfahrens wegen des Verdachts des gewerbsmäßigen Betrugs.“

Die Beschuldigten stehen unter anderem im Verdacht, Scheinbeschäftigungen eingegangen zu sein, so Patrick Fähnle, Erster Staatsanwalt in der Pressestelle der Justizbehörde, weiter. Sie sollen durch „unrichtige Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen kurze Zeit nach vermeintlichem Arbeitsbeginn hohe Summen an Krankengeld“ bezogen haben, ohne dass sie darauf Anspruch gehabt hätten. „Es steht derzeit ein Schaden in Höhe von rund 400.000 Euro im Raum.“

Einem weiteren Beschuldigten, der Arzt sei, werde „Beihilfe zum gewerbsmäßigen Betrug zur Last gelegt“, indem er Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen ausgestellt haben soll – „ohne Untersuchung der Beschuldigten“, sagt Fähnle. Daher hätten die Ermittler bei der Durchsuchung auch Festplatten sichergestellt. Namen nennt die Staatsanwaltschaft nicht.

Stuttgarter Arzt geht in die Offensive

Doch Marx geht in die Vorwärtsverteidigung: Es stimme, dass er einen Patienten aus Stuttgart, der schon lange in seine Praxis komme, immer wieder krankgeschrieben habe, insgesamt über drei Jahre: „Er hatte verschiedene Gebrechen, stets mit starken Schmerzen verbunden“, betont der Mediziner.

Der Stuttgarter Orthopäde Ulrich Marx ist sich sicher: „Ich habe mir nichts vorzuwerfen.“ Foto: Privat

Seltsam sei ihm das nie vorgekommen: „Solche Fälle sind nicht selten oder unüblich.“ Einen Vorsatz, gar eine Beteiligung an Betrug, streitet er ab. Auch als später mehrere Bekannte des „Hauptverdächtigen“, wie Marx ihn nennt, zu ihm in die Praxis kamen, habe ihn das nicht stutzig gemacht. Diese insgesamt „um die zehn Patienten“ habe er ebenfalls krankgeschrieben, teils ein Jahr lang. „Selbstverständlich weil es die Diagnosen so verlangten“, wie er beteuert. Dass diese Männer bei seinem Bekannten angestellt gewesen sein sollen, zumindest auf dem Papier, sei ihm nur in zwei Fällen bewusst gewesen.

Stuttgarter Arzt fürchtet um seinen Ruf

Klar ist: der medizinische Dienst wurde aufmerksam. „Sieben Mal wurde bei mir nachgefragt. Aber meine Befunde und Therapieempfehlungen wurden in jedem der Fälle akzeptiert“, sagt Marx. Er habe sich nichts vorzuwerfen. Seit 40 Jahren sei er Arzt. „Wieso sollte ich etwas Unrechtmäßiges tun? Ich hätte doch gar keinen Vorteil.“ Noch nie sei er in Schwierigkeiten mit dem Gesetz geraten. Allerdings müsse er nun um seinen Ruf fürchten.

Laut Marx gab es zwar „keine Beanstandungen“, die Ermittlungen jedoch liefen längst. „Ins Visier bin dann auch ich geraten – und zwar, nachdem das Handy meines Bekannten beschlagnahmt worden war und Whatsapp-Chats zwischen uns entdeckt wurden“, vermutet der Orthopäde. Darin bat der Mann laut Marx um Verlängerungen für die Krankschreibungen. Zunächst habe er das zugesagt, diese aber nie an die Kassen weitergeleitet.

Stuttgarter Arzt sorgt sich um Datenschutz seiner Patienten

Letzteres sieht Marx nun gefährdet: „Es ist ein Skandal, dass die Daten von 45.000 Patienten beschlagnahmt wurden.“ Die ausgedruckten Akten der Verdächtigen hätten der Polizei nicht gereicht. Er fürchte nun um den Datenschutz. Mit dem Verkauf von Patientendaten sei viel Geld zu machen. „Man weiß ja, dass es auch bei den Ermittlern schwarze Schafe gibt“, unkt Marx. Inzwischen hätten sich einige Patienten bei ihm gemeldet, ihn beruhigt, Unterstützung angeboten.

Die Staatsanwaltschaft Stuttgart gibt derweil mit Hinweis auf die laufenden Ermittlungen „derzeit keine weiteren Auskünfte zu den Beschuldigten, deren Verbindungen zueinander und der Organisation der zur Last gelegten Betrugstaten“.