Literarisch ist Stefanie Bose bereits unzählige Male durch das westslowakische Trenčín gestreift. Die Leipzigerin hat im vergangenen Jahr den Roman „Denkst du noch an Trenčìn?“ von Lukáš Cabala übersetzt, eine Hommage an die Heimatstadt des Autors.
Spurensuche in der Europäischen Kulturhauptstadt Trenčín
Dafür hat sie viel im Internet recherchiert, zum Beispiel zur mittelalterlichen Burg. Diese thront auf einem Felsen über allem und von ihr aus kann man auf die durch den Fluss Waag geteilte Kleinstadt blicken. „Es werden dort viele Orte erwähnt, vom jüdischen Friedhof bis hin zur Synagoge“, erzählt Bose. Im Buch kämen aber auch unterirdische Geheimgänge vor. Man wisse beim Lesen des Buches nicht, was davon wirklich echt ist.
Damit ist die 42-Jährige bestens gerüstet für die kommenden Wochen und Monate, wenn sie sich in Trenčín, der Europäischen Kulturhauptstadt 2026 als Stadtschreiberin auf Spurensuche begibt. Eine Region kurz hinter der Grenze zu Tschechien, die sie bis auf ein paar Eindrücke, die von einer kurzen Stippvisite herrühren, noch kaum kennt. Im Gegensatz zum Rest des kleinen Landes.
Nach dem Abitur als Freiwillige in die Slowakei
Tatsächlich war ihr erster Aufenthalt in der Slowakei eher dem Zufall geschuldet. Nach dem Abitur hatte sie ihren Freiwilligendienst eigentlich in Südamerika machen wollen, erinnert sich Stefanie Bose, die aus Sondershausen in Thüringen stammt. Das hat nicht geklappt, stattdessen landete sie in der Ostslowakei, in Bežovce, einem 1.000-Seelendorf. Dort arbeitete sie für eine ortsansässige Organisation mit körperlich und geistig beeinträchtigten Menschen.
Gerade seit zwei Jahren ist die Kulturpolitik in der Slowakei extrem unter Druck.
Stefanie Bose, Autorin
Während junge Menschen dort vom Studieren und Arbeiten im Westen träumten, wie Bose erzählt, sei sie als erste internationale Freiwillige in den Osten gekommen. Das war prägend, auch für ihr Studium, das sie 2005 nach Leipzig führte. Weil es ihr als Freiwillige in der Slowakei gut gefallen habe und sie die Sprache sehr mochte, habe sie entschieden, nicht Ethnologin zu werden, sondern Slawistik zu studieren.
Stefanie Bose: Übersetzerin für Slowakisch und Tschechisch
Heute ist Stefanie Bose als Sprach- und Kulturmittlerin unterwegs, sie übersetzt aus dem Slowakischen, Lyrik, Erzählungen, aber auch aus dem Tschechischen und engagiert sich in Leipzig für die Städtepartnerschaft mit Brünn.
Das Stadtschreiberinnenamt für Trenčín, das vom Verein Deutsches Kulturforum östliches Europa ausgerichtet wird, ist nicht ihr erstes Residenzstipendium. Erst im vergangenen Jahr konnte sie in Banská Štiavnica ihr Übersetzungsprojekt „Hotel Balkán“ der slowakischen Autorin Miroslava Kuľková beenden. Ihr Highlight dabei: das Übersetzerfestival „Tranz“, das von kleinen Verlagen und Übersetzern ins Leben gerufen wurde, um den Berufsstand sichtbarer zu machen.
Slowakei: Kulturpolitik unter Druck
Gerade seit zwei Jahren sei die Kulturpolitik in der Slowakei extrem unter Druck, warnt Bose. Damit spielt sie auf Martina Šimkovičová an. Die Kulturministerin hat willkürlich unliebsame Direktorinnen und Direktoren staatlicher Kulturinstitutionen abgesetzt und Fördermittel für die freie Szene gestrichen. Nach wie vor protestieren die Kulturschaffenden in der Slowakei gegen ihre Politik.
Das wird auch Stefanie Bose beschäftigen. Sie hat sich vorgenommen, die Entwicklungen zu beobachten und an Veranstaltungen teilzunehmen. Ihre Erfahrungen will sie in ihren Blog einfließen lassen: ein Kulturblog in erster Linie, in dem Stefanie Bose in den kommenden sechs Monaten aus Trenčín und der Region berichten wird.
Bereits jetzt zeigt ein kurzer Blick auf die Seite: Schon zum Auftakt ist das Spannungsfeld zwischen Kulturhauptstadt und Kulturpolitik in der Slowakei Thema.
Redaktionelle Bearbeitung: hro, sg