Längst sind in der Kindertagespflege nicht mehr alle Plätze belegt. Im Rahmen einer bundesweiten Aktionswoche wollen Tagesmütter und -väter auf sich aufmerksam machen.

Es ist noch nicht lange her, da war es für Eltern ein Glücksfall, wenn sie einen Kita-Platz bekamen. Doch die Lage ändert sich. Es gibt immer weniger Kinder – zum einen, weil die Geburtenrate rückläufig ist, zum anderen, weil das Leben in Stuttgart für viele Familien zu teuer ist und sie wegziehen. Hinzu kommt, dass die Stadt vor dem Hintergrund des hohen Bedarfs und des gesetzlichen Anspruchs auf einen Betreuungsplatz kräftig in den Ausbau der Kitas und die Gewinnung von Fachkräften investiert hat – per se eine gute Entwicklung, die aber Auswirkungen hat.

Die Tagesmütter und -väter waren die ersten, die die Folgen zu spüren bekamen. Man beobachte die Situation schon länger und analysiere diese in Gesprächen mit dem Jugendamt und der Caritas, dem Träger der Kindertagespflege in Stuttgart, sagt Melanie Wilke. Die 50-Jährige ist seit 17 Jahren als Tagesmutter tätig und in ihrer Branche gut vernetzt.

Melanie Wilke arbeitet seit 17 Jahren als Tagesmutter. Foto: privat

Die Tagesmütter kritisieren, dass die Kindertagespflege zumindest in der Vergangenheit in den Planungen der Stadt nicht ausreichend berücksichtigt worden sei. Das Jugendamt erklärte dazu stets, dass es für die Stadt schwierig sei, mit der Tagespflege zu planen, weil sie selbständig arbeiten und man deswegen keinen Einfluss auf die angebotenen Betreuungsplätze habe.

Was sich in den vergangenen Monaten verbessert hat

In der Zusammenarbeit mit dem Jugendamt habe sich zuletzt insofern etwas verbessert, als dass eine feste Steuergruppe eingerichtet worden sei, sagt Wilke. In dieser Gruppe treffen sich regelmäßig Vertreter der Stadt, der Caritas und der Kindertagespflege, um gemeinsam aktuelle Themen zu besprechen. „Auch wenn die Ergebnisse nicht immer von allen Beteiligten als zufriedenstellend empfunden werden, ist der regelmäßige Austausch ein wichtiger Schritt nach vorne“, sagt Wilke. Ebenso plane man in der Öffentlichkeitsarbeit gemeinsame Projekte, so zum Beispiel aktuell für die bundesweite Aktionswoche der Kindertagespflege vom 4. bis 10. Mai.

Das sei notwendig, denn eine Umfrage unter Tagesmüttern und -vätern zeige weiterhin ein sehr gemischtes Bild, sagt Melanie Wilke. Während einige voll belegt seien, würden immer mehr von mehreren unbesetzten Betreuungsplätzen berichten, teilweise auch über längere Zeiträume hinweg.

Hinzu komme, dass die Planbarkeit in der Kindertagespflege stark abgenommen habe. Früher habe ein Betreuungsvertrag für ein einjähriges Kind in der Regel eine verlässliche Betreuung bis zum dritten Geburtstag bedeutet. Diese Sicherheit gebe es heute nicht mehr. „Zunehmend kommt es vor, dass Kinder vorzeitig in Kitas wechseln.“ Diese kurzfristigen Veränderungen könnten nicht nur für die Kinder problematisch werden, sondern auch für die Tagespflegepersonen. „Plätze, die langfristig eingeplant waren, fallen dadurch plötzlich weg.“ Und viele Tageseltern hätten keine Wartelisten mehr.

„Organisatorische und wirtschaftliche Herausforderungen“

„Insgesamt führt diese Entwicklung zu einer deutlich gestiegenen Unsicherheit“, sagt Wilke. Die fehlende Verlässlichkeit sei eine große organisatorische und wirtschaftliche Herausforderung. „Viele Tagesmütter und Tagesväter üben diesen Beruf seit langem mit großem Engagement aus. Umso belastender ist die aktuelle Situation, da inzwischen nicht wenige ernsthaft um ihre berufliche Zukunft und ihre Existenz bangen“, sagt Wilke.

Die Tageseltern steuern gegen. „Wir investieren deutlich mehr Eigeninitiative in die Öffentlichkeitsarbeit“, sagt Wilke. Vor einem Jahr hat sie zusammen mit zwei Mitstreiterinnen ein kleines Unternehmen gegründet und die Online-Plattform tagesmuetterstuttgart.de an den Start gebracht. Das Ziel ist es, gemeinsam die Sichtbarkeit der Kindertagespflege zu erhöhen und die Vorzüge dieser besonderen Betreuungsform deutlich zu machen.

Viele betrieben zusätzlich eigene Internetseiten, organisierten Vorträge und verteilten Flyer. Dies alles würden sie neben ihrem Job als Tagespflegeperson tun, der häufig über eine normale Vollzeitstelle hinausgehe. Denn: „Diese Maßnahmen sind notwendig geworden, um Eltern überhaupt noch frühzeitig zu erreichen“, sagt Wilke.

Mitte April waren Melanie Wilke und einige ihrer Mitstreiterinnen auf der Bambini-Messe in Stuttgart. Dies sei ausschließlich von der GbR der tagesmuetterstuttgart.de initiiert und mit Hilfe von Kolleginnen und Kollegen umgesetzt worden – ohne organisatorische Beteiligung des Jugendamts oder der Caritas, betont Wilke. Mit Erfolg: „Wir konnten viele Familien direkt ansprechen und informieren.“ Es sei eine sehr schöne Erfahrung gewesen und man habe viele positive Gespräche geführt.

Gleichzeitig sei aber auch deutlich geworden, dass manche die Kindertagespflege als Betreuungsform gar nicht kennen oder falsche Vorstellungen von den Kosten oder den Zugangsvoraussetzungen haben. Darum sei die vom 4. bis 10. Mai stattfindende Aktionswoche so wichtig.

Viele Infos rund um die Kindertagespflege

Definition
Tagespflegepersonen arbeiten selbstständig und betreuen bis zu fünf Kinder, in der Regel bei sich zu Hause. Sie müssen eine Qualifizierung absolvieren und eine Pflegeerlaubnis des Jugendamts haben. Die Stadt fördert die Kindertagespflege, weshalb die Betreuungskosten mit denen in einer städtischen Kita vergleichbar sind. In der Großtagespflege betreuen zwei oder mehr Personen bis zu zehn Kinder in dafür angemieteten Räumen.

Aktionswoche
Alle Infos zur Aktionswoche vom 4. bis 10. Mai und den vielen Veranstaltungen stehen in Internet unter https://www.caritas-stuttgart.de/⁠. In Weilimdorf beteiligen sich die Tagesmütter und -väter auch am Maibaumfest am Sonntag, 10. Mai, von 13 bis 18 Uhr auf dem Löwen-Platz und Löwen-Markt.