„Genossen, es wird Zeit, die Gürtel enger zu schnallen.“ – „Klar, Genosse. Aber wo gibt’s denn Gürtel?“ Der alte Witz aus den Fluren des Breschnewschen Stillstands klingt heute erstaunlich vertraut. Deutschland übt sich im Verzichtspathos, während selbst die kleinen Fluchten schwieriger werden: Urlaub, Mobilität, Aufstieg, Unternehmertum.
Man hört allenthalben, dass es in der Ferne womöglich besser sein könnte. Die Gewissheit, dass hohe Lebensqualität fortbesteht, im Alter, am Lebensabend, aber auch schon morgen und übermorgen, weicht hierzulande den Sorgenfalten.
Berlin ist das Symbol einer dahindarbenden Vergangenheitsromantik: eine Stadt, die sich ohne Vision von einem Tag in den nächsten schleppt. Die Lösung mag im therapeutischen Streben in der Ferne liegen. Aber was, wenn diese Ferne unerreichbar wird? Wenn das Geld knapper wird und selbst Deutschland zunehmend ignoriert wird, zumindest als Destination? Wie konnte es dazu kommen?
Am Beispiel der Hauptstadt der Berliner Republik zeigt der „kranke Mann Europas“, der seit 2019 kaum noch wirtschaftliche Potenz entfaltet, sein Antlitz. Gefangen in den Routinen einer weiteren Regierungskoalition ausbleibender Reformen. Der Kapitän, der den Tanker Deutschland auf Kurs bringen soll, ist unterdessen der unbeliebteste Regierungschef der westlichen Welt – bei rekordhohen Schulden. Die Implosion wirkt unaufhaltbar. Nur: Wohin gehen? Und womit?
Selbst die kleine Flucht ist inzwischen politisch kontaminiert. In die Hände spucken und einmal im Jahr nach Malle? Eher nicht. Matthias Hochstätter beschreibt, wie ein perfekter Sturm aus fehlgeleiteter Energiepolitik inzwischen ganz banal den sozialen Vertrag ins Wanken bringt – bis hinein in Alltag und Urlaubspläne.
Früher ging es mit Geld und Flugticket aus einem Berlin mit internationalen Ambitionen hinaus in die Welt. Heute wird es selbst dann schwieriger, wenn das Geld noch reicht. Der „Big City“-Airport BER steht inzwischen für das Gegenteil seiner Verheißung: teuer, unattraktiv, abgehängt. Anne-Kattrin Palmer und Oliver Weinlein zeigen, wie hohe Standortkosten, Kerosinfragen, Ryanair-Rückzug und die ewigen Pleiten den Flughafen ausbremsen, während an der Spitze weiter üppig verdient wird. Berlin wäre gern Weltstadt. Nur fliegt die Welt immer öfter woanders ab.
Dass dies kein bloßer Betriebsunfall ist, wird im Gespräch mit Joachim Lang deutlich. Der Chef der deutschen Luftverkehrsbranche geht hart mit der Politik ins Gericht. Die Bedingungen hierzulande seien nicht nur schlechter als in den Nachbarländern, sie würden politisch auch immer weiter verschlechtert. Steuern, Gebühren, Regulierung – Deutschland bremst sich selbst aus und wundert sich anschließend über den Stillstand.
Wer angesichts stagnierender Verdienstchancen und wachsender Abgabenlast auf unternehmerische Selbstrettung hofft, dürfte ernüchtert werden. Können Visionäre hierzulande auf mehr hoffen als ein Mahnschreiben vom Amt und eine nicht genehmigte Betriebsstätte? Der Würgegriff einer kostspieligen Funktionärskaste vertreibt jene, die noch etwas erschaffen wollen. Wer kann und bei Sinnen ist, denkt nicht über den „Exit“, sondern den möglichen existenzbesicherten Exitus nach.
Bleibt also das selbstgewählte Gefängnis. In alter masochistischer Tradition gilt: wie bestellt, so bekommen. Barbara Russ fragt, wo der schönste Knast (für die mögliche Selbstgeißelung?) steht, vom Panoptikum zum Boutiquehotel. Stoff für neue „Erniedrigte und Beleidigte“: Menschen, die sich ihre Zumutungen selbst auferlegen und anschließend die Hausordnung dazu schreiben! Dostojewski hätte seine Freude an diesem Zeitgeist.
Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre – und einen Gürtel, der noch ein Loch übrig hat.
Ihr
Alexander Dergay
Dieses Editorial erschien in der Berliner Zeitung am Wochenende vom 01. Mai 2026. mit dem Titelthema: „Gefangen in Deutschland“
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