Braucht ein Künstler, Maler, Bildhauer etc., ein Atelier? Klare Antwort: Jein! Kann man ein Künstleratelier besuchen? Klare Antwort: Ja! Betritt man das Wohnhaus-Garten-Grundstück von Gert Jäger in der Weidenstraße im putzigen Heinsberger 500-Menschen-Stadtteil Horst, ist man auch schon im Atelier. Denn alle Bereiche des Grundstücks inklusive des Hauses, der Garage, einer Werkstatt, des Gartens sind Umgebung für Eingebung und Ausführung für Bildhauerei in differenzierten Formen und Materialien. Einige Werke Gert Jägers setzen großformatig Akzente in der Region an Rur, Wurm, Niers, Inde, Schwalm etc., seit Kurzem zählt auch die Nordsee-Insel Spiekeroog in Ostfriesland zur künstlerischen Einheit von Idee, vielleicht Initialgedanken, öfter auch etwas Transpiration in die Produktion von durchaus schon mal Schwergewichten im Material, Metall. Fünf Plastiken bereichern das Natur-Ereignis Spiekeroog, das dem früheren Bundespräsidenten Johannes Rau zweite Heimat und Rückzugsort geworden war.
Gert Jägers Grundsatzworte und -bekenntnis: „Meine Skulpturen sind Übersetzung und räumliche Gestaltung von Gedanken. Das Kunstwerk als Reduktion eines komplexen Gedankengangs. Die komprimierte Zusammenfassung der Eindrücke, die zu seiner Entstehung geführt haben, konzentriert in einer in sich ruhenden Skulptur und dabei offen ist für unterschiedliche Lese- und Interpretationsansätze des Betrachters.“
Konsequenterweise heißt das Heim des An-Denkens „Atelierhaus einsneun“, weil es positioniert ist in der Weidenstraße 19 im putzigen 500-Menschen-Ort Horst, wo Gert Jäger mit Ehefrau Petra und Sohn Maximilian vor Jahren eine neue Heimat gefunden hat, in Sichtweite von Geburts- und Heimatort Ratheim.
Kunst kennt, alte Weisheit, keine Grenzen, folglich gibt es in der Weidenstraße auf dem gesamten Anwesen keinen Bereich, der nicht Kunst zeigt, in Kunst integriert ist mit der Konsequenz eben der Existenz eines „Atelierhauses“. Jeder Raum, dazu der überschaubare Garten sind einbezogen in das Schaffen von Kunst, die aufgrund ihrer Materialität auch wetterfest ist. Selbstverständlich ist der vor einigen Jahren erstellte Neubau mit eigenen Ideen mitentworfen worden – gewissermaßen eine Einheit aus gedanklicher Entwicklung und Umsetzung. Letzteres erfordert gerade bei Bildhauern viel handwerkliches Können, Gert Jäger weist auf zahlreiche Autodidakten hin, die dort meisterliches Können als Selbsterfahrung erworben haben, mit seiner inzwischen 30-jährigen Erfahrung vor allem in Metallschöpfungen darf man ihn getrost dazu zählen. Schöpfer von Werken mit bis zu zehn Metern Höhe setzen sich schließlich auch täglich dem Urteil von Tausenden von Menschen/Passanten aus. Auch dem kunstvollen Wechselspiel von „Wind und Wetter“ das als kreativ-handwerkliche Leistung zur allmählichen Zerstörung des menschlichen Schaffens beiträgt. Die selbstgestellte Lebensaufgabe der Natur.
In dem innen offenen Bau entstehen und stehen an vielen stellen Werke vom ersten Gedanken, dem An-Denken bis zur Vorbereitung der Formgebung, weiße Wände lenken nicht ab von den Akzenten, Studien und vollendeten Stücken, Werkstatt ist die Garage, die Materie werden lässt, vor allem im Winter begrenzt, in dem das Fehlen einer Heizung Umsetzung evtl. verzögert, aber auch Raum schafft, anderweit initiativ zu werden. So lange bleibt die penible Ordnung ungestört, die keine Zeit mit Sucherei in Unordnung verschwenden will. Erkennbar ist die Einheit von Raum, Kunst und Personen, Ehefrau Petra ist dabei, Sohn Maximilian lebt inzwischen weiter weg.
Gert Jäger tangiert sehr bewusst nur die begrifflichen Festlegungen aus der Gemeinde der gebräuchlichen Kreativ-Antriebs-Elemente wie Inspiration, Intuition, Eingebung etc., wenn, dann nicht als auslösende Kraft – „Wahrnehmung“ drückt das aus, was ihn initiativ werden lässt.
Eine Entwicklung, deren Kern, deren Ernst etwa 1990 eingeleitet wurde, als er sich bewusst wurde, dass künstlerisches Schaffen zu seinem Leben gehören könnte, dass es zum Leben gehören müsste, neben der Familie, der beruflichen Tätigkeit bei der Post AG, der Pflege des Hauses in Ratheim, nach dem Ende der vorherigen schulischen Zeit mit dem Kunstunterricht und dem Abitur.
Zeichnungen und Grafik waren die Einstiegselemente ins künstlerische Schaffen ab 1992, und damit in eher geschwungenen und nicht aus Metall geformten Orientierungsleitplanken, die, wie heute von ihm praktiziert, auch Lücken zur Ausfahrt haben. Ein Orientierungspunkt war die große Aktion „Hückelhovener Herbst“ im Oktober 1992, bei der er, als Ratheimer mit Zeichnungen vertreten war, die rührigen Künstler des zunächst als Aktiven-Gruppe organisierten Mitveranstalters „Canthe“ kennenlernte, als Mitglied aufgenommen wurde. Der ohnehin akribisch arbeitende Gert Jäger passte sich ein in den renommierten Verein mit ununterbrochen hohem Qualitätsanspruch und -niveau, der mit jährlichen Themenausstellungen zumeist aller Künstler sich der objektiven Bewertung aussetzt, positiven Wettbewerb praktizierend, der auch Selbst-Bewusstsein schafft.
Vertrauen in die eigenen Gedanken und deren Umsetzung bietet er seit diesen mehr als 30 Jahren in zahlreichen Ausstellungen temporär an, dauerhaft und nachhaltig durch seine Land- und Stadtmarken großformatig u.a. in seiner Heimatstadt Hückelhoven an, die nach längerer Strukturwandel-Pause die daraus folgenden vier Kreisverkehre im Handelszentrum der Straße „Am Landabsatz“ mit Skulpturen ausstattete. Gert Jäger erhielt den Zuschlag für zwei dieser Verkehrsverteilungspunkte für täglich Tausende von Konsumenten, für die er 2018 die drei Corten-Stahlplatten „Gestern – Heute – Morgen“ in einer Siegerländer Gießerei unter eigener Beobachtung und Mitleitung schuf. X-tonnenschwer scheinen sie zwischen Himmel und Erde zu schweben, dennoch mit Corten-Edelrost-Oberfläche und Bodenhaftung Realität vermittelnd, ein „wunderbares Werk“, urteilen viele Beachter.
In nichts steht ihr der „Flusswächter“ nach, der auf einer Rur-Insel zwischen Hilfarth und Ratheim seit dem Jahr 2000 und der Canthe-Groß-Aktion „Kunst in und am Fluss“ in Edelstahl und 3,60 Metern Höhe aus der Ewigkeit in die Ewigkeit eine stabile Reise zu garantieren scheint.
Wie alle anderen Land- und Stadtmarken Gert Jägers zeugt er von der Fähigkeit, Landschaften und urbane Milieus zu lesen, Einfügungen zu Vertrautem zu schaffen.
Der Natur und ihrer Kreativität als Veränderungsvermögen auf der ostfriesischen Insel Spiekeroog setzt Gert Jäger seit Mai 2025 fünf Skulpturen auf fast fünf Meter hohen Stahlständern aus. Sie sind auch der Beleg für die Fähigkeit Landschaft und ländliches Milieu zu lesen, mit Ehefrau Petra war er vor rund 20 Jahren zum Urlaub dort. Als nun die örtliche Kulturstiftung der Insel zum fünften Wettbewerb für öffentliche Skulpturen dieser Sensenblatt-Form-Insel zeigte sich die Speicher-Kapazität für das vor längerer Zeit Gelesene, das ein erneuter Besuch bestätigte, Entwürfe und Modelle überzeugten die erdverbundene Inseljury im urwüchsigen Ostfriesland.
„Gert Jäger konnte mit seinem herausragenden Werk die Jury überzeugen. Seine Skulpturen werden in diesem Jahr auf der Insel präsentiert.“ Es ist beileibe nicht die erste Jury, die Gert Jäger von seinen Gedanken und deren Umsetzung überzeugt, die fünf Skulpturen sind unter dem Rubrum „Oceanskydreams“ an drei Standorten auf der Insel seit Mai 2025 zu sehen als Ergebnis von Lese- und Gestaltungsfertigkeit. Der Wächter auf einer Insel in der Rur, die zur Nordsee fließt, vielleicht die Insel im Osten dort tangiert, und wenn es sehr gut läuft, das Wasser, auch noch den Problem-Wal „Timmy“ weich umspült…
Gert Jägers Werksspektrum ist vielseitig, ungebunden und nicht auf ein Material oder eine Technik reduziert. Der Entstehungsprozess eines Werks ist dann für ihn eine interessante Reise ohne genau definiertes Ziel: „Unter anderem bestimmen das Material mit seinen Eigenschaften, die eigenen Fähigkeiten und Erfahrung sowie die vorhandenen Möglichkeiten und Mittel der Realisation das Ergebnis. Ziel ist eine gelungene Form, befreit von industriellem Funktionalismus. Eine angemessene Antwort auf die Materialität der benutzten Werkstoffe und auf die Inspiration. Keine reale Abbildung, sondern Gestaltung mit eigener Aussage, allenfalls mit Andeutung von Realem.“ Archaisch anmutende Gebilde entstehen, vielfach Köpfe, zeitlos, manchmal stilisierte Gebäude, ebenfalls zeitlos.
Zu den häufigen Werterinnen Jägers gehört Christine Voigt, Direktorin der Ludwig-Galerie Schloss Oberhausen: „Die Kunst Gert Jägers ist vielseitig, wenn auch in den letzten Jahren besonders seine skulpturalen Großprojekte in den Fokus gelangen. Die Bildhauerei ist Ausdruck im dreidimensionalen Raum. Doch auch im Bereich der Fotografie hat er ein eigenständiges Oeuvre geschaffen, wenngleich seine Bilder häufig dienend gegenüber der Skulptur erscheinen. Zeichnungen, Grafik und Objekt, auch gern mal mit humorvollem Augenzwinkern, runden sein Werk ab.“
Humorvolles Augenzwinkern bedingt Voraussetzungen: Bei Kunstwerken den Betrachter, bei Menschen Kollegialität, Zugewandtheit und Selbstironie. Damit kann Gert Jäger dienen als künstlerisch-soziale Persönlichkeit.