70 Stammgäste, zwei Spielautomaten, 15 Tresenplätze und das Helle kostet 3,90 Euro. Im Münchner Boazn-Quartett, einem Kartenspiel, ist minutiös aufgelistet, mit welchen Attributen die Sendlinger Kultlokalität „Bei Dagmars Herbi“ gegenüber anderen artgleichen Kneipen punkten kann. Artgleich deshalb, weil es in der Landeshauptstadt eine ganz gewisse Gattung gastronomischer Einrichtungen gibt, die sich seit Jahrzehnten behaupten: Die Rede ist von den kleinen, oft in die Jahre gekommenen, aber sich dennoch standhaft gegen Gentrifizierung wehrenden Boazn. Was steckt hinter diesem Münchner Eigengewächs?

Führen die moderne Art der Boazn: Quirin Käs und Dominik Schiefer setzen unter anderem auf Film, Musik und etwas Mitmachfeeling im Balan inHaidhausen. Dem jungen Publikum gefällt's.

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Führen die moderne Art der Boazn: Quirin Käs und Dominik Schiefer setzen unter anderem auf Film, Musik und etwas Mitmachfeeling im Balan inHaidhausen. Dem jungen Publikum gefällt’s.
Foto: Johannes Kiser

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Führen die moderne Art der Boazn: Quirin Käs und Dominik Schiefer setzen unter anderem auf Film, Musik und etwas Mitmachfeeling im Balan inHaidhausen. Dem jungen Publikum gefällt’s.
Foto: Johannes Kiser

Die Tatsache, dass ein eigenes Kartenspiel mit 32 Läden existiert, lässt erahnen, wie verwurzelt und omnipräsent die Treffpunkte für Jung und Alt nach wie vor in der Millionenstadt sind. Das mit dem jüngeren Publikum war aber lange Zeit so eine Sache. „Das Wort Boazn ist für mich leider ein bisschen verrissen. Liegt vielleicht daran, dass ich die Bezeichnung mit alten Männern und Frauen verbinde, die rauchend und etwas ekelhaft im Lokal sitzen“, sagt Dominik Schiefer und schmunzelt. Er führt zusammen mit Tom Angermeier und Quirin Käs die Balan Trinkstube in Haidhausen und hat aus seiner Lokalität eine Boazn mit modernem Einschlag kreiert.

Die Balan Trinkstube ist Drehort einer ARD-Doku über den TSV 1860 München

Eng, laut, hundertfach mit Stickern beklebt, aber dennoch anziehend. Dazu fußballaffin, mit ergiebiger Tresenlänge, samt ein paar Sitzmöglichkeiten. Vieles entspricht der klassischen Ausführung. Das Publikum aber ist erstaunlich jung und divers. Den Inhabern sei Dank. Pub-Quiz, Konzerte und Kleinkunst – all das findet im seit 1957 bestehenden Balan statt und zieht die jüngeren Semester an. Schiefer spricht immer wieder von „der Renaissance“, die aktuell so viele Traditionsstätten feiern, da sich das negativ konnotierte Image verbessert habe. Seine Räumlichkeiten schafften es sogar in eine große TSV-1860-München-Doku der ARD, was die gesellschaftliche Relevanz der Boazn verdeutlicht. Wie lange es das Balan noch geben wird, ist indes fraglich. Das Gebäude wurde verkauft und höchstwahrscheinlich ist für Schiefer und sein Team bald Endstation.

Wohl bald nicht mehr da: Das Balan hat wie so viele andere kleine Boazn mit städtischer Gentrifizierung zu kämpfen.

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Wohl bald nicht mehr da: Das Balan hat wie so viele andere kleine Boazn mit städtischer Gentrifizierung zu kämpfen.
Foto: Johannes Kiser

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Für das Café Schaumamoi in Giesing hingegen war eine Endstation der Startschuss für bisher knapp 30 Jahre Kult. Das längliche, nicht gerade hohe und hinter Efeu eingewachsene Etwas war ursprünglich ein Trambahnhäusl am Ende der Straßenbahnlinie nach Obergiesing. Schaffner und Fahrer machten dort Pause. „1997 eröffnete meine Mama das Café, davor war auch mal ein Imbiss drin. Ich kenne das mein ganzes Leben lang und stehe, seitdem ich ausschenken darf, hinter dem Tresen“, lacht Lukas Benkert. Schon bevor seine Mutter Gabi, Kultwirtin auf Giesings Höhen, 2024 starb, war für Lukas und zwei seiner Brüder klar, das Schaumamoi weiterzuführen. Schon alleine, um ein Stück Münchner Gefühlswelt zu bewahren.

Im Café Schaumamoi gibt es selbst gebrautes Bier, Konzerte und Wohnzimmerfeeling, aber keine Nazis

Für ihn nämlich macht dieses „Wohnzimmerfeeling“ eine Boazn aus: „Wenn man reinkommt, jedes Gesicht kennt und der nächste Ratsch sich von selbst ergibt“, so fasst es der 31-Jährige zusammen. Hier müsse niemand aufgetakelt oder groß hergerichtet sein, es gehe um Geselligkeit und Zusammenhalt im Viertel. Klar, es ist nicht von der Hand zu weisen, dass im Café die Fans der Münchner Löwen oft zugegen sind. Sechzger-Sticker dominieren das Interieur und den Miniatur-Biergarten. Willkommen ist aber natürlich jeder. Nur eines ist vorgegeben: keine Nazis.

Lukas Benkert übernahm das Café Schaumamoi von seiner Mama. In seiner Boazn finden lediglich fünf Gäste am Tresen Platz. Stammgäste zählt der Giesinger Klassiker jedoch an die 130.

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Lukas Benkert übernahm das Café Schaumamoi von seiner Mama. In seiner Boazn finden lediglich fünf Gäste am Tresen Platz. Stammgäste zählt der Giesinger Klassiker jedoch an die 130.
Foto: Judith Glonnegger

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Lukas Benkert übernahm das Café Schaumamoi von seiner Mama. In seiner Boazn finden lediglich fünf Gäste am Tresen Platz. Stammgäste zählt der Giesinger Klassiker jedoch an die 130.
Foto: Judith Glonnegger

Das ist Inhaber Lukas Benkert sehr wichtig, genauso wie ein anderes Detail. Dabei geht es ums Bier, das bei ihm teilweise aus eigener Produktion kommt. Sein Bruder stellt den Haustrunk her und verleiht der Café-Bar dadurch ein gewisses Alleinstellungsmerkmal. Sowieso sind spezielle Getränkeangebote Standard in Münchens Boazn. Zum einen billig, zum anderen ausgefallen. Bei Dagmars Herbi im Stadtteil Sendling wird Weltraumspezi serviert, eine Averna-Fanta-Mixtur. Gemischt sind auch die Gäste. Ein ehemaliger Uni-Professor, neben zehn Handballmädels aus Trudering und einer Gruppe TU-Studierender.

Bei Dagmars Herbi: Kommt der Ur-Form einer Boazn ziemlich nahe

Früher gingen sie einfach zur Dagi, nach deren Tod hat der langjährige Mitarbeiter „Herbi“ 2024 den Klassiker übernommen und macht da weiter, wo Dagmar aufhörte. „Bei uns ist wirklich alles vertreten. Erstaunlicherweise kommen die auch super miteinander aus. Das ist es, was für mich Boazn bedeutet“, erklärt Herbi. Die Sendlinger Institution versprüht den Charme einer Boazn der gröberen Art. Spielautomaten, Schlagermusik und Lichterketten. Trotzdem sind hier Jung und Alt, so wie Arm und Reich, unter einem Dach. Ein Mehrgenerationenhaus also. Es kommt schließlich nicht von ungefähr, dass der Name Boazn vom jiddischen Wort „bajis“, das Haus bedeutet, abgeleitet wurde.

Bei Dagmars Herbi bekommt man Weltraumspezi serviert und trifft auf Menschen, die man so nicht in einer Boazn erwarten würde.

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Bei Dagmars Herbi bekommt man Weltraumspezi serviert und trifft auf Menschen, die man so nicht in einer Boazn erwarten würde.
Foto: Judith Glonnegger

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Bei Dagmars Herbi bekommt man Weltraumspezi serviert und trifft auf Menschen, die man so nicht in einer Boazn erwarten würde.
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