Das Spektakel von Sinsheim wirkt weiter nach – diese Lehren will VfB-Trainer Sebastian Hoeneß nach dem dramatischen 3:3 bei der TSG Hoffenheim ziehen.
Wer in die Champions League will, der darf ja ruhig mal groß denken. Dachten sich offenbar auch Christian Ilzer und Sebastian Hoeneß am späten Samstagmittag, als sie nach dem spektakulären 3:3 im direkten Duell ihrer beiden Teams um den Einzug in die Königsklasse gemeinsam im Kabinengang unterwegs waren. Ob die Partie zwischen der TSG Hoffenheim und dem VfB Stuttgart Werbung für den deutschen Fußball gewesen sei, wurden beide Trainer später auf dem Pressepodium gefragt.
„Ich fang mal an, Chris“, sagte Hoeneß zunächst – und berichtete vom gemeinsamen Plausch mit seinem Kollegen Ilzer nach Schlusspfiff im Kabinengang: „Wir sind reingelaufen, wir sind beide demütige Trainer. Trotzdem hat Chris gesagt, dass das heute das kleine PSG gegen den FC Bayern war.“ Das echte und große Paris Saint-Germain gegen Bayern war ja in der vergangenen Woche das epische 5:4 im Halbfinal-Hinspiel der Champions League: In jenem Wettbewerb also, in dem Hoffenheim und der VfB in der nächsten Saison dabei sein wollen.
Der spannende Kampf um die Königsklasse
Nach dem 3:3 in der Sinsheimer Arena stehen beide Teams nun aber nur noch punktgleich auf Rang fünf und sechs – hinter dem neuen Vierten und ebenso punktgleichen Bayer Leverkusen, das nach dem 4:1 über RB Leipzig die bessere Tordifferenz hat.
Wie auch immer: Das zu jeder Zeit packende und am Ende hochdramatische 3:3 zwischen der TSG und dem VfB bot am Samstag in Ansätzen tatsächlich ein vergleichbares Spektakel zu jenem zwischen PSG und dem FC Bayern. Oder, wie es Hoeneß im Detail ausführte: „Es war vielleicht nicht ganz so mit der herausragenden individuellen Klasse wie in Paris, aber trotzdem mit ganz viel Mut und Offensivkraft auf beiden Seiten.“ Jeder Zuschauer, so Hoeneß weiter, sei auf seine Kosten gekommen: „Egal, ob er es mit der TSG gehalten hat, mit uns oder keinem von beiden – das Spiel war sicher Werbung für den Fußball.“
Bei all den Schwärmereien zum Schluss hatte Hoeneß es vorher allerdings nicht versäumt, die Leistung seiner Mannschaft angemessen einzuordnen. Denn da hatte es viele Ansätze für Kritik gegeben. Erschreckend schwach war die Leistung der Weiß-Roten in den ersten 65 Minuten und insbesondere in der ersten Hälfte gewesen. Und im zweiten Durchgang war es nur dem spektakulären Hoffenheimer Chancenwucher und dem starken Keeper Alexander Nübel zu verdanken, dass der VfB im Spiel geblieben war.
„Hoffenheim hat uns am Leben gelassen“, sagte Hoeneß hinterher treffend – und ging auf die Mängelliste seiner Elf in Hälfte eins ein: „Wir hatten keinen Zugriff, darüber haben wir sehr deutlich gesprochen in der Halbzeit. Wir wurden zu einfach überspielt, hatten zu viele Ballverluste und zu wenig Aktivität und Tempo.“ Oder, wie es Keeper Nübel später auf den Punkt brachte: „In der ersten Halbzeit war es katastrophal.“
Hoeneß: „Wir haben immer an uns geglaubt“
Zur Wahrheit dieses spektakulären Spiels gehört aber auch, dass der VfB nach der Roten Karte gegen Kapitän Atakan Karazor nach grobem Foulspiel (69. Minute) beim Stand von 2:3 plötzlich mit großer Moral und einer mit Blick auf die Leistung vorher kaum noch für möglich gehaltenen Gier auftrat. Am Ende gab es durch den Treffer von Tiago Tomas in der Nachspielzeit die Belohnung für diese Courage in Unterzahl. In Sinsheim war also mal wieder dieses spezielle Paradoxon zu beobachten, das der Fußball öfters bietet: Nach einem Platzverweis ist die Mannschaft in Unterzahl plötzlich obenauf, weil sie weniger zu verlieren hat als jene in Überzahl, die sich plötzlich Gedanken ums Scheitern macht.
„Wir haben immer an uns geglaubt“, sagte Trainer Hoeneß später dazu. Und: „Wir können immer etwas Besonderes erreichen, wenn wir an uns glauben.“
Hoeneß, durch und durch Realist, versäumte es aber auch hier nicht, den Blick auf das Gesamte und damit auch auf die Nicht-Leistung in der ersten Halbzeit zu bewahren. „Der Warnschuss sollte schon noch ein bisschen im Ohr bleiben im Laufe der Woche, dann kann er uns sehr helfen – dafür werden wir natürlich sorgen.“ Denn im direkten Duell mit Bayer Leverkusen wird sich der Kampf um den Einzug in die Königsklasse am nächsten Samstag nochmals zuspitzen. Dann, am vorletzten Spieltag, soll es nach dem Warnschuss von Sinsheim nicht noch einmal knallen im negativen Sinne.
Vielmehr wird Hoeneß mit seinem Trainerteam die lange Mängelliste der ersten Halbzeit gegen Hoffenheim abarbeiten. Gewiss wird es auch ein Thema sein, warum der VfB in diesem so eminent wichtigen Spiel im Kollektiv zunächst derart versagte. Dann aber wird Hoeneß auf der ungeahnten Welle der Euphorie reiten nach dem späten 3:3 – und den Auftritt in Unterzahl vor dem Duell gegen die Werkself herausstellen: „Die Gewissheit, dass wir immer in der Lage sind, Gefahr auszustrahlen, das nehmen wir mit in der Vorbereitung auf Leverkusen.“