Stand: 05.03.2026 20:23 Uhr
Oliver Blume will den alten Fernsehturm in Hannover in einen Wohnturm verwandeln und sorgt für neues Leben im ehemaligen Galeria-Kaufhof. Der Unternehmer könnte das Stadtbild nachhaltig verändern.
Es sind nur wenige Schritte bis zum Abgrund. 140 Meter tief geht es von der höchsten Plattform des alten Fernsehturms in der Nähe des Hauptbahnhofs Hannover hinab. Der Wind bläst Oliver Blume hier oben kräftig um die Ohren. Der Investor aus Hannover genießt den Blick über die Stadt bis hin zum Deister. Wohl einmalig in Norddeutschland: Der 60-Jährige ist Besitzer eines Fernsehturms und hat ihn damit wohl vor dem Abriss bewahrt. Das einstige Symbol für die technische Verbreitung des Fernsehens in Hannover soll eine zweite Chance bekommen – als Wohnturm. Es ist nicht das einzige Projekt des umtriebigen Unternehmers Blume, das in Hannover für Aufsehen sorgt.
Vom Sendeturm zum Wohnturm

Investor Oliver Blume zeigt das Modell einer Fernsehturm-Wohnung.
Der alte Fernsehturm hat bereits mehrere Leben hinter sich. Seit den 1960er Jahren versorgte der Stahlbeton-Koloss Hunderttausende Haushalte mit Radio und Fernsehen. Vier Jahrzehnte später ersetzte man die Antennen durch drei leuchtende VW-Logos. Der Volkswagen-Konzern nutzte den „Telemoritz“ fortan als Werbeturm. Doch der marode Zustand und die hohen Sanierungskosten ließen aus Konzernsicht nur zwei Optionen zu: Abriss oder Verkauf. Oliver Blume sah darin die Chance, eine Vision umzusetzen, bei der andere wohl abgewinkt hätten: ein Turm mit Wohnungen – ein ambitioniertes Projekt. Mit dem Fahrstuhl geht es hinauf zur einzigen verglasten Betonplattform des Turms. Auf einem Tisch zeigt Blume seine Pläne: 150 bezahlbare Wohnungen sollen rund um den Turmschaft entstehen. Darüber sind Veranstaltungsflächen, Fitnessstudio, Bar und Dachgärten vorgesehen. Den Turm bewohnbar zu machen, sei aus Blumes Sicht die einzig wirtschaftlich tragfähige Lösung – auch um Kredite und Fördermittel zu erhalten.
Ein Unternehmer mit Hang zum Unkonventionellen
Das Fernsehturmprojekt passt zu Blumes Selbstverständnis als „disruptiver“ Unternehmer, als Regelbrecher, der etablierte Märkte umkrempelt. Genau das probierte er 2004 mit Deutschlands erstem Apotheken-Discounter, der „easyapotheke“ – dem sogenannten „Pillen-Aldi“. Die erste Filiale eröffnete in Hildesheim, in einer ehemaligen Tankstelle. Blume mischte den Apothekenmarkt auf und sorgte damit nicht überall für Begeisterung. Blume spricht von Angriffen auf sein Auto. Sogar Morddrohungen soll er erhalten haben.
Zwischen Schlafbox und Quantencomputer
Heute ist der dreifache Familienvater aus dem Apothekengeschäft längst ausgestiegen. Die Zahl seiner Unternehmungen als Investor oder Geschäftsführer ist hingegen beachtlich – über 20 sollen es sein. Blume erfand das Schlafbox-Konzept für günstige Innenstadt-Hotels in Hannover und Göttingen und ist dort Geschäftsführer. Er ist in der Veranstaltungs- und Sicherheitstechnik aktiv und investiert in Hamburg in ein internationales Quantencomputer-Projekt. „Mir gefällt einfach der Gedanke, etwas, das keinen Sinn mehr macht, eine neue Identität zu geben“, sagt Blume, der seit Ende vergangenen Jahres auch als Kaufhaus-Retter auf den Plan tritt.

Künftig soll dort eine Berufsschule für etwa 4.000 angehende Kauffrauen und Kaufmänner einziehen. Die Miete kostet Millionen.
Ein Kaufhaus als Chance für die Innenstadt
Im ehemaligen Galeria-Kaufhof an der Marktkirche geht es nicht ohne dicke Jacke. Es ist kalt. Die Heizung ist aus Kostengründen abgeschaltet. Im ersten Stock sorgen Gasheizungen zwischen Kameras und Stativen zumindest für etwas Wärme am Set, damit die Schauspieler nicht frieren. Gedreht wird ein Doku-Drama über Aufstieg und Fall des Ex-Milliardärs und Galeria-Kaufhof-Besitzers René Benko – das Kaufhaus ist ein symbolträchtiger Ort. Seit der Kaufhof-Pleite und der Zwischennutzung durch das Kulturprojekt „aufhof“ steht das etwa 48.000 Quadratmeter große Gebäude leer.
Möbel aus Horten-Kacheln

Mehr Licht und Backsteinfassade – so soll das umgebaute Gebäude des ehemaligen Kaufhofs aussehen.
Blume hatte schon kurz nach dem Kauf im vergangenen Jahr den Wunsch, eine Bildungseinrichtung dort unterzubringen. Wenige Monate später wurde der Vertrag mit der Region Hannover unterzeichnet. Künftig sollen rund 4.000 Schülerinnen und Schüler der BBS Cora Berliner in der Innenstadt lernen. Die Region wird dafür mehrere Millionen Euro Miete jährlich zahlen. In den unteren Etagen sollen Gastronomiebetriebe einziehen. Entgegen früherer Planungen will Blume das Gebäude nicht abreißen, sondern die Fassade von einem renommierten Architekturbüro neu gestalten lassen. Auch hier verfolgt Blume seinen eigenen Weg: Die mehr als 10.000 Horten-Kacheln aus den 1970er Jahren könnten zu Möbeln weiterverarbeitet werden.
KI-Uni im Ihme Zentrum?
Den Umbau des Fernsehturms hat Blume zugunsten des leichter umsetzbaren Kaufhaus-Projekts zurückgestellt. Der Investor möchte bei der Stadt nach eigenen Worten Vertrauen gewinnen. „Wenn wir es schaffen, aus Schandflecken Ikonen zu machen, das wäre sehr wertvoll für diese Stadt“. Dabei hat der Investor bereits das nächste Projekt im Kopf: das Ihme-Zentrum in Hannover. Investoren haben sich in den vergangenen Jahrzehnten die Klinke in die Hand gegeben. Versprechungen, den Brutalismus-Bau der 1970er Jahre zu sanieren und zukunftsfähig zu machen, gab es viele – passiert ist wenig bis nichts.

Als Jugendlicher galt Windhorst als Wunderkind der deutschen Wirtschaft. Weniger bekannt ist, dass Windhorst auf den Finanzmärkten das ganz große Rad dreht – und dabei auch Menschen unter die Räder kommen.
Noch keine konkreten Gespräche
Oliver Blume hat auch hier einen Rettungsplan, in dem Bildung eine zentrale Rolle spielt. In der ehemaligen Einkaufsburg könnte eine Hochschule für KI und Quantencomputing untergebracht werden. Ein Vorhaben, für das Blume Unterstützung der Stadt bräuchte. Noch sind das alles Ideen – konkrete Gespräche hat es nicht gegeben. Rettet Oliver Blume Hannovers Problem-Immobilien? Der Kaufhof soll nächstes Jahr fertig sein. Die Wohungen im Turm vielleicht 2028.

Der Investor hat laut VW Nutzfahrzeuge den Kaufvertrag für den Turm in Hannover unterschrieben. Nun sollen dort Wohnungen entstehen.

Wohnen, arbeiten und einkaufen – alles an einem Ort, in der „Stadt in der Stadt“. Aber schon bei der Einweihung 1974 gab es Kritik.

Die Stadt hat dadurch nach eigenen Angaben „entscheidenden Einfluss“ darauf, wie es mit dem maroden Fernsehturm weitergeht.
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