Es war am 1. Mai morgens in einem Backshop im Bahnhof Ostkreuz. Eigentlich wollte ich nur kurz Brötchen holen, doch als ich im Laden stand, war klar: Das würde dauern. Die Kassiererin war in ein wütendes Wortgefecht mit einem schrankgroßen Mann verwickelt. Der war augenscheinlich sowohl angetrunken als auch aggressiv.

Worum es ging, verstand ich nicht. Die junge Frau an der Kasse bat den Mann, das Geschäft zu verlassen. Er brüllte „Nein!“, und knallte sein Handy auf den Tresen. Sie nahm es, hielt es ihm hin, wiederholte die Bitte. Er lallte etwas von „in Ruhe frühstücken“ und blieb. „Sie wollen doch keinen Ärger mit den Sicherheitsleuten“, versuchte sie ihn zu überzeugen, halb besorgt, halb fürsorglich. Er widersprach: „Doch! Ich will Ärger!“

Niemand lachte. Es war ernst gemeint. Inzwischen stauten sich die Kunden. „Geht das schneller, mein Zug fährt gleich!“, meckerte der Mann vor mir. Auch meine Bahn sollte in wenigen Minuten abfahren. Schließlich eilte ein Security-Mann von hinten durch den Laden. Bevor ich aufatmen konnte, baute sich der Betrunkene vor ihm auf: „Was, det soll euer Sicherheitspersonal sein, so‘n kleener Piepel?“ Die Verkäuferin wiederholte stoisch die Bitte, das Geschäft zu verlassen. Was der Mann schließlich tat.

Menschen, die nicht wissen, wo sie sonst hinsollen

Als ich aus dem Laden kam, war der Betrunkene von Sicherheitsleuten und Polizei umringt. „Gehen Sie hier weg, bitte“, forderte ihn einer der Uniformierten auf. Der Kerl nickte ergeben. Offenbar halfen die Uniformen. „Und nehmen Sie Ihre Sachen mit!“ Mein Blick fiel auf zwei armselige schwarze Müllsäcke. Jemand warf das Handy des Mannes darauf. Vielleicht war er obdachlos, überlegte ich. Oder er hatte die Nacht in einer Ausnüchterungszelle verbracht. Wer weiß.

Warum erzähle ich Ihnen das? Seit dem 1. Mai hat die Deutsche Bahn an zwei Bahnhöfen in Berlin ein Alkoholverbot erlassen. Nicht am Ostkreuz, aber am Ostbahnhof, der nicht weit entfernt liegt, und am Bahnhof Zoo. Es hieß, man wolle so für mehr Ordnung in den Bahnhöfen sorgen. Gemeint ist aber wohl vor allem die sogenannte Trinkerszene, zu der wohl auch der Mann im Backshop gehörte. Schwierige Menschen jedenfalls, die sich in oder vor Bahnhöfen aufhalten, vielleicht, weil sie nicht wissen, wo sie sonst hinsollen. Und die gerade in Berlin leider viel Ärger verursachen.

Tatsächlich sind sowohl Zoo wie Ostbahnhof Schwerpunkte dieser Szene. Rundherum arbeiten hier aber auch zahlreiche Hilfsorganisationen wie Caritas, Stadtmission und Gebewo. In den Bahnhofsmissionen können sich Menschen zeitweise aufhalten, sie bekommen zu essen und zu trinken, Kleider, eine Dusche, ärztliche Versorgung für Nichtversicherte. 2024 wurden im Ostbahnhof sogar „Bahnhofsläufer“ zur Konfliktvermeidung getestet, nach dem Vorbild des Görlitzer Parks.

Die Bahnhofsläufer Papus Sow (l.) und Ruben Grimm im Gespräch mit zwei obdachlosen Menschen am Ostbahnhof in Berlin.

Pauschales Verbot löst soziale Problemlagen nicht

Vor allem aber gibt es hier Ehrenamtliche und Sozialarbeiter, die im besten Falle jene Fragen stellen, die sich am Ostkreuz an jenem Morgen alle tunlichst verkniffen: Was im Leben des wütenden Mannes eigentlich vorgefallen war. Und wie man ihm vielleicht helfen könne.

Die Kolumne „Stadtflucht“: Hier schreibt Morgenpost-Redakteurin Uta Keseling über die Merkwürdigkeiten des Alltags in Berlin und manchmal auch auf dem Land.

Es ist richtig, dass nun Caritas und andere Wohlfahrtsverbände warnen: Auch wenn man das Anliegen verstehe, Bahnhöfe sicher und sauber zu halten, löse ein pauschales Verbot soziale Problemlagen nicht. Sondern verdränge sie nur. Zum Beispiel an Orte, wo es keine Hilfsangebote gibt – wie etwa das Ostkreuz.

Denn ähnliche „Szenen“ wie am Zoo und Ostbahnhof gibt es in Berlin immer mehr. Vom S-Bahnhof Rathaus Steglitz über den Bahnhof Spandau, den Leopoldplatz in Wedding und die Bahnhöfe Gesundbrunnen und Lichtenberg nimmt das sichtbare Elend zu. Wie soll man das lösen? Mit einem flächendeckenden Alkoholverbot – ausgerechnet in Berlin, der Hauptstadt des Wegebiers und der Riesenpartys, wie man gerade erst wieder am 1. Mai gesehen hat? Wohl kaum.

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Vielleicht wäre ein Anfang die Erkenntnis, dass vor allem mehr Hilfen nötig sind für Menschen mit Suchterkrankungen, psychischen Problemen und ohne Wohnung. Ich weiß, dass die Deutsche Bahn einige dieser Einrichtungen seit Langem unterstützt. Eigentlich wissen aber auch alle, dass das nicht reichen wird. Insofern wundere ich mich über öffentlichkeitswirksame Verbote, ohne zugleich die Ursachen des wachsenden Elends wenigstens anzusprechen.