Bielefeld. Wir gehen baden. Im Wald. Ja, im Wald. Nicht im Freibad, nicht in der Wanne. Dabei erinnert das Waldbaden, eine Jahrhunderte alte Tradition aus China und Japan, an ein herrliches Schaumbad: Erst Wasser einlassen, das dauert etwas, dann Gewöhnen, sich zurechtruckeln. Dann folgt eine lange, sehr lange Genussphase. Doch irgendwann endet auch das schönste Bad, der Schaum ist zerbröselt, das Wasser eingetrübt und einen Hauch zu kühl. Folgen Sie mir ins etwas andere Schaumbad, einem unter grünem Blätterdach.

Wie das Wasser einlassen in die Wanne ist auch der Einstieg ins Waldbaden frei von Zauber. Vor der Oetkerhalle steht Nikolas Linder, ja, genau, Linder, wie Linde, und erklärt der heutigen Badegruppe, worum es geht. Spricht von Achtsamkeit, von Stille im Wald, von Dingen, die uns schwerfallen: Handys im Flugmodus; (fast) nicht sprechen; Langsamkeit; Schlendern statt Wandern. Drumherum: Autolärm, Asphalt, Steine, Beton.

„Zweimal die Woche zwei Stunden Waldbaden ist gesund“, sagt Linder, der als Konstrukteur bei einem Autohersteller arbeitet, aber im Waldbaden ein neues Standbein sucht. Ein einwöchiger Kurs in 2025, nun ist er Waldbademeister. Innerlich spürt er eine zunehmende Distanz zum Auto-Job, seine Berufung liegt im Wald. „Wer hier einen Tag lang badet, steigert die Zahl seiner Killerzellen, jenen, die auch Krebszellen bekämpfen, um 40 Prozent“, sagt der 47-Jährige.

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Waldbaden: Glückshormone werden freigesetzt – auch dank „komorebi“

Der Wald setze Glückshormone frei, sei gut gegen Depressionen, sei eine Apotheke, in der alles umsonst sei. Botenstoffe der Bäume, sie heißen Terpene, werden aufgenommen, gelangen in die Blutbahn. Wissenschaftler würdigen sie als entzündungshemmend, schmerzlindernd, beruhigend. Unterstützt werde das vom Licht- und Schattenspiel im Wald. Ist das „komorebi“, wie es Japaner nennen, da, „kommt der Mensch besonders schnell runter“, sagt Linder. Der Körper schütte weniger Stresshormone aus.

Ob Wirtschaftspsychologe Achim oder Lehrerin Julia, Sozialarbeiter Carsten oder Ärztin Annette, eine Heilpädagogin oder ein Krankenpflegeausbilder, sie alle lassen sich ein. Auch auf einen ersten steilen Anstieg Richtung Wald. „Der Schweinehundanstieg“, sagt Linder, „hier überwinden wir ihn, sinnbildlich, denn wir müssen uns einlassen aufs Waldbaden.“

Und dann, plötzlich, umschließt uns der Wald, mit einem Glitzern im Kronendach, Lichtspielen überall, dazu unzähligen Grüntönen. Stille? Naja, die Stadt ist zu hören, Vögel und ein leises Rauschen aber auch. Ich achte jetzt aufs Grün, fokussiere mich auf Bäume, Büsche, Blätter. Linder: „Diese erste Anstrengung hilft uns, eine neue Aufmerksamkeit zu gewinnen, für den Wald.“

Wir ruckeln uns zurecht und lassen uns aufs „Shinrin Yoku“ ein

Sichtbar: Alle bemühen sich, dem Waldbaden (japanisch: Shinrin Yoku) eine Chance zu geben, hier ein bewusster langer Blick in den Wald, da ein Griff zu einem Blatt, hier geschlossene Augen, dort ein tiefes Einatmen. Doch noch ist es die Phase, in der wir uns im Schaumbad zurechtruckeln, noch drückt die Wanne irgendwo, ist es zu warm, zu kalt. Aber Linder arbeitet am perfekten Schaumbad: „Viele von uns finden schwer aus ihrem Alltag heraus, hier, im Wald, da führt uns die Natur zu uns selbst, als natürlichem Produkt.“

Linder dreht sich um, blickt zurück, sagt: „Da, hinter dem Grün, liegt unser Alltag.“ Dann wird der Wald begrüßt. Klingt esoterisch, ist es aber nicht. Jeder sagt auf seine Wiese hallo, legt die Hand an einen Baum, schließt die Augen, nimmt irgendwie einmal bewusst Kontakt auf mit dem Wald. „Ich bin raus aus dem Alltag, bin hier, im Wald“ – das soll verfestigt werden. Wie im Schaumbad ein letzter Blick ins geflieste Bad, dann das mit den Händen im warmen Wasser wedeln, die Augen schließen. Wir nehmen Kontakt auf. Steigen ein in den Wald. Achim steht einfach nur entspannt da, Annette mit einer Geste, die spirituell anmutet, Julia wippt leicht mit geschlossenen Augen.


Linder riecht am Laub, hinten riecht sich Annette ein, trotz eine Riechstörung, die sie seit langem hat. - © Kurt Ehmke

Linder riecht am Laub, hinten riecht sich Annette ein, trotz eine Riechstörung, die sie seit langem hat.
| © Kurt Ehmke

Erdiger Geruch bringt Erinnerungen hoch

„Greift ins Laub, nehmt den Duft aus Bakterien und Pilzen auf“, sagt Linder ruhig. Ich rieche … erst nichts. Annette auch nicht, sie leidet seit Jahren an einem gestörten Geruchssinn. Sie greift in feuchteres Laub. Ich auch. Tatsächlich, das riecht, erdig, würzig. Annette ist jetzt angekommen im Wald, sie wirkt tiefenentspannt, sagt leise: „Ja, tatsächlich, ich rieche auch etwas, etwas Erdiges, und es kommen Erinnerungen an Gerüche hoch, von früher“. Für Annette eine große Freude. Jetzt ist das Schaumbad fast perfekt, entspannt sich alles, schleicht sich dieses wohlige Gefühl von Entspannung ein, langsam, leise.

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Langsam, das ist Linder wichtig. „Vermessen wir unseren Atem“, bittet er die Gruppe. Heißt: Einen Schritt gehen, einatmen, einen Schritt gehen, ausatmen. Ein unglaublich langsamer Rhythmus. Alles wird entschleunigt. Bleibt die Welt gerade stehen? Carsten flüstert: „Ich bin viel im Wald, fahre Mountainbike, wandere, aber das ist anders, so langsam, so intensiv“ – und schaut mich etwas verwundert an, sagt: „Ist es nicht merkwürdig, dass wir erst 30 Euro bezahlen und so einen Kurs machen müssen, um das zu erleben, obwohl der Wald in Bielefeld doch vor unserer Haustür liegt?“ Ich muss ihm zustimmen. Und bade weiter. Halte mir Laub ans Ohr. Was für ein Knistern, wie laut, aber angenehm. Untermalt vom Rauschen der Bäume und unzähligen Vogelstimmen.

Wir lehnen uns an Bäume, jeder hat seinen eigenen. Ah, wird jetzt endlich ein Baum umarmt, das Klischee erfüllt? Nein, Linder bittet darum, Sinne zu schärfen. Sehen? Fünf Dinge. Geräusche. Vier. Tasten. Drei. Riechen. Zwei. Schmecken. Eine Sache. Schmecken? „Ja, öffne den Mund, versuche die Luft zu schmecken.“ Irgendwie könnte da etwas Würziges sein, denke ich. Spüre dazu eine leichte Brise im Gesicht auf der Haut, höre Vögel und eine Motorsäge.

Ein Baum wie eine Brotkruste – mal rau, mal glatt

Eine Teilnehmerin sagt: „Ich habe plötzlich auch die Säge und irgendwo Autos gehört – und habe mich richtig innerlich gewehrt gegen diese künstlichen Geräusche.“ Geräusche, die vorher untergegangen waren. Für Achim erfüllt sich das, was sein Antrieb fürs Waldbaden ist. „Ich habe einen Jagdschein gemacht, nicht um Tiere zu töten, sondern den Wald zu verstehen, die Zusammenhänge zwischen Pflanzen und Tieren – und hier kommt eine neue Ebene hinzu.“ Carsten sagt leise: „Ich habe den Baum wie eine Brotkruste erlebt, mal rau, mal glatter.“ Julia: „Ich habe plötzlich eine Art warme Welle gefühlt.“ Jetzt ist es da, dieses Schaumbadgefühl, dieses umarmt sein vom warmen Wasser, hier dem Wald. Waldbaden, es funktioniert.

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Sinnbild der Ruhe: Julia lehnt an einem mächtigen Baum - und genießt den Perspektivwechsel. - © Kurt Ehmke

Sinnbild der Ruhe: Julia lehnt an einem mächtigen Baum – und genießt den Perspektivwechsel.
| © Kurt Ehmke

Eine Joggerin kommt vorbei, ein Mountainbiker auch. „Sind die schnell!“ durchfährt es mich, der gerade wieder versucht, seinen Atem zu vermessen. Einzelne aus der Gruppe bleiben immer wieder stehen, schauen ins Grün, als würden sie zum ersten Mal in einen Wald blicken. Große Ruhe kehrt ein. Linder verteilt Spiegel, der Fokus verändert sich, der Blick geht über den Spiegel nach oben, mal raus aus der Horizontalen. Der Wald wird höher, „hier ist meine Kathedrale, mein Dom“, sagt Linder. Wer mag, geht barfuß. Das Unten verändert sich, das Oben wird entdeckt – Perspektiven gewechselt. Ein Specht klopft, Licht wirbelt umher.

Reportage: Waldbaden in Bielefeld

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Vom klopfenden Specht zurück zum Verkehr und der tobenden Alm

Und dann, nach zweieinhalb Stunden im Wald, öffnet sich dieser wieder. Unten tobt der Verkehr, fiebern fast 27.000 lautstark mit Arminia auf der Alm. Im Bild des Schaumbades ist nun das Badewasser trübe geworden, etwas zu kühl, der Schaum ist in sich zusammengefallen, das Bad vorbei.

Zurück bleibe ich. Entspannt. Ruhig. Entschleunigt.

www.teutobaden-bielefeld.de