Am frühen Sonntagabend sitzt Steffen Krach auf der Bühne des BKA-Theaters in Kreuzberg und arbeitet sich an Berlins Regierendem Bürgermeister ab. Was derzeit im Roten Rathaus passiere, sei „ambitionslos“ und „falsch“, sagt er.

Kai Wegner (CDU) verschleppe die Bewerbung für die Expo 2035, habe mit der Ernennung von Stefan Evers (CDU) zum Kultursenator einen Fehler begangen und verliere an Zustimmung – „selbst unter CDU-Mitgliedern“. Wegner, so viel wird schnell klar, ist Krachs Hauptgegner im Fahrt aufnehmenden Wahlkampf.

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Steffen Krach, Spitzenkandidat der Berliner SPD für die Wahl zum Abgeordnetenhaus im September, ist seit 2021 Regionspräsident der Region Hannover. Zuvor arbeitete er fünf Jahre lang als Staatssekretär für Wissenschaft und Forschung im rot-rot-grünen Senat des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller (SPD).

Am Sonntag war Krach im Talkformat „Schattenkabinett“ von Dragqueen Margot Schlönzke zu Gast. Der Queerspiegel, das LGBTIQ-Ressort des Tagesspiegels, präsentiert die Veranstaltungsreihe mit dem BKA-Theater seit dem vergangenen Jahr.

„Ein Wahlergebnis von mehr als 20 Prozent ist möglich“

Abseits der Wegner-Kritik gibt sich Krach im Gespräch mit Schlönzke zurückhaltend. Auf die Fragen der Moderatorin antwortet er zögernd und bedacht. Gleichzeitig versucht er, Optimismus zu verbreiten. Etwa mit Blick auf das Wahlergebnis seiner Partei im Herbst.

In einer jüngst vom RBB veröffentlichten Umfrage kommt die SPD auf 14 Prozent und belegt damit den letzten Platz unter den im Parlament vertretenen Parteien. Krach glaubt dennoch an einen Sieg: „Ein Wahlergebnis von mehr als 20 Prozent ist möglich“, sagt er. Voraussetzung sei, dass es den Berlinerinnen und Berlinern bei der Wahl nicht um eine „Abrechnung mit dem Bund“ gehe. Sofern um „Berlin-Themen“ gerungen werde, könne die SPD noch aufholen.

Dafür verordnet Krach sich und seiner Partei Zurückhaltung: Die Erwartung, schnelle Lösungen zu liefern, habe im Bundestagswahlkampf zu Enttäuschungen geführt, erklärt er. Im Wahlkampf wolle er deshalb nicht „zu viele Versprechungen“ machen. „Ich arbeite dafür, dass sich bestimmte Dinge in dieser Stadt ändern“, sagt er. „Gleichzeitig weiß ich auch, dass am Wahlabend nicht alles auf Knopfdruck besser sein wird.“

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Wie sehr gebrochene Versprechen dem Ansehen von Politik schadeten, erlebe er im Wahlkampf. „Die Stimmung ist teilweise heftig“, berichtet er. Erst vor wenigen Tagen sei er auf einem Weinfest im Stadtteil Lichtenrade bepöbelt worden. Dort habe ihm eine Frau die Worte „Verpiss dich!“ zugerufen, als er mit ihr ins Gespräch kommen wollte.

Er verstehe Wut und Frustration, sagt Krach. „Lasst uns aber bitte vernünftig miteinander sprechen.“ Bereits Anfang April wurde Krach bei einer Wahlkampfaktion bedroht. Der Staatsschutz des Berliner Landeskriminalamts hat den Fall übernommen.

Wohnungs- und Queerpolitik

Im weiteren Verlauf des Abends wiederholt Krach seine Forderung nach einem neuen Anlauf zur Einführung eines Mietendeckels („Ich kämpfe für eine Öffnungsklausel auf Bundesebene“), spricht sich gegen eine Bebauung des Tempelhofer Feldes aus („brauchen einen Ort, der nicht versiegelt ist“) und erteilt der Enteignung privater Investoren eine Absage („kann sich die Stadt nicht erlauben“).

Vage bleibt er dagegen in der Queerpolitik: Berlin müsse „immer wieder Solidarität mit der queeren Community“ zeigen, der Kampf für ihre Sicherheit sei eine „Daueraufgabe“. Erst auf wiederholte Nachfrage kündigt er an, die Landesstrategie gegen Queerfeindlichkeit nachschärfen zu wollen. „Ich höre, dass es da noch Punkte gibt, an denen wir nacharbeiten müssen“, sagt er. Welche genau, bleibt offen.

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Die Landesstrategie gegen Queerfeindlichkeit wurde im März vom Berliner Senat beschlossen und soll queeres Leben in Berlin besser schützen. Die 48-seitige Strategie wurde federführend von Sozial- und Antidiskriminierungssenatorin Cansel Kiziltepe (SPD) und dem Queerbeauftragten der Landesregierung, Alfonso Pantisano (SPD), erarbeitet.

Konkret wird Krach erst wieder am Ende des Gesprächs. Es geht erneut um Wegner. Welchen Posten er bei einem Wahlsieg der SPD übernehmen könnte, will Schlönzke wissen. Krach lacht. „Ich denke nicht, dass er dann noch dabei wäre“, sagt er. Er zumindest habe kein Vertrauen mehr in den Regierenden.