Am 1. Mai musste die Görlitzer Brücke von der Polizei zwischenzeitlich gesperrt werden. Der Görlitzer Park im benachbarten Kreuzberg platzte aus allen Nähten. Es sollte verhindert werden, dass noch mehr Menschen aus Alt-Treptow über den Landwehrkanal dorthin strömen. In wenigen Wochen wird die Sperrung aller Wahrscheinlichkeit nach sogar zum Dauerzustand.
Hintergrund ist, dass die Deutsche Bahn zum 30. Juni den Pachtvertrag mit dem Bezirk Treptow-Köpenick gekündigt hat. Dieser gilt laut Bahn bereits seit dem Jahr 1993, laut Bezirk seit August 1994. Der Vertrag regelt, dass die Verbindung frei für die Öffentlichkeit nutzbar ist. Er gilt dabei nicht nur für die Görlitzer Brücke, sondern für gleich vier Brücken hintereinander, die weit bis nach Alt-Treptow hineinreichen. Eine von ihnen überspannt die Lohmühlenstraße, eine die Bouchéstraße und eine die Elsenstraße. Es ist ein durchgehender Grünzug.
Görlitzer Bahnbrücken: Das sind die Gründe für die bevorstehende Sperrung
Die sogenannten Görlitzer Bahnbrücken sind Überbleibsel der Görlitzer Bahn, einer längst stillgelegten Bahnstrecke. Wo einst Züge fuhren, gehen seit Jahrzehnten Menschen zwischen Treptow und Kreuzberg spazieren. Die Deutsche Bahn kann mit den Görlitzer Bahnbrücken heute nichts mehr anfangen. Sie befinden sich aber nach wie vor im Eigentum des Unternehmens.

Als Grund für die Kündigung des Pachtvertrags nennt die Deutsche Bahn auf Morgenpost-Nachfrage Korrosionsschäden an allen vier Brücken. „Feuchtigkeit hat die denkmalgeschützten Bauwerke so stark beschädigt, dass inzwischen die Verkehrssicherheit gefährdet ist. Hauptursache ist der vom Bezirk Treptow-Köpenick auf den Brücken errichtete Radweg. Das dort aufgebrachte Sand-Kies-Gemisch erschwert die Entwässerung und hat die Korrosion in den vergangenen Jahren beschleunigt“, teilt ein Bahnsprecher mit.
Diese Entwicklung ist dramatisch für die Erholungsmöglichkeiten der Bevölkerung.
Oliver Igel, Bürgermeister Treptow-Köpenick
Das Bezirksamt Treptow-Köpenick nennt noch einen weiteren Grund. Demnach hat die Bahn den Vertrag auch „aus Gründen der Wirtschaftlichkeit“ gekündigt. Wie viel eine Sanierung der Brückenbauwerke kosten würde, ist bislang nicht kommuniziert worden.
So reagiert der Bezirk Treptow-Köpenick auf die Entscheidung
Im Bezirk hat die Entscheidung für mächtig Aufregung gesorgt. „Diese Entwicklung ist dramatisch für die Erholungsmöglichkeiten der Bevölkerung. In dem sehr verdichteten Gebiet wird damit – ohne Perspektive – der Bevölkerung eine wichtige Fläche entzogen“, sagt Bürgermeister Oliver Igel (SPD). „Es muss dringend auf höchster Senatsebene Gespräche zum Erhalt der Zugänglichkeit der Flächen für die Bevölkerung geben“, fordert er.
„In einer stark verdichteten Innenstadtlage sind sichere und direkte Wege für den Fuß- und Radverkehr unverzichtbar. Viele Menschen nutzen die Görlitzer Brücken täglich auf dem Weg zur Arbeit, zur Schule oder für Erledigungen. Umso inakzeptabler ist es, dass die Görlitzer Brücken für die Bevölkerung vollständig gesperrt werden. Sie müssen möglichst durchgehend zugänglich bleiben“, äußert sich Verkehrsstadträtin Claudia Leistner (Grüne). „Das Land Berlin sollte daher kurzfristig eine Zwischenlösung mit der Deutschen Bahn vereinbaren und parallel die Übernahme der Flächen prüfen“, meint sie. Unterstützung kommt auch aus Friedrichshain-Kreuzberg.

Menschenmassen schieben sich am 1. Mai langsam vom Schlesischen Busch Richtung Görlitzer Park über die Görlitzer Brücke.
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Auf Nachfrage heißt es, das Bezirksamt Treptow-Köpenick setze auf eine „konstruktive Kompromissfindung mit allen Beteiligten“. Ziel sei es, eine „praktikable Lösung“ zu entwickeln. Diese solle sowohl den baulichen und rechtlichen Rahmenbedingungen als auch der hohen Bedeutung der Fläche für die Bevölkerung gerecht werden.
Deutsche Bahn würde die Brücken kostenlos abgeben
Die Deutsche Bahn, so viel ist klar, würde die Görlitzer Bahnbrücken am liebsten loswerden. „Die DB ist bereit, sie kostenlos zu übereignen. Sie dienen keinem Bahnbetriebszweck mehr“, bestätigt ein Sprecher. Gespräche zur Übernahme der Brücken durch den Bezirk oder den Senat seien bislang jedoch erfolglos verlaufen. „Daher müssen die Bauwerke gesperrt werden“, so der Sprecher. Die Bahn bedauere dies. Doch die Sicherheit der Menschen, die die Brücken nutzen, stehe im Mittelpunkt – und die Verkehrssicherheit könne nicht mehr gewährleistet werden.

Dass die Brücken nach der Sperrung abgerissen werden, ist ausgeschlossen. Stattdessen müssen sie als Baudenkmale erhalten bleiben. „Aufgabe des Bezirks ist es daher, den Untergrund des Radweges schnellstmöglich zu entfernen. Damit wird die Entwässerung verbessert und die Durchrostung der Brückentröge verlangsamt“, erklärt die Bahn.
Klare Forderungen an den Senat
Für viele Menschen ist die Verbindung zwischen Treptow und Kreuzberg wichtig. Aus der Bevölkerung hatte es in der Vergangenheit zudem wiederholt Wünsche zur Verbesserung der Situation auf dem ehemaligen Bahndamm gegeben. So sollte das Gelände durch die Einrichtung eines Hundegartens, Anwohnergärten oder auch durch eine Verschönerung der Grünanlagen aufgewertet werden. Dies sollte, wie das Bezirksamt erläutert, auch „die soziale Kontrolle auf dem Bahndamm verstärken“. Hintergrund ist, dass dort immer wieder mit Drogen gedealt wird.
Weitere Themen aus Treptow-Köpenick:
Treptow-Köpenick hat sich bereits an Verkehrssenatorin Ute Bonde und Finanzsenator Stefan Evers (beide CDU) gewandt und um eine gemeinsame Klärung mit der Deutschen Bahn gebeten. „Im Mittelpunkt steht dabei, eine Lösung zu finden, die den Erhalt der Wege- und Grünverbindungen möglichst sicherstellt und gleichzeitig eine tragfähige Zuständigkeit und Finanzierung für die Zukunft klärt.“ Ob Senat und Bahn zu einer Lösung kommen und ob das Land Berlin die Kosten für die Instandsetzung und -haltung der Görlitzer Bahnbrücken aufbringen kann, werden die kommenden Wochen zeigen.