Ausgerechnet zum Jubiläum muss sich der Eurovision Song Contest (ESC) statt mit Musik vor allem mit Politik auseinandersetzen – dabei hat die veranstaltende European Broadcasting Union (EBU) von Beginn an den unpolitischen Charakter des Wettbewerbs betont. Wirklich unpolitisch war der ESC zwar ohnehin nicht, schon allein wegen des zugrunde liegenden völkerverbindenden Gedankens, aber auch der selbst auf der Showbühne nicht komplett ausblendbaren Konflikte in oder zwischen teilnehmenden Ländern. So brisant wie derzeit war die Lage allerdings noch nie. Im 70. Jahr seines Bestehens steht der ESC daher vor einer ungewissen Zukunft.
Schon weit im Vorfeld des diesjährigen Wettbewerbs, dessen Finale am 16. Mai in Wien stattfindet, hatten öffentlich-rechtliche Sender aus fünf Ländern erklärt, aus Protest nicht an der Veranstaltung teilzunehmen: Spanien, Irland, die Niederlande, Slowenien und Island. Wegen Israels Vorgehen im Gaza-Krieg hatten sie einen Ausschluss Israels verlangt, auf den die EBU nicht eingegangen war. Aktuell fordern zudem aus demselben Grund mehr als 1100 Künstlerinnen und Künstler in einem offenen Brief zum Boykott des Musikspektakels auf, darunter namhafte Musiker wie Peter Gabriel, Paul Weller und Brian Eno. Auch die dänische ESC-Gewinnerin von 2013, Emmelie de Forest, hat das Dokument unterzeichnet. Selbst Sarah Engels, die für Deutschland im diesjährigen Finale singt, bezeichnete den ESC als die falsche Bühne, „um tiefe politische Konflikte auszutragen“.
Tatsächlich droht sich der Streit um die Teilnahme Israels zu einer ernstzunehmenden Belastungsprobe für den Wettbewerb zu entwickeln. Ob er daran zerbricht, wird sich zeigen. Allerdings hat der ESC schon viele Konflikte ausgehalten, einige schwelten über Jahre. So nahmen in den Anfängen damalige Diktaturen wie Spanien, Portugal oder Jugoslawien teil, der Nordirlandkonflikt überschattete einige Jahrgänge genauso wie die Auseinandersetzungen zwischen Armenien und Aserbaidschan sowie der Ukraine-Krieg, der zum Ausschluss Russlands führte. Der ESC war und ist nicht nur ein Spiegel europäischer Geschichte, er ist auch das am längsten währende europäische Gemeinschaftsprojekt und wähnt sich insofern zu recht als krisenresistent.
Dabei geht es beim ESC nicht um das politische Europa oder ausschließlich um die Staaten des Subkontinents, sondern um die der EBU zugehörigen Länder – teilnahmeberechtigt sind damit insgesamt 56 Staaten aus Europa, Nordafrika und Vorderasien. Sogar Australien schickt seit 2015 als vom ESC begeistertes Gastland einen Beitrag ins Rennen. Als das Projekt 1955 aus der Taufe gehoben wurde und 1956 erstmalig als „Grand Prix Eurovision de la Chanson Européenne“ stattfand, waren diese Dimensionen nicht abzusehen. Nur sieben Länder trugen den Wettbewerb damals untereinander aus, die Schweiz, Deutschland, die Niederlande, Belgien, Frankreich, Luxemburg und Italien. Für die Schweiz gewann Lys Assia mit „Refrain“.
Aus der damals sehr überschaubaren Veranstaltung ist ein Riesenapparat geworden. Mehr als 160 Millionen Zuschauer schauen weltweit zu, 35 Nationen nehmen teil, inklusive der Halbfinals werden drei Liveshows übertragen, während der rund einstündigen Punktevergabe-Pausen sind Weltstars wie Justin Timberlake und Madonna aufgetreten. Bis heute wurden 1754 Songs vorgestellt.
Was als relativ biederer, eher konservativer Gesangswettbewerb begann, hat sich längst zu einem schillernd-schrillen, pompös-bunten Spektakel entwickelt, das auch musikalisch einen wilden Stilmix von Pop, Rock und Disco bis zu Chansons und Schlager bietet, Kitsch, Kunst und Kalkül verbindet. Der Wettbewerb ist zugleich hochprofessionell und offen für ironische Brechungen. Gerade diese Mischung aus Ernst und Augenzwinkern macht den besonderen Reiz aus, ist so etwas wie die DNA des Song Contests, der immer mehr war als nur ein Liederabend – nämlich ein Symbol für Solidarität und Diversität.
Der ESC hatte immer auch das Potenzial, den Grundstein für lebenslange Karrieren zu legen. Allen voran starteten ABBA dort 1974 mit „Waterloo“ durch bis an die Weltspitze. Aber auch Johnny Logan, der den Wettbewerb als einziger Künstler dreimal gewann (einmal als Komponist), baute darauf seine Laufbahn. Aus deutscher Sicht war es etwa Katja Ebstein, die von mehrmals guten ESC-Platzierungen besonders profitierte. Generell aber ist das deutsche Verhältnis zum ESC eher verkrampft, geprägt vor allem von den Namen Ralph Siegel und Stefan Raab. Siegel, gerne auch „Mr. ESC“ tituliert, schrieb insgesamt 24 Songs für den Wettbewerb, darunter Nicoles Siegerlied von 1982, „Ein bisschen Frieden“.
Raab trat 2000 selbst als Interpret mit „Wadde hadde dudda da“ an, steuerte aber vor allem aus dem Hintergrund, indem er 2010 gemeinsam mit der ARD Lena ins Rennen schickte, die mit „Satellite“ gewann. Ein Jahr später durfte Raab in Düsseldorf auch mitmoderieren. Siegel und Raab eint, dass sie immer wieder versuchten, nach der Pop-Krone zu greifen. Aber ebenso wie Siegel ein ums andere Mal scheiterte auch Raab 2025, als er den ESC erneut zur „Chefsache“ erklärte und mit dem Duo Abor & Tynna auf dem 15. Platz landete. Bei aller Könnerschaft ist der ESC eben nur schwer auszurechnen und ein Sieg abhängig von vielen, nicht nur musikalischen Faktoren.
Das macht es aber auch immer wieder aufregend. Zum von Abertausenden treuen Fans gepflegten Kult um den ESC gehört es, daheim am Finalabend mit eigens gekochten europäischen Leckereien die gleichermaßen anstrengende wie nervenzerrende Punktevergabe zu verfolgen. Wenn auch das Prozedere, wie die Punkte vergeben werden, über die Jahre mehrfach wechselte und an Komplexität kaum noch zu übertreffen ist. Was aber niemanden wirklich stört. Denn zur Wahrheit des Wettbewerbs gehört es, dass von den allermeisten ESC-Siegern außerhalb ihres eigenen Landes kaum mehr etwas zu hören ist. Europas Pop-Königin oder -König ist man beim ESC nur für einen Tag.