Bielefeld. Klaus Kellermann und seine Frau Ritva Anneli Sälke-Kellermann sind seit fünf Jahren im Bielefelder Musikerviertel mit den klingenden Straßennamen zu Hause. In ihrem Wohnzimmer steht ein großer Flügel. „So ein Ort verpflichtet doch geradezu dazu, Hauskonzerte zu veranstalten“, sagt der pensionierte Kinderneurologe, der vor fünf Jahren von Zürich nach Bielefeld zog.
„Der Malerei und der klassischen Musik gehört schon seit vielen Jahren meine Leidenschaft“, erzählt der 90-jährige Kellermann, der selber gemalt und auch Klavier gespielt hat, ehe ihn ein unheilbares Augenleiden daran hinderte. So sei er auf die Idee verfallen, in Bielefeld einen Salon zu begründen, wie sie seit Anbeginn des 18. Jahrhunderts Tradition in bürgerlichen Kreisen wurden. Salons, in denen sich Künstler, Musiker und Literaten begegneten, wo sie ihre Werke vortrugen, konzertierten, politisierten und debattierten und Kontakte knüpften.
Bei Kellermanns sind es Hauskonzerte, die im Zentrum des Salons stehen. „Kammermusik im kleinen Kreis“ hat er denn auch seine Idee getauft und mit der aus Köln stammenden und in Bielefeld lebenden Cellistin Jeanette Gier vom dreiköpfigen „Eldering Ensemble“ eine professionelle Musikerin gewinnen können, mit der er sich im Januar 2025 an den Start der Reihe wagte.
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Einfach mal gewagt: Erstes Konzert sorgt für Begeisterung
„Ich hätte nie gedacht, dass ich ein solch renommiertes Profi-Ensemble für so ein Konzert im privaten Rahmen begeistern könnte. Und ich hätte mir auch nicht träumen lassen, dass es der Auftakt zu einer erfolgreichen kammermusikalischen Reihe werden würde. Aber wir haben es einfach mal gewagt“, sagt der agile Pensionär im lichtdurchfluteten Wohnzimmer seiner geräumigen Wohnung und erinnert sich: „Wir hatten beim ersten Mal rund ein Dutzend Gäste aus unserem Umfeld eingeladen, alle kamen und waren am Ende begeistert.“
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Begeistert von der Kammermusik da selbst (geboten wurden Klaviertrios von Robert Schumann und Jean Françaix), von der intimen Atmosphäre, der Nähe zu den Musikern, der Zwanglosigkeit des Beisammenseins (legere Kleidung war genauso erwünscht wie das Mitbringen von Hausschuhen), den anschließenden lockeren Gesprächen, zu denen die Gastgeber einem kleinen Imbiss und Getränke reichten. „Mittlerweile bringen die Gäste sogar selbst kleine Häppchen mit, was die Stimmung nochmals auflockert“, sagt Kellermann begeistert.
Shoko Kawasaki, Pianistin, ist beim nächsten Hauskonzert zu Gast.
| © Privat
Und auch Gier betont für die Musiker: „Das war eine ganz besondere Atmosphäre.“ Es sei wunderbar, in so unmittelbarer Nähe zum Publikum spielen zu können und danach mit den Gästen direkt ins Gespräch zu kommen – über das Gehörte, die Musik, die Instrumente. „Diese Abende sind einfach ein echter Gewinn für uns alle“, sagt die Musikerin, die seit 2018 als Dozentin für Violoncello an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln unterrichtet.
Sieben Hauskonzerte in diesem Jahr
Und so habe sie sich entschlossen, mit dem Initiator und Andrea Frank, die unter den Gästen des zweiten Konzerts war, dran zu bleiben an dieser Idee, die Reihe auszubauen, sodass 2025 insgesamt vier Hauskonzerte mit bis zu jeweils 20 bis 25 Gästen über die Bühne gehen konnten.
In diesem Jahr werden es am Ende gar sieben sein mit jeweils ein bis fünf professionellen Musikerinnen und Musikern. Das nächste Konzert ist als Sonntagmorgen-Matinee für den 31. Mai geplant – wieder bei den Kellermanns. Werke von György Ligeti, Frederic Chopin und Franz Liszt stehen auf dem Programm. Als Pianistin ist Shoko Kawasaki zu erleben, die auch Lehrbeauftragte an der Ludwig-Maximilians Universität in München und Mitglied des Eldering Ensembles ist.
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Organisation der Hauskonzerte ist aufwendig
Doch mit dem wachsenden Erfolg der Konzerte gehen auch wachsende Herausforderungen einher. „Die Organisation der Konzerte ist aufwendig“, räumt Kellermann ein. Einladungen müssen verschickt, Musiker gefunden, Anmeldungen koordiniert, die Räume vorbereitet und die Gäste bewirtet werden. Und der Einladende finanziert die Abende auch weitestgehend selbst – auch die Musikerinnen und Musiker. „Sie erhalten selbstverständlich ein Honorar“, betont Kellermann, der in Düsseldorf aufgewachsen ist und einst die Kinderneurologie an der Kölner Kinderklinik aufgebaut hat.
Auch wenn Frank, Gier und andere dem Arzt helfend zur Seite stehen, so kommt der 90-Jährige doch langsam an seine Grenzen, was er in seinem Alter noch so stemmen kann. Daher haben die drei Freunde der Musik eine Idee, die sie auch schon ausprobiert haben. „Wir möchten, dass die Hauskonzerte wandern, dass sich andere finden, die die Rolle der Gastgeber übernehmen, sozusagen den Staffelstab weitertragen“, betont Frank, die bereits selbst Gastgeberin eines solchen Kammerkonzertabends in ihren vier Wänden war.
Ein eigener Flügel wird nicht vorausgesetzt
Ein eigener Flügel sei keine Voraussetzung, um Gastgeber sein zu können.
| © Barbara Franke (Symbolbild)
„Es war ein großartiges Erlebnis für mich und meinen Mann“, bilanziert die 66-jährige ehemalige Leiterin des Zentrums für Lehren und Lernen an der Universität Bielefeld. „Wir helfen interessierten Gastgebern auch gerne dabei, ein solches Konzert auf die Beine zu stellen und zum Beispiel die geeigneten professionellen Musikerinnen und Musiker zu finden.“
Auch ein eigener Flügel sei keine Voraussetzung, um Gastgeber sein zu können, sagt Frank, die sich in der Bielefelder Bürgerstiftung insbesondere für das Projekt „Aufwind“ engagiert. Deshalb ist es ihr besonders wichtig, auch jüngere Menschen mit verschiedenen kulturellen Hintergründen zu den Hauskonzerten einzuladen, um ihnen einen Zugang zur klassischen Musik zu ermöglichen.
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So können selbst Hauskonzerte organisiert werden
Wer Interesse hat, Gastgeber eines der Hauskonzerte zu werden, der kann sich per Mail an info@keytoculture.de wenden. Dort ist Jeanette Gier zu erreichen, die Interessenten gerne berät. „Wir laden potenzielle neue Gastgeber natürlich auch zu unserem nächsten Konzert ein, sodass sie schon mal vor Ort erfahren können, wie gewinnbringend solche Abende sind“, sagt sie. „Und natürlich müssen die Gastgeber nicht im Musikerviertel wohnen“, fügt Kellermann an. „Es ist doch eine schöne Vision, dass sich unsere Hauskonzert-Idee eines Tages über weite Teile der Stadt erstrecken könnte“, sagt er und ein Lächeln liegt auf seinem Gesicht. In der Tat, das wäre es.

