Das Bucerius Kunst Forum würdigt im Rahmen der Triennale der Photographie deren Gründer im Jahr seines 100. Geburtstags mit der großen Ausstellung „F.C. Gundlach. You‘ll Never Watch Alone“ – und zeigt Verbindungen zu seinen Weggefährten.
Die Wendeltreppe besticht durch ihre klaren Formen. Licht und Schatten spielen mit den filigranen Geländern, definieren die verschiedenen Stockwerke. Die Treppe im Hochbunker Feldstraße, der 1942 gebaut wurde und während der Bombenangriffe auf Hamburg bis zu 25.000 Menschen Schutz bot, ist ein ideales, oft gewähltes Fotomotiv. Ein großformatiges, vom Künstler Günther Förg 1986 geschossenes Bild der Treppe, die sich durch das denkmalgeschützte Stahlbetonbauwerk schlängelt, hängt jetzt in der Ausstellung „F. C. Gundlach – You’ll never Watch Alone!“ im Bucerius Kunst Forum.
Förderer der Fotografie als Kulturgut
Das Wirken des Modefotografen und Sammlers F. C. Gundlach (1926–2021), der hier im Rahmen der – 1999 von ihm initiierten – 9. Triennale der Photographie zum 100. Geburtstag gewürdigt wird, ist eng mit dem Betonkoloss auf dem Heiligengeistfeld verbunden. Dort gründete Gundlach 1971 ein Dienstleistungsunternehmen für Fotografen. Die Firma PPS (Professional Photo Service) bot unter anderem Schwarz-Weiß- und Farblabore, einen Equipment-Handel, Mietstudios und eine Fachbuchhandlung. „Der ganze Bunker war PPS“, sagt Sebastian Lux, Leiter der Stiftung F. C. Gundlach, der die Ausstellung zusammen mit den Kuratorinnen Franziska Mecklenburg und Sophie-Charlotte Opitz eingerichtet hat.
Vier Jahre später ergänzte der Fotograf sein professionelles Service-Imperium um die „PPS. Galerie“. Zwischen 1975 und 1992 stellte er einerseits internationale Koryphäen wie Richard Avedon und Irving Penn aus, andererseits zeigte und unterstützte er auch Newcomer wie Wolfgang Tilmans: „Er betrieb die Förderung der Fotografie als Kulturgut“, so Lux. Auch Maler wie Martin Kippenberger und Albert Oehlen experimentierten in den PPS-Laboren und waren in der Galerie präsent. Nebenbei wuchs Gundlachs Sammlung, die heute von der Stiftung verwaltet wird. Aus dem Bestand von rund 15.000 Werken konnten die Kuratoren für die Schau schöpfen.
Die berufliche Reise begann in Paris
Dass der Modefotograf aus dem hessischen Heinebach nicht nur mit seinen eigenen Arbeiten groß herauskam, sondern auch maßgeblich Einfluss auf die Fotoszene nahm, lag vor allem an seinem Talent als Netzwerker, der zahllose Kontakte in der internationalen Welt der Mode, Fotografie und Kultur pflegte. So stellt die Ausstellung titelgemäß Gundlachs ikonische Modefotos in Schwarz-Weiß sowie Farbe vor, fächert zugleich aber auch das Schaffen seiner Vorbilder, Weggefährten und Nachfolger auf. Viele Bezüge werden zwischen den Bildern hergestellt und viele Geschichten erzählt.
Die berufliche Reise startete für den in Kassel zum Fotografen ausgebildeten Gundlach in der französischen Hauptstadt: „Er kam aus der Enge Nachkriegsdeutschlands nach Paris. Dort fing sehr viel für ihn an“, sagt Mecklenburg. Der junge Lichtbildner nahm die Stadt bei Tag und Nacht auf, schloss Bekanntschaften und studierte eifrig die Modestrecken von Avedon und Penn in Magazinen wie „Vogue“ und „Harper’s Bazaar“, um ihre Kompositionen zu übernehmen. „Er war ein Bildbauer“, erklärt Opitz, „er hat schon früh einen Stil entwickelt und ihn durchgezogen“.
Architektonische Hintergründe als Kontrast zur Mode
So spielten architektonische Hintergründe stets eine wesentliche Rolle in Gundlachs Bildern – etwa in der Aufnahme „Abendkleid von Manguin“, die einen spannenden Kontrast aufbaut zwischen dem fließenden Stoff des Kleides und der strengen Geometrie einer Steintreppe, auf der das Model steht. Für die Wahl perfekter Locations hatte Gundlach von Anfang an ein Händchen: Zum Beispiel lichtete er, schon damals bestens vernetzt, seine Modelle auf dem ideal gelegenen Balkon der Kosmetikunternehmerin und Mäzenin Helena Rubinstein so ab, dass im Hintergrund Notre-Dame zu sehen ist.
In Paris trat Gundlach eine Assistenz im Atelier des Mode- und Porträtfotografen Harry O. Meerson an, dessen Präzision und Stilbewusstsein ihn weiterbrachten. Mit der 1953 getroffenen Entscheidung, fortan für die in Hamburg verlegte Zeitschrift „Film und Frau“ zu arbeiten, nahm seine Karriere als Modefotograf Fahrt auf. „Gundlach war immer am Puls der Zeit“, sagt Lux. So verinnerlichte er das Frauenbild der 1960er-Jahre, das mit neuen Formen der Inszenierung einherging. Er verstärkte den geometrischen Ansatz, verwandelte etwa ein Model in eine „Op-Art-Silhouette“ oder nahm das „Sputnik-Girl“ ganz in Weiß vor einer weißen Wand auf.
New York als Sehnsuchtsort
Die Reportagereise „Mit der Lufthansa nach New York“ führte Gundlach an einen Sehnsuchtsort: „New York war sehr, sehr wichtig, hier hat er sich die Ideen für sein Wirken in Deutschland geholt, hier begann er zu sammeln“, berichtet Opitz. Im goldenen Zeitalter der Magazine, der Werbung und der technischen Neuerungen war die Stadt am Hudson Treffpunkt der Kulturszene. Gundlach, nun als Lufthansa-Fotograf etabliert, begleitete den Flug deutscher Modeschöpfer nach New York, fotografierte die Mannequins auf dem Dachgarten eines Wolkenkratzers oder zwischen den Häuserblocks von Manhattan: „Die Straße wurde zum Laufsteg“, sagt Mecklenburg.
In New York besuchte Gundlach große Kollegen wie Horst P. Horst oder Erwin Blumenfeld in ihren Ateliers, fotografierte Richard Avedon, erwarb Vintage-Prints von Martin Munkácsi sowie Werkkonvolute von Nan Goldin und ihren Weggefährten. Seine Begeisterung für die professionellen Produktionsbedingungen jenseits des Atlantiks nahm er mit nach Hamburg, wo sein „Professional Photo Service“ (PPS) ein voller Erfolg wurde. Vor allem durch die Anwendung des Farbdruckverfahrens Dye-Transfer wurde PPS international bekannt: Dabei werden die Farbstoffe Cyan, Magenta und Yellow von drei separaten Druckplatten nacheinander auf das Papier übertragen. Wie das aussah, zeigt in der Ausstellung ein Werk Blumenfelds, das Gundlach farblich aufgewertet hat.
Das Bild der Frau in der Modewelt
Neben seiner Tätigkeit für „Film und Frau“ arbeitete der Fotograf auch für „Stern“, „Quick“, „Twen“, „Brigitte“ und andere Magazine. Ein festes Engagement bei der Lufthansa lehnte er ab, begleitete aber alle Eröffnungsflüge der neu erstandenen Nachkriegs-Fluggesellschaft fotografisch und ließ sich in Meilen bezahlen. Von seinen Reisen brachte er Bilder mit, die vor spektakulären Kulissen entstanden waren – so schuf er Modefotos etwa in der frisch am Reißbrett erschaffenen Planhauptstadt Brasília oder in den Ruinen der Inka-Stadt Machu Picchu. Er reiste unter anderem nach Tokio und Hongkong, besuchte sogar eine Lepra-Station in Thailand, bündelte seine Aufträge, nutzte Fotos mehrfach: „Er hat konsequent Synergien gebildet in seiner Arbeit“, erklärt Opitz.
Auch um das Bild der Frau, das durch die Sehgewohnheiten prägenden Modefotografie transportiert wird, geht es in der Schau immer wieder. So fotografierte Gundlach 1965 die Bildstrecke „Mein Tag mit Nerz“: Die Dame im Pelz tobt mit einem Kind im Schnee herum, lässt ihr Auto betanken und kauft im Supermarkt ein – ist also in allen Lebensbereichen der damals modernen Frau edel gekleidet. Dem gegenüber steht das Farbporträt, das Gundlach 1970 von Uschi Obermaier geschossen hat: Die ehemalige Kommunarde sitzt selbstbewusst im Bild und quetscht dabei drei „Ritas“ in den Hintergrund, das waren sexistische Plastikpuppen, die für die Getränkefirma Sinalco warben.
Am Schluss ein Kapitel über Berlin
In die Sammlung Gundlachs, der für alles offen war, zogen außerdem Werke von Fotografinnen ein, die sich von überkommenen Schönheitsidealen gelöst hatten: So verwandelt Cindy Sherman ein Fotomodell in eine kaputte Schaufensterpuppe, an der das elegante Kleid nicht optimal zur Geltung kommt. Einen wichtigen Bereich stellen auch die Fotos queerer Künstler dar, etwa der Fotografen David Armstrong und Mark Morrisroe. Gundlach trug ein Bildarchiv über die Wahrnehmung von Körperlichkeit zusammen, obwohl er in einer Gesellschaft lebte, in der er seine Homosexualität lange nicht leben konnte: „Das prägte ihn und spiegelt sich auch in seiner progressiven Sammlung“, sagt Mecklenburg.
Der thematisch und geografisch geordnete Rundgang endet mit einem Kapitel über Berlin, der Stadt, in der Gundlach in den 1980er-Jahren eine Professur an der Hochschule der Künste antrat – und in der er schon als junger Mann fotografiert und markante Bauten wie den Funkturm oder das Brandenburger Tor in seine Modefotos integriert hat.
Bucerius Kunst Forum: „F. C. Gundlach. You‘ll Never Watch Alone“, 8. Mai bis 16. August