StZ- und StN-Chefredakteur Joachim Dorfs an der IT-Schule in Stuttgart. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Wahrheit oder Desinformation? Wie Medienschaffende das eine vom anderen unterscheiden, ist Thema bei den bundesweiten Schülermedientagen.
Die angehenden Fachinformatikerinnen und Fachinformatiker für Systemintegration sind gut vorbereitet an diesem Montagmorgen: Mehr als 30 Fragen haben sie für den Besuch von Joachim Dorfs zusammengestellt. Der Chefredakteur von Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten kommt zum Auftakt der Schülermedientage, die jährlich in Kooperation mit der Landeszentrale für politische Bildung stattfinden, an die IT-Schule Stuttgart und spricht mit den jungen Erwachsenen über Fake News, seriöse Berichterstattung und die Herausforderungen in der Medienbranche. Letztere sind vielfältig, wie ein kurzes Video zum Internationalen Tag der Pressefreiheit zeigt: Laut der Organisation Reporter ohne Grenzen ist Deutschland auf Platz 14 der Rangliste abgesackt. Die Bedrohungen gegenüber Medienschaffenden hätten „ganz klar zugenommen“, sagt Dorfs, betont aber auch: „Man muss die Relation wahren im Verhältnis zu anderen Ländern.“ Er meint damit etwa Russland oder China. „Das erste, was autokratische Systeme machen, ist, die Pressefreiheit abzuschaffen.“ Dann werden Medienschaffende oft auch von Politikerinnen und Politikern offen bedroht.
Zu den Herausforderungen hierzulande zählt das Finanzielle: Auf die Frage eines Schülers, ob regionale Zeitungen eine Zukunft hätten, verweist der Chefredakteur auf wirtschaftliche Zwänge. Die gedruckte Zeitung habe eine vorwiegend ältere Leserschaft. Der Markt schrumpfe insgesamt. Das setze Verlage wirtschaftlich unter Druck: „Da wird konsolidiert“, sagt Dorfs und ergänzt, dass die Zukunft im digitalen Lesermarkt der Webseite und des E-Papers liege. Deshalb bemühen sich Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten, jüngere Zielgruppen mit anderen digitalen Angeboten zu erreichen. Wegen der technischen Anforderungen könnten diesen Wandel nur Verlage mit einer bestimmten Größe schaffen, was wiederum die Pressevielfalt reduziere. Die wirtschaftliche Situation, Anfeindungen und ein hoher Arbeitsdruck: „Bieten Sie psychologische Unterstützung an?“, möchte ein anderer Schüler wissen. Ja, dazu können die Journalistinnen und Journalisten auf ein Angebot zurückgreifen, erklärt Joachim Dorfs. Grundsätzlich gehöre der Journalismus auch aufgrund der Arbeitszeiten (etwa abends oder am Wochenende) aber zu den Jobs, in denen die „Work-Life-Balance nicht im Vordergrund steht“. Das sei den Kolleginnen und Kollegen von vornherein bewusst. Was sie motiviere und Erfüllung bringe, sei die Sinnhaftigkeit ihres Berufs.
Die zeigt sich insbesondere dann, wenn man sich klar macht, wie gefährlich Fake News sein können – und wie wichtig demgegenüber seriöse Berichterstattung ist. Unterschiedliche Seiten anhören, das Zwei-Quellen-Prinzip, der Pressekodex und gesetzliche Vorgaben als Leitlinien, die Trennung zwischen Meinung und Kommentar: Unter anderem diese Merkmale machen die Arbeit von ausgebildeten Journalistinnen und Journalisten aus, erläutert Dorfs. Ebenso wie der transparente Umgang mit Fehlern – denn diese passieren allen, gerade auch in Hinblick auf KI-generierte Inhalte, die immer raffinierter werden und sich teils kaum noch von echten Bildern oder Videos unterscheiden lassen. „Die Grundeinstellung muss sein: ‚Kann das sein? Ist das plausibel?‘“, betont der Chefredakteur.
Künstliche Intelligenz erleichtert die Verbreitung von Falschmeldungen
Auch Fake News – also bewusst in Umlauf gebrachte Falschinformationen – seien in der Regel nicht komplett falsch, was es schwierig mache, sie als Desinformation zu erkennen. „Was ist die Quelle?“, ist daher laut Chefredakteur Dorfs eine zentrale Frage. „Es gibt immer Leute, die ein Interesse daran haben, bestimmte Narrative zu verbreiten“, warnt er. Künstliche Intelligenz erleichtert dies.
Ob und wie die Redaktion selbst KI einsetze, interessiert die Klasse ebenfalls. „Wir nutzen KI zur Unterstützung“, antwortet der Chefredakteur und betont, entscheidend sei die „Schöpfungstiefe“ eines Textes – und dass die Autorin oder der Autor dafür die Verantwortung trage.
Fake News, ein zunehmendes Misstrauen gewisser Teile der Bevölkerung gegenüber etablierten Medien, Konkurrenz durch Big-Tech-Plattformen: Kann man diesen Tendenzen als Medium überhaupt etwas entgegensetzen?, fragt ein Schüler. „Möglichst inklusiv sein“, lautet Dorfs’ Strategie. Kritik komme von verschiedenen Seiten. „Die, die uns beschimpfen, für die sind wir relevant.“ Es gelte daher, auch mit diesen Leuten in der Diskussion zu bleiben – und somit möglichst viele Menschen auf der Seite der seriösen Berichterstattung zu behalten.