Gerade einmal 30 Tage ist er alt und schon ein Pfundskerl: 4,5 Kilo schwer und so groß wie ein Lamm, liegt der junge Seeadler in den Händen von Kathrin Weber. Die Forstwissenschaftlerin hatte den Adlerhorst in 27 Metern Höhe seit dem Winter beobachtet: Nun soll der junge Seeadler beringt werden. Ein Baumkletterer der Bayerischen Staatsforsten war zuvor auf die Fichte gestiegen und hatte das Junge in einem Sack heruntergelassen.
18 junge Seeadler seit 2016
Seit zehn Jahren brütet das Seeadler-Paar im Staatswald im Landkreis Erlangen-Höchstadt. Seeadler sind standorttreu und bleiben ein Leben lang als Paar beisammen. Die Altvögel haben seit 2016 bereits 17 Junge zur Welt gebracht, nun also Nummer 18: Vogelkundlerin Kathrin Weber kontrolliert Augen, Schnabel und Federkleid des jungen Seeadlers und heftet ihm dann einen Ring der Vogelwarte Radolfzell an den Fuß: Hier wird die bayerische Seeadler-Population erforscht und dokumentiert: Seit dem ersten Brutpaar im Jahr 2001 ist der Bestand auf rund 40 Seeadler-Paare angewachsen.
Seeadler bewachen Nachwuchs
Während Kathrin Weber das Junge am Waldboden untersucht, kreisen die Eltern über den Baumwipfeln: Die Spannweite ihrer Flügel reicht bis zu 2,50 Metern, ihre Krallen sind riesig. Anders als Steinadler würden sie nach Ansicht der Wissenschaftlerin aber nicht angreifen.
Kathrin Weber arbeitet konzentriert, das Junge liegt ruhig in ihrem Schoß. Nach einer halben Stunde hat es der Vogel geschafft: Weber steckt ihn vorsichtig in den Sack und seilt ihn nach oben, wo der Baumkletterer ihn zurück in den Horst setzt. Bis zum Herbst werden seine Eltern ihn noch versorgen, dann ist der junge Seeadler selbständig und wird sich ein eigenes Revier suchen.
Bleifreie Munition im Staatswald
Seeadler leben vor allem in Norddeutschland und in Bayern vorzugsweise in den Teichgebieten Frankens und der Oberpfalz. Sie ernähren sich von Enten, Blässhühnern, Fischen, Hasen und Kadavern toter Rehe und Hirsche. Auch deshalb schießen die Jäger der Bayerischen Staatsforsten seit einigen Jahren nur noch mit bleifreier Munition: Fressen Greifvögel wie der seltene Seeadler bleiverseuchtes Aas, können sie daran sterben.
Ruhe während der Brutzeit
Im Staatswald ruht im Umkreis von 300 Metern um den Adlerhorst während der Brutzeit die Holzernte. Jegliche Störung könnte das Seeadler-Paar vertreiben. Auch deshalb muss der Ort geheim bleiben. Schon einmal hatten Schaulustige die Seeadler beim Brüten gestört: Sie verließen das Nest, die Eier kühlten aus und starben ab.