Wie plant man ein Depot, das 100-Tonnen-Bergbaumaschinen ebenso aufnehmen muss wie Hunderttausende kleinteiliger Objekte? Im neuen Forschungs- und Depotgebäude des Deutschen Bergbau-Museums Bochum bündelt das Aachener Büro Carpus+Partner Sammlung, Forschung und moderne Arbeitswelten unter einem Dach. Eine Aufgabe, so vielschichtig wie die Sammlung selbst.
Den Wettbewerb von 2021 gewannen Carpus+Partner mit einem klaren Auftrag: die bislang dezentral gelagerten Bestände des Montanhistorischen Dokumentationszentrums an einem Standort zusammenzuführen und gleichzeitig eine leistungsfähige Infrastruktur für Forschung und Digitalisierung zu schaffen.
Was das bedeutet, zeigt ein Blick auf die Sammlung: rund 350.000 Objekte, mehr als 350 Archivbestände, über 30 Spezialsammlungen, 85.000 Bücher und Zeitschriften, 150.000 Fotografien – und Bergbaumaschinen bis 100 Tonnen. Diese Bandbreite stellt vielfältige Anforderungen. Empfindliche Objekte brauchen ein präzise kontrolliertes Raumklima. Schwere Maschinen verlangen hochbelastbare Böden. Die Forschung wiederum braucht direkten Zugriff auf die Bestände und flexible Arbeitsbereiche.
Das Gebäude steht damit vor einer dreifachen Aufgabe: konservieren, erschließen, forschen. Gelöst werden muss sie an einem Ort, der selbst Geschichte trägt – und sich vom ehemaligen Industriestandort zum Wissenschaftscampus wandelt.
Stadträumliche Einbindung
Das Grundstück liegt in einem Stadtraum voller Gegensätze: Direkt neben der Jahrhunderthalle Bochum treffen großmaßstäbliche Industrieanlagen, Wohnstrukturen und der »Nordpol« aufeinander – ein durch den Bergbau aufgeschütteter Höhenzug, der die Nachbarschaft bis heute prägt.
Die Architekten nehmen diese Maßstabssprünge auf. Ein massiver Sockel fasst die großvolumigen Depotbereiche zusammen – robust, erdverbunden, industrienah. Darüber erhebt sich der Forschungsbau als eigenständiger, turmartiger Baukörper. Staffelungen und Rücksprünge vermitteln zwischen den unterschiedlichen Größenverhältnissen des Umfelds und machen zugleich die innere Organisation des Hauses von außen lesbar. Der Haupteingang orientiert sich zum Straßenraum an der Jahrhunderthalle / Gahlensche Straße. Eine vorgelagerte Freifläche bildet den Übergang zwischen Stadt und Gebäude.
Organisation und Tragwerk
Die innere Organisation folgt den Anforderungen der Sammlung. Große Maschinenteile brauchen Platz und Tragfähigkeit, empfindliche Stücke stabile Temperatur und Luftfeuchte, kleine Bestände schnelle Zugänglichkeit. Die schweren Exponate lagern in den unteren Geschossen. Ein auf hohe Lasten ausgelegtes Tragwerk, rund vier Meter lichte Höhe und große Spannweiten schaffen die nötige Reserve. In spezialisierten Klimabereichen sichern präzise geregelte Systeme konstante Bedingungen für Papier, Fotografien und andere sensible Materialien.
Eine zentrale Logistikspange verbindet die Bereiche und strukturiert die Abläufe. Die Depotflächen sind als zusammenhängende Einheiten organisiert – flexibel anpassbar, wenn Bestände wachsen oder Nutzungen sich ändern.
Sammlungsnahe Forschung
Der Kopfbau nimmt die Forschungsbereiche auf. Wie eine Klammer umfassen die mit Tageslicht durchfluteten Arbeitsbereiche die innenliegenden Sammlungs- und Archivflächen. Ein regelmäßiges Raster strukturiert die Fassade und den Grundriss. Arbeitsplätze, Kommunikationszonen und Servicebereiche lassen sich flexibel anordnen.
Das zentrale Entwurfsprinzip ist die räumliche Nähe von Sammlung und Forschung. Sie verkürzt Wege, ermöglicht den direkten Zugriff auf Objekte und verbindet wissenschaftliche Arbeit eng mit konservatorischen Prozessen.
Im Eingangsfoyer wird dieser Zusammenhang sichtbar: Ein großformatiges Schaufenster öffnet den Blick ins Depot und macht dessen Dimension erfahrbar – ohne die konservatorischen Bedingungen im Inneren zu beeinträchtigen.
Materialität und Ausdruck
Die äußere Erscheinung folgt der inneren Ordnung. Der Depotbereich bildet einen massiven Sockel. Seine Fassade aus gebranntem Klinker mit glasierten und Kohlebrandmerkmalen schafft eine optische und haptische Verbindung zum Bergbau. Die kassettenartige Gliederung der Fassade erzeugt Struktur und Tiefe, der Baukörper wirkt geordnet und ruhig. Aus der Nähe tritt die Materialität des Ziegels hervor: Feine Oberflächenstrukturen und differenzierte Farbnuancen brechen die großmaßstäbliche Wirkung und bringen die Fassade in den menschlichen Maßstab.
Darüber sitzt der Forschungsbau. Pfosten-Riegel-Konstruktion, Metallfassade und großzügige Verglasungen geben ihm eine leichtere, transparente Erscheinung – und bilden zugleich eine klar strukturierte Hülle für die Arbeits- und Forschungsbereiche.
Rücksprünge im Baukörper schaffen Dachgärten und Terrassen. Intensiv begrünte Dachflächen bilden die fünfte Fassade und binden den Neubau in den Landschaftsraum ein.
Identität aus Ort & Nutzung
Das Gebäude bezieht seine Identität aus Ort und Nutzung. Materialität und Maßstab nehmen die industrielle Prägung des Standorts auf – und überführen sie in eine eigenständige Architektur. Die Anforderungen der Sammlung und der Forschung strukturieren dabei nicht nur die Grundrisse, sondern das gesamte konstruktive Gefüge.
Flexibilität und Robustheit sind keine Nebenaspekte, sondern Entwurfshaltung. Das Gebäude reagiert auf bestehende Anforderungen und schafft zugleich Spielraum für das, was noch kommt.
So vermittelt der Bau zwischen Stadt, Landschaft und historischem Industrieareal – und macht diese Verbindung in Material, Struktur und Raum erfahrbar.
Standort: Jahrhunderthalle 46, Bochum
Architekten: Carpus+Partner AG
- Wettbewerbsentwurf: Michael Lohmann, Paul Borucki
- Bearbeitende Architekten: Friedhelm Nußbaum, Eric Demary, Karolos Renson
Fertigstellung: voraussichtlich Ende 2026
db deutsche bauzeitung