05. Mai 2026
Matthias Lindner

Ein Kind mit aufgemaltem Schnurrbart und Bart umgeht die Alterskontrollen wohl sehr leicht.
(Bild: CCISUL / Shutterstock.com)
Eine Umfrage unter britischen Kindern zeigt: 46 Prozent halten Online-Alterskontrollen für leicht umgehbar. Eltern helfen teils aktiv mit.
Immer mehr Länder gehen dazu über, Kinder und Jugendliche aus den sozialen Netzwerken zu verbannen. Ohne Altersprüfung bleibt der Zugang versperrt, so die Theorie. In der Praxis zeigt sich allerdings, dass es scheinbar immer einen Weg gibt, die Kontrollen zu überlisten.
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Ein Beispiel dafür ist Großbritannien. Monate nach Inkrafttreten der verschärften Altersprüfungen unter dem britischen Online Safety Act (OSA) zeigt ein Bericht, dass die Maßnahmen ihr Ziel weitgehend verfehlen.
Die aktuelle Studie der Organisation Internet Matters mit über 1.000 befragten Kindern und deren Eltern dokumentiert, wie leicht sich Minderjährige Zugang zu altersbeschränkten Inhalten verschaffen.
Die Methoden reichen vom schlichten Eingeben eines falschen Geburtsdatums über die Nutzung fremder Ausweisdokumente hin zu einem besonders kuriosen Trick: Ein 12-Jähriger malte sich mit einem Augenbrauenstift einen Schnurrbart ins Gesicht – und die KI-gestützte Gesichtserkennung verifizierte ihn als 15-Jährigen.
Die Zahlen sprechen hier eine deutliche Sprache: 46 Prozent der befragten Kinder halten Alterskontrollen für leicht zu umgehen, nur 17 Prozent empfinden sie als schwierig.
Tatsächlich umgangen haben die Sperren laut eigener Aussage 32 Prozent. Besonders brisant: 49 Prozent aller befragten Minderjährigen gaben an, kürzlich mit schädlichen Inhalten in Kontakt gekommen zu sein – unabhängig davon, ob sie Alterskontrollen aktiv ausgehebelt hatten.
Eltern als Komplizen
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Wie The Register berichtet, liegt ein erheblicher Teil des Problems bei den Erziehungsberechtigten selbst.
Knapp 17 Prozent der Eltern räumten ein, ihren Kindern aktiv bei der Umgehung geholfen zu haben. Weitere 9 Prozent schauten bewusst weg.
Die Motive unterscheiden sich dabei: Aktiv helfende Eltern beschrieben Szenarien, in denen sie die Risiken einzuschätzen glaubten und ihrem Kind die Nutzung unter Aufsicht erlaubten – etwa bei bestimmten Spielen.
Passiv wegsehende Eltern intervenierten schlicht nicht, obwohl sie das Verhalten bemerkten.
Internet-Matters-Geschäftsführerin Rachel Huggins forderte in dem Bericht „stärkere Maßnahmen von Regierung und Industrie“, um sicherzustellen, dass Kinder „nur auf altersgerechte Online-Dienste zugreifen können, bei denen Sicherheit von Anfang an eingebaut ist – statt erst als Reaktion auf Schäden“.
Technische Schwächen der Gesichtserkennung
Dass ein aufgemalter Schnurrbart ausreicht, um die Gesichtserkennung zu täuschen, offenbart grundlegende Schwächen der KI-basierten Altersschätzung (Facial Age Estimation). Diese Systeme erstellen mathematische Gesichtskarten auf Basis biometrischer Merkmale und sind – wie sich zeigt – für visuelle Manipulationen anfällig.
Hinzu kommen bekannte Verzerrungen bei verschiedenen ethnischen Gruppen: Studien zeigen niedrigere Genauigkeitswerte bei nicht-weißen Bevölkerungsgruppen, da die Trainingsdaten häufig unausgewogen sind. Auch 18- bis 24-Jährige werden überproportional oft fälschlich als minderjährig eingestuft.
Andere Verifikationsmethoden wie Foto-ID oder Kreditkartenprüfung gelten zwar als zuverlässiger, werfen jedoch erhebliche Datenschutzfragen auf – insbesondere unter der europäischen DSGVO, die bei Minderjährigen besonders strenge Maßstäbe an die Datenverarbeitung anlegt.
Globales Muster des Scheiterns
Die britischen Ergebnisse reihen sich in ein internationales Muster ein. In Australien, wo seit Dezember 2025 ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige gilt, haben 61 Prozent der betroffenen Jugendlichen weiterhin Zugriff auf mindestens ein Konto. Auch dort griffen Minderjährige auf Ausweise ihrer Eltern oder bedruckte Masken zurück.
Die australische Senatorin Sarah Hanson-Young bezeichnete den Social-Media-Bann als „Fake“-Lösung, die das Problem nicht behoben habe.
Auf EU-Ebene wurde die im April 2026 vorgestellte Altersverifizierungs-App, entwickelt von Scytáles und der Deutschen Telekom, nur einen Tag nach dem Launch von einem Experten in unter zwei Minuten gehackt.
Dennoch treiben immer mehr Länder Regulierungsvorhaben voran: Die Türkei hat kürzlich für ein Social-Media-Verbot für unter 15-Jährige gestimmt, Norwegen arbeitet an einem Gesetzesentwurf für unter 16-Jährige.
Nur 22 Prozent der britischen Eltern und 31 Prozent der Kinder glauben laut der Internet-Matters-Studie, dass die Regierung genug unternimmt.
Die Studienergebnisse dürften auch die deutsche Debatte um Altersverifikation im Rahmen von DSA und Jugendmedienschutz-Staatsvertrag befeuern – zumal die DSGVO invasive biometrische Methoden zusätzlich erschwert.