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Seite 1Der alte Katholizismus will Frankreich zurückhaben
Seite 2Was Bolloré als Journalismus verkauft
Der Mann, von dem manche sagen, er
sei eine Gefahr für die Demokratie in Frankreich, pilgert regelmäßig nach
Lourdes. In den kleinen Wallfahrtsort am Fuße der Pyrenäen, zur Grotte von
Massabielle, wo einem jungen Mädchen vor sehr langer Zeit die Mutter Gottes
erschienen sein soll. Sein Glaube sei »etwas kindlich«, hat Vincent Bolloré
über sich selbst gesagt. In seinem Pariser Büro steht eine Marienstatue, in seinem
Portemonnaie verwahrt er kleine Heiligenbilder.
Man könnte den 74-jährigen
Unternehmer somit leicht für einen einfältigen Frömmler halten. Selbst die
katholische Tageszeitung La Croix findet, Bollorés Katholizismus sei
»ein bisschen retro«. Doch der Frömmler hat in Frankreich einen Kulturkampf
entfacht, wie ihn das Land schon lange nicht mehr erlebt hat.
Dieser Kampf schwelt seit einigen
Jahren. Offen ausgetragen wird er, seit Grasset, einer der wichtigsten
Literaturverlage des Landes, seinen langjährigen Verlagsleiter Olivier Nora
Mitte April entlassen hat. Grasset gehört zur Verlagsgruppe Hachette, Bolloré
hatte sie im Sommer 2023 übernommen. Schon damals gab es Proteste aus Sorge um
die Unabhängigkeit der Verlage. Nach Noras Rauswurf haben mehr als 200
Autorinnen und Autoren, deren Bücher bislang bei Grasset erschienen waren,
angekündigt, den Verlag zu verlassen. Darunter große Namen und sehr unterschiedliche
Autoren wie Virginie Despentes, Bernard-Henri Lévy oder Frédéric Beigbeder.
Nun kursieren in Paris Unterschriftenlisten,
Manifeste werden verfasst, am 13. Mai soll im Théâtre de la Concorde ein
Solidaritätsabend stattfinden. Die abtrünnigen Autorinnen und Autoren werfen
Bolloré vor, er führe einen »ideologischen Krieg, der darauf abzielt, überall
in der Kultur und in den Medien autoritäre Strukturen zu schaffen«. Selbst
Emmanuel Macron, der Staatspräsident, warnte vor einem Verlust verlegerischer
Vielfalt.
Grasset-Verlag
Z+ (abopflichtiger Inhalt);
Verlag Grasset:
Ein Superreicher gegen die französische Kulturelite
Z+ (abopflichtiger Inhalt);
Laurent Binet:
»Das Bolloré-Imperium muss zerschlagen werden«
Der Autor und Journalist Éric
Fottorino, er führt selbst einen kleinen Verlag, hat zum »Widerstand«
aufgerufen: Man müsse »die Mechanismen dieses Gehirnwäscheunternehmens
aufdecken«. Résister, das Wort erinnert an den Kampf gegen die deutschen
Besatzer während des Zweiten Weltkriegs. Anne Berest – auch ihr jüngstes Buch Die Postkarte ist bei Grasset erschienen – spricht aus, was viele fürchten:
»Ich möchte nicht, dass die Rechte meiner Bücher dazu dienen, den Wahlkampf von
Jordan Bardella zu finanzieren.« Bardella ist Vorsitzender des rechtsnationalen
Rassemblement National (RN) und gilt als aussichtsreicher Kandidat für die
Präsidentschaftswahl im kommenden Jahr. Er hat selbst zwei Bücher bei Fayard, einem
anderen Verlag der Hachette-Gruppe, veröffentlicht, unter anderem seine
Autobiografie.
Ein reicher Mann, der seine
Milliarden dafür einsetzt, die Ideen und Parolen der extremen Rechten zu
verbreiten – das ist das Bild, das Berest und andere nun von Bolloré zeichnen.
Dieses Bild ist nicht falsch, aber es ist unscharf und unvollständig ohne
dessen Glauben. Denn die französische Rechte kennt viele Strömungen, auch viele
Extreme. Und auf die Partei Marine Le Pens, den RN, haben Männer wie Bolloré
lange Zeit nur herabgeschaut.
Frankreich ist ein zutiefst
widersprüchliches Land. Republikanisch-fortschrittlich und
konservativ-katholisch zugleich, hin- und hergerissen zwischen dem Erbe der
Revolution und autoritären Traditionen. Königtum und Kaiserreich, Ludwig XIV.
und Bonaparte, die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte und die Guillotine –
das alles, möchte man meinen, liege weit zurück. Aber die historischen Gegensätze
wirken weiter, in der öffentlichen Debatte, in der politischen
Auseinandersetzung, auch in der Literatur.
Der deutsche Autor und Übersetzer
Wolfgang Matz hat ein Buch geschrieben darüber, wie sehr die meisten
französischen Schriftsteller sich entlang dieser historischen Bruchlinie
definieren, Frankreich gegen Frankreich. »Als sei die Spaltung in zwei
Extreme unverzichtbares Lebenselement dieses Landes und seiner Gesellschaft«, schreibt
Matz, »haben französische Intellektuelle und Schriftsteller alles darangesetzt,
die alte Konfrontation um jeden Preis und nach jedem noch so starken Bruch von
Neuem zu zementieren.«
Die katholische Kirche war in dieser
Geschichte der Gegensätze stets Partei. Sie hat das Königtum gestützt und die
Republik lange Zeit bekämpft. Umgekehrt haben die Revolutionäre Kirchen und
Klöster geplündert und nichts unversucht gelassen, um dem Land den
Katholizismus auszutreiben. Seit 1871 ist Frankreich endgültig Republik, seit 1905
ist der Staat per Gesetz zu religiöser Neutralität verpflichtet. Der Laizismus steht
in der Verfassung. Es gibt in Frankreich deshalb weder Kirchensteuern noch
Religionsunterricht an öffentlichen Schulen. Und wehe, der Präsident bekreuzigt
sich in der Öffentlichkeit!
Doch unter der Oberfläche wirken
die alten Mächte weiter. Es gibt in der französischen Bourgeoisie bis heute
einen elitären, reaktionären Katholizismus, der in Deutschland allenfalls noch
in Spurenelementen existiert. Die Mitglieder dieser Elite besuchen besondere
Kirchen und schicken ihre Kinder oft auf ausgewählte katholische Privatschulen.
Vor allem im Pariser Westen finden sich einige von ihnen, die als
Kaderschmieden und besonders konservativ gelten. Auch Vincent Bolloré hat vor
Jahrzehnten eine dieser Privatschulen besucht. Heute finanziert der Milliardär
ein katholisches Studierendenwohnheim, ebenfalls im Westen der Hauptstadt.
Vincent Bolloré sagt von sich
selbst, er sei »mit einem goldenen Löffel im Mund geboren worden«. Seine
Familie besaß eine Papierfirma, Bolloré hat sie früh von seinem Vater
übernommen. Später investierte er in Eisenbahnen in Afrika, er kaufte Palmölplantagen
und Häfen in Togo und in Guinea. Geschäftspartner schildern seine Methoden als aggressiv
und wenig christlich. Im Herbst muss sich Bolloré wegen des Vorwurfs der
Korruption vor Gericht verantworten. So ist er einer der reichsten Männer
Frankreichs geworden; sein Vermögen wird auf rund zehn Milliarden Dollar
geschätzt.