Ukrainische Drohnen schlagen dieser Tage zahlreich in russischen Öl- und Militärfabriken ein. In der Nacht zum Montag traf es auch ein Wohnhochhaus in Moskau, nur wenige Kilometer vom Kreml entfernt. Dort soll am 9. Mai die traditionelle Parade zum Tag des Sieges stattfinden, allerdings erstmalig seit 2007 ohne Panzer und Raketentechnik. Der russische Machthaber Wladimir Putin hat offensichtlich Angst um seine Waffen.
Daneben gibt es einen weiteren Grund zur Sorge für den Kreml-Herrscher: die Lage auf den Schlachtfeldern der überfallenen Ukraine.
Das US-Institut für Kriegsstudien (ISW) berichtet in einem aktuellen Lagebericht von einem Nettoverlust der Russen im April 2026. Das bedeutet: Wenn man die Rückeroberungen der ukrainischen Armee einerseits und die Eroberungen der russischen Armee andererseits berücksichtigt, stehe unter dem Strich ein Verlust von 116 Quadratkilometern. Damit hätten die Invasoren zum ersten Mal seit August 2024 Territorium verloren; damals gelang den Ukrainern ein überraschender Vorstoß nach Kursk in Russland.
Doch nicht erst im April lief es für die russische Armee schlecht. Aus den ISW-Zahlen geht hervor, dass die Netto-Eroberungen der russischen Armee fünf Monate in Folge gesunken sind, angefangen von ungefähr 576 Quadratkilometern im November 2025. Die möglichen Gründe liegen sowohl bei den Ukrainern, als auch bei den Russen:
- Erfolgreiche ukrainische Luftangriffe direkt hinter der Front: Getroffen werden zum Beispiel Depots, Kommandoposten und Luftverteidigung.
- Ukrainische Abfangdrohnen zerstören russische Aufklärungsdrohnen: Damit wird es für die Russen schwieriger, den ukrainischen Nachschub anzugreifen, sagte Militärexperte Gustav Gressel dem Tagesspiegel.
- Russische Probleme mit der Kommunikation: Seit Februar haben russische Soldaten auf Initiative der Ukrainer hin keinen Zugang mehr zum Satelliteninternet Starlink. Zudem erschwert Russland seinen Bürgern die Nutzung des Messengers Telegram, der auch zur militärischen Kommunikation verwendet wurde.
- Das Wetter: In der sogenannten „Schlammperiode“ im März und April kommt schweres Gerät auf den tauenden Böden und beim Frühjahrsregen schlechter voran, wobei dem ISW dieses Jahr weniger Indizien für einen Wettereffekt vorliegen.
Auch im Jahresvergleich zu 2024/2025 hat sich der russische Vormarsch laut ISW verlangsamt. Bei der Interpretation der Daten sei allerdings Vorsicht geboten, merken die Experten an.
Das Problem mit der Infiltration
Denn in der Zwischenzeit habe sich die russische Taktik verändert. Seit Herbst 2025 setze die Armee vermehrt auf Infiltration: Einzelne Soldaten durchbrechen zunächst unbemerkt die ukrainische Verteidigung, anstatt in größerer Zahl ein Gebiet zu besetzen. Die infiltrierenden Soldaten können ein Gebiet jedoch nicht so kontrollieren, wie es eine größere Gruppe könnte.
Der Kreml nutze die Infiltration für seine Propaganda, so das ISW. Vereinfacht erklärt: Zwei russische Soldaten schaffen es zeitweise bis zu einem Marktplatz, aber in der russischen Darstellung wird trotzdem das gesamte Dorf als erobert deklariert. Ausgehend davon weckt die russische Politik danach den Eindruck, dass die Ukraine den Krieg verliert.
Der eingangs genannte Nettoverlust der Russen klammert Infiltrationen aus. Doch selbst bei Einberechnung des infiltrierten Gebiets seien die russischen Eroberungen seit November 2025 rückläufig. Sie lägen außerdem unter den Werten des Vorjahreszeitraums (November 2024 bis April 2025).
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Insgesamt hält Russland den ISW-Daten zufolge nur etwas mehr als 19 Prozent des ukrainischen Staatsgebiets besetzt, obwohl die Invasion schon mehr als vier Jahre zurückliegt und der Beginn der Okkupation noch viel länger. Denn unter den 19 Prozent sind die bereits 2014 annektierte Halbinsel Krim und Gegenden in den Regionen Donezk und Luhansk, die schon vor der Vollinvasion im Jahr 2022 von prorussischen Separatisten kontrolliert worden waren. Den Großteil des restlichen Gebiets hatte Russland in den ersten Wochen nach Beginn des Kriegs im Februar 2022 erobert. (mit dpa/AFP)