Eine geschlagene Stunde lang steht dieses etwas andere Instrument zur Linken des Meisters und beschäftigt das Oberstübchen des Probengasts: Warum um alles in der Welt hat Sir Simon Rattle bloß ein Megafon zur Orchesterprobe mitgebracht? Reagiert seine Truppe, das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, nicht ohnehin auf jeden Mucks, den ihr Leiter von sich gibt? Will er per Verstärker zum Publikum sprechen, den tausend SZ-Abonnenten, die an diesem Dienstagnachmittag in der Isarphilharmonie mal Mäuschen spielen dürfen, wenn der Maestro zur Probe bittet? Den Pausen-Kaffee wird er ja wohl nicht per Megafon im Foyer bestellen wollen.
Profis bei der Arbeit zuzuschauen, ist etwas Wunderbares, auch wenn man nicht vom Fach ist. Klar, wenn Tennisspieler Alexander Zverev eine halbe Stunde lang Aufschlag übt, muss man schon die Augen in die Hand nehmen, um zu erkennen, ob er jetzt Slice, Kick oder glatt schlägt. Spannend ist ja die Akribie, mit der die Spezialisten tagtäglich zu Werke gehen.
Wer zum Beispiel bei Sir Simon als Tubist in der Probe ein paar händische Klatscher beizusteuern hat, hätte wohl kaum gedacht, dass er Folgendes zu hören bekommt: „Not so relaxed, the clapping!“, also aufgefordert wird, nicht so locker zu klatschen. Sondern bitte schön kurz, knapp, konzentriert: Klatsch! Er selbst nimmt sich aber nicht aus, sondern tadelt sich vielmehr ebenfalls, weil ihm nicht aufgefallen war, dass seine eigene Töne-Produktion einen Misston enthalten hatte: wegen des Eherings, der gegen das Instrument geklappert hatte. So sieht sie aus, die Millimeterarbeit eines großen Dirigenten.
Dunkle Hose, schwarzes T-Shirt, weiße Sneaker: So kommt der 71-jährige Sir Simon zur Arbeit. Mitgebracht hat er – außer dem obskuren Megafon – eine Planänderung, die von Geigerin Anne Schoenholtz verkündet wird: Statt der angekündigten D-Dur-Symphonie von Joseph Haydn, Rattles Lebenskomponist, wird an diesem Nachmittag nur das andere Stück geprobt: Ondřej Adámeks „Where Are You?“, ein musikalisches Drama über die Suche nach Gott mit quasi-rituellen Zügen und atemraubender Behandlung der Sprache. Denn „Worte haben nicht nur eine Bedeutung, sondern auch Klänge“, beschreibt die Geigerin die Philosophie des Komponisten, der an diesem Tag sogar anwesend ist und zu Probenbeginn den Platz zur Rechten Sir Simons einnimmt. Links steht ja das Megafon.
Mezzosopranistin Magdalena Kožená bei der Probe mit Sir Simon Rattle. Robert Haas
Es ist ein reichlich komplexes Klang-Kaleidoskop, dessen Feinheiten der tschechische Komponist dem Orchester nun in einem deutsch-englischen Sprach-Mix zu erklären versucht. Allzu weit darf er dabei allerdings nicht ausholen, so viel Geduld und Zeit glaubt der Maestro nämlich nicht zu haben. Schließlich gibt es noch jede Menge Schlüsselstellen zu proben, und das klingt dann so: „Let’s do the 114, very extreme.“ Oder so: „Die 139: ein bisschen faster.“ Manchmal auch: „As dirty as possible.“ Wunderbar auch das sanft swingende Englisch-Deutsch des Briten, der seit 2021 deutscher Staatsbürger ist: „Let’s do sweihundertsweiundfünfsig.“ Kurze Zwischenfrage zur Rechten: „Do you want more whistle?“ Kopfschütteln von Adamek, darauf Rattle: „Ah, happy composer.“ Generell gilt: „Let’s get the sounds he wants“, ermutigt der Dirigent seine Musiker.
Ein besonders anspruchsvoller Part kommt der Mezzosopranistin Magdalena Kožená zu. Sie verleiht dem Liederzyklus ihres tschechischen Landsmanns Adámek, der beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Pandemie-Bedingungen uraufgeführt wurde, ihre unverwechselbare Stimme. Und – man glaubt es kaum: Nach der Kaffee-Pause hält sie im zweiten Teil der Probe plötzlich das Megafon in der Hand und schickt mit dessen Hilfe in der Tat beeindruckende Töne in den Saal.