Die sicherheitspolitische Lage in Europa befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Während die Vereinigten Staaten unter Donald Trump ihr militärisches Engagement neu justieren und sowohl Truppenabzüge als auch die Stationierung von Tomahawk-Raketen in Europa immer skeptischer betrachten, tritt ausgerechnet die kriegs- und krisengebeutelte Ukraine immer selbstbewusster als militärpolitischer Akteur auf.
Besonders bemerkenswert ist dabei die militärisch-strategische Neuausrichtung Kiews. Erstmals seit Beginn des russischen Großangriffs vor über vier Jahren öffnet das Land seine Rüstungsindustrie gezielt für den Export und könnte damit vom Empfänger westlicher Waffenhilfe zu einem zentralen Anbieter großer Waffenverkäufe werden.
Waffen für Europa: Selenskyj immer selbstbewusster
Präsident Wolodymyr Selenskyj kündigte erst Ende April 2026 an, dass die Ukraine künftig überschüssige, im Inland produzierte Waffen auch während des Krieges exportieren wird. „Wir haben alle Details auf Ebene unserer staatlichen Institutionen genehmigt. Derzeit stoßen unsere Sicherheitsexpertise und unsere im modernen Krieg getesteten Waffen bei allen Partnern auf Interesse, die ein echtes Maß an Schutz für ihre Staatlichkeit und das Leben ihrer Bürger gewährleisten können“, erklärte Selenskyj überaus selbstsicher.
Gleichzeitig betont der ukrainische Staatschef eine klare Prioritätensetzung. Die Versorgung der eigenen Streitkräfte bleibt vorrangig. „Ukrainische Unternehmen erhalten eine echte Möglichkeit, die Märkte der Partnerländer zu betreten – vorausgesetzt, unser Militär hat das Recht, zuerst die notwendige Menge an Waffen zu erhalten“, so Selenskyj laut der Plattform Breaking Defense. Doch eben jene Priorisierung dürfte Fragen aufwerfen, solange selbst ukrainische Vertreter einräumen, dass der Eigenbedarf der Armee weiterhin nicht vollständig gedeckt sei.
Im Zentrum dieser neuen Strategie stehen Drohnendeals, also umfassende Kooperationsmodelle, die weit über klassische Waffenexporte hinausgehen. „Wir haben unseren Partnern eine besondere Form der Zusammenarbeit vorgeschlagen“, sagte der ukrainische Präsident. Diese umfasse nicht nur die Lieferung überschüssiger Waffen wie Drohnen, sondern auch den Aufbau gemeinsamer Produktionskapazitäten im Ausland, den Austausch von Software sowie die Integration ukrainischer Technologien in westliche Systeme.
Beispielsweise sollen bereits im Jahr 2026 zehn Exportzentren in Europa entstehen, während parallel Produktionslinien für ukrainische Drohnen etwa in Deutschland und Großbritannien aufgebaut werden. „Heute wird Europas Sicherheit auf Technologie und Drohnen aufgebaut“, erklärte Selenskyj. All das werde weitgehend auf ukrainischen Technologien und ukrainischen Spezialisten basieren, so der Präsident.
Deutschland spielt für die Ukraine eine zentrale Rolle
Wie konkret diese Kooperation bereits geworden ist, zeigt ein Treffen auf höchster politischer Ebene in Berlin Ende April. Beim sogenannten Round Table zur deutsch-ukrainischen Zusammenarbeit in der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie warb Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) für eine enge industrielle Verzahnung beider Länder und bezeichnete diese ausdrücklich als „Win-win-Situation“.
Deutschland unterstütze die Ukraine nicht nur militärisch gegen Russland, sondern profitiere laut dem Bundesverteidigungsministerium zugleich selbst von deren Erfahrungen. Pistorius hob hervor, dass ukrainische Technologien unter realen Gefechtsbedingungen entwickelt und optimiert würden. Ein Vorteil, den klassische Rüstungsindustrien in dieser Form kaum bieten könnten. Gerade im Bereich schneller Innovationszyklen, Beschaffung und praxisnaher Entwicklung lerne Deutschland von der Ukraine.

Merz besichtigt neben Selenskyj eine Drohne bei einer Ausstellung von deutsch-ukrainischen Co-Produktionen im Bundeskanzleramt.
© Michael Kappeler/dpa
Diese Entwicklung ist das Ergebnis eines regelrechten Booms der ukrainischen Rüstungsindustrie seit 2022. Insbesondere im Bereich unbemannter Systeme hat sich das osteuropäische Land zu einem Innovationsführer entwickelt. Mehr als 500 Unternehmen produzieren inzwischen Drohnen unterschiedlichster Art. Ein ukrainischer Parlamentarier erklärte gegenüber ukrainischen Medien dazu: „Dank staatlicher Aufträge ist die Zahl der Unternehmen, die Drohnen produzieren können, auf über 500 gestiegen. Es wäre logisch, die noch freien Nischen auf den Weltmärkten zu besetzen – mit Drohnen, elektronischer Kriegsführung und sogar Artilleriesystemen.“ Teilweise übersteigt die Produktionskapazität bereits den Eigenbedarf deutlich. „Der Überschuss bei einigen Waffentypen erreicht bis zu 50 Prozent.“ Dass ein Land, das sich im Krieg befindet, von „Marktnischen“ im globalen Waffenhandel spricht, verdeutlicht jedoch auch, wie stark wirtschaftliche Interessen inzwischen mit militärischen Notwendigkeiten verwoben sind.
Parallel dazu verändert sich auch die sicherheitspolitische Perspektive in Europa. Stimmen wie die des CDU-Verteidigungspolitikers Roderich Kiesewetter fordern vehement eine engere militärisch-industrielle Zusammenarbeit mit der Ukraine. „Europa ist bei der konventionellen Verteidigung stärker von der Ukraine abhängig als umgekehrt“, sagte er im Deutschlandfunk und brachte sogar gemeinsame Raketenentwicklungen ins Spiel. Eine solche Einschätzung markiert einen bemerkenswerten Perspektivwechsel und wirft zugleich die Frage auf, ob Europa damit neue sicherheitspolitische Abhängigkeiten eingeht.
Militärexperte zur neuen Rolle der Ukraine
Militärexperte Markus Reisner vom österreichischen Bundesheer sieht diese Entwicklung ambivalent, aber dynamisch. Nach seiner Einschätzung benötigt die Ukraine weiterhin erhebliche militärische und finanzielle Ressourcen. Gleichzeitig interpretiere Kiew die teilweise Abkehr der USA von Europa sowie die globale Verschiebung sicherheitspolitischer Prioritäten – etwa durch den Konflikt im Nahen Osten – zunehmend als strategische Chance.
Reisner verweist im Gespräch mit der Berliner Zeitung darauf, dass die Ukraine im fünften Kriegsjahr begonnen habe, erste messbar erfolgreiche strategische Luftkampagnen gegen Russland durchzuführen. Diese Erfolge seien jedoch weniger das Ergebnis eigener industrieller Autarkie, sondern vor allem westlicher Unterstützung – insbesondere durch Rüstungsunternehmen, die gezielt Komponenten und Bauteile lieferten. Ergänzend kämen ukrainische Abwehrerfolge gegen massive russische Luftangriffe hinzu: Im April seien über 6600 russische Drohnen eingesetzt worden, seit dem 1. Mai weitere rund 1300, von denen die Ukraine nach eigenen Angaben bis zu 80 bis 90 Prozent abfangen konnte.

Ukrainische Soldaten im Donbass
© Dmytro Smolienko/imago
Diese Entwicklungen sind laut Reisner auch international relevant. Insbesondere Staaten im Nahen Osten beobachteten die ukrainischen Erfahrungen im Luftkrieg sehr genau. In der Kombination aus ukrainischen Konzepten, europäischer Hochtechnologieproduktion und Kapital aus dem Nahen Osten entstehe ein neues, global vernetztes Rüstungsökosystem. „Jeder bekommt dabei seinen Anteil“, so die zugespitzte Logik dieser Entwicklung.
Damit entstehe eine paradoxe Situation: Trotz des enormen Drucks an der Front könne die Ukraine mittelfristig zu einem bedeutenden Akteur im Rüstungsexport werden. Zugleich warnt Reisner vor der Eskalationsdynamik. Russland habe bereits reagiert und damit gedroht, europäische Produktionsstandorte als potenzielle militärische Ziele zu betrachten. Der Abnutzungskrieg, in dem letztlich die Seite mit der nachhaltigeren Unterstützung über Vorteile verfügt, gehe damit in eine neue Phase.
Reisner fasst diese Entwicklung zugespitzt mit einem machtpolitischen Grundsatz zusammen: Es gelte weiterhin die Logik Machiavellis – der Zweck bestimme die Mittel.
Eiszeit zwischen Trump und Merz
Hintergrund jener Entwicklungen ist die wachsende Unsicherheit über die langfristige Verlässlichkeit der USA als Schutzmacht. Der mögliche Verzicht auf die Stationierung von US-Marschflugkörpern in Deutschland sowie angekündigte Truppenreduzierungen verstärken diese Debatte. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) versucht zwar zu relativieren – „Es wird vielleicht ein bisschen zugespitzt, aber neu ist es nicht“ –, doch der strategische Druck in Europa nimmt sichtbar zu.
Vor diesem Hintergrund erscheint die Frage, ob die Ukraine „den Spieß gerade umdreht“, durchaus berechtigt. Tatsächlich deutet vieles auf eine tiefgreifende Verschiebung hin. Die Ukraine entwickelt sich vom reinen Empfänger militärischer Unterstützung zu einem Anbieter kampferprobter Technologien, zum industriellen Partner und zum militärischen Impulsgeber. Westliche Staaten profitieren zunehmend von den Erfahrungen der ukrainischen Kriegsführung, insbesondere im Bereich Drohnen und moderner Gefechtsführung. Eine Analyse des Thinktanks PPI spricht von einem „gegenseitigen Nutzen“, da der Westen von ukrainischer Technologie und Expertise lernen könne.
Damit wird die Ukraine zu einem immer wichtigeren Pfeiler der europäischen Sicherheitsarchitektur. Ob dies bereits eine vollständige Umkehr der bisherigen Abhängigkeiten bedeutet, bleibt offen. Klar ist jedoch: In einer Zeit geopolitischer Unsicherheit und transatlantischer Spannungen gewinnt Kiew nicht nur militärisch, sondern auch strategisch und wirtschaftlich an Gewicht.
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