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Russlands Wirtschaft steht im Ukraine-Krieg seit Monaten im Visier von Drohnenangriffen. Nun gab es einen neuen Vorfall – allerdings mit einer Flamingo-Rakete.
Kiew/Moskau – Ukrainische Streitkräfte haben in der Nacht auf den 5. Mai eine großangelegte Drohnen- und Raketenangriffswelle auf Russlands Wirtschaft geflogen, die Rüstungsanlagen, Ölraffinerien und weitere Infrastruktureinrichtungen traf. Mindestens 18 russische Flughäfen verhängten zwischenzeitlich eine Startsperre, in mehreren Regionen wurde Raketenalarm ausgerufen – unter anderem auch in Gebieten, die rund 2000 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt liegen. Das russische Verteidigungsministerium meldete, 289 ukrainische Drohnen seien abgewehrt worden.
Die ukrainischen Marschflugkörper Flamingo sollen eine Reichweite von 3.000 Kilometern haben. (Archivbild) © Efrem Lukatsky/AP/dpa
Im Zentrum der Angriffe im Ukraine-Krieg stand die Stadt Tscheboksary in der Teilrepublik Tschuwaschien, gut 1000 Kilometer von der Front entfernt. Laut dem Internetportal Astra traf ein Marschflugkörper die Rüstungsfabrik VNIIIR Progress, die Navigationsmodule für Drohnen, Marschflugkörper und Raketen herstellt. Der Kyiv Independent berichtete unter Berufung auf russische Telegram-Kanäle, dass eine ukrainische FP-5-Flamingo-Rakete die Anlage getroffen habe.
Kiew attackiert Russlands Wirtschaft: Rüstungsfabrik getroffen
Kiew begründet die Angriffe auf Russlands Wirtschaft regelmäßig mit der Lage im Ukraine-Krieg. So auch in diesem Fall: Die Einrichtung entwickelt laut dem ukrainischen Generalstab auch Kometa-Antennensysteme, die in Shahed-Drohnen, Iskander-K-Marschflugkörpern und gelenkten Luftbomben eingesetzt werden – allesamt Waffen, mit denen Russland ukrainische Ziele angreift. Gouverneur Oleg Nikolajew bestätigte, dass bei dem Angriff auf Tscheboksary mindestens eine Person verletzt wurde; das Gesundheitsministerium Tschuwaschiens meldete insgesamt drei Verletzte, von denen einer ins Krankenhaus eingeliefert wurde.
Ebenfalls in der Angriffsnacht geriet die Raffinerie Kirischinefteorgsintes nahe St. Petersburg erneut ins Visier. Gouverneur Alexander Drosdenko bestätigte einen Brand im Industriegebiet der Stadt Kirischi. Das NASA-Feuerüberwachungssystem FIRMS registrierte laut Kyiv Independent mehrere Brandstellen im Bereich der Anlage.
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Die Raffinerie gilt als eine der drei größten Russlands, mit einer jährlichen Verarbeitungskapazität von rund 20 bis 21 Millionen Tonnen Rohöl. Sie produziert mehr als sechs Prozent des gesamten russischen Raffinerieoutputs, darunter Treibstoffe für die Streitkräfte. Drosdenko zufolge wurden 29 Drohnen über der Region Leningrad abgeschossen; am Flughafen Pulkovo in St. Petersburg wurden vorübergehend Starts und Landungen gesperrt.
Russlands Wirtschaft im Visier: Kiew setzt im Krieg auf bestimmte Taktik
Die Angriffe auf Russlands Wirtschaft folgen einem klaren strategischen Muster im Ukraine-Krieg. Dies zeigte sich zuletzt auch bei einer Angriffswelle auf eine bestimmte Einrichtung: Seit dem 16. April hat die Ukraine die Raffinerie im südrussischen Tuapse viermal attackiert. Beim zweiten Schlag am 20. April wurden laut ukrainischem Generalstab 24 Lagertanks zerstört und vier weitere beschädigt. Russlands Katastrophenschutzministerium hatte am 29. April erklärt, die Brände seien gelöscht – einen Tag später stand die Anlage erneut in Flammen.
Seitdem ist der Betrieb der Anlage ausgebremst, Verschiffungen sind nicht mehr möglich. Die Raffinerie in Tuapse gehört dem staatlichen Ölkonzern Rosneft und ist die einzige bedeutende Anlage an der russischen Schwarzmeerküste; sie verarbeitet rund zwölf Millionen Tonnen Öl pro Jahr.
Die Folgen für Russlands Wirtschaft sind erheblich. Laut Bloomberg erreichten die ukrainischen Angriffe auf russische Ölinfrastruktur im April mit mindestens 21 Attacken ein Vier-Monats-Hoch. Die Drohnenschläge reduzierten Russlands durchschnittliche Raffineriekapazität auf 4,69 Millionen Barrel pro Tag – den niedrigsten Stand seit Dezember 2009. Reuters berichtete, dass ukrainische Drohnenangriffe, Pipelineschäden und Tankerbeschlagnahmungen zusammen rund 40 Prozent von Russlands Ölexportkapazität lahmgelegt hätten. Öl- und Gaseinnahmen fielen 2025 um rund 24 Prozent auf den niedrigsten Stand seit 2020.
Putin wegen Russlands Wirtschaft unter Druck – Stimmung kippt
Der Druck auf Russlands Wirtschaft spiegelt sich auch in makroökonomischen Daten wider. Putin musste auf einer Regierungssitzung einräumen, dass das Bruttoinlandsprodukt in den ersten zwei Monaten des Jahres 2026 um 1,8 Prozent zurückgegangen sei. Wirtschaftsminister Maxim Reschetnikow zählte bei einem Wirtschaftsforum auf, dass der starke Rubel, der hohe Leitzins, Arbeitskräftemangel und Haushaltsdefizite die Entwicklung lähmten. Das Rekorddefizit im ersten Quartal 2026 liegt bei umgerechnet rund 50 Milliarden Euro – 21 Prozent höher als für das gesamte Jahr geplant. Der Ökonom Dmitri Nekrassow beschrieb gegenüber dem Portal Meduza, dass die Front „wie ein Staubsauger“ Arbeitskräfte aus dem Wirtschaftskreislauf abziehe.
Die gesellschaftliche Stimmung in Russland wandelt sich. Laut einer Umfrage des staatlichen Instituts Wziom gaben nur noch 31 Prozent der Befragten ohne Vorgabe an, Putin zu vertrauen – vor vier Jahren waren es noch 44 Prozent. Die russische Exil-Politologin Jekaterina Schulmann fasste gegenüber dem Onlinemagazin iStories zusammen: „Das Leben der Menschen wird schlechter, und es sind keine Perspektiven der Verbesserung zu sehen.“ Selbst kremltreue Stimmen werden lauter: Gennadi Sjuganow, Chef der Kommunistischen Partei, warnte, wenn der Kreml nicht bald „finanzielle, ökonomische und andere Maßnahmen“ treffe, drohe eine „Wiederholung dessen, was 1917“ passierte.
Angriff auf Russlands Wirtschaft mit Flamingo-Rakete
Die Flamingo-Rakete, mit der der Angriff auf Tscheboksary laut Berichten ausgeführt wurde, ist ein ukrainisches Eigenentwicklungsprojekt des Rüstungsunternehmens Fire Point. Präsident Wolodymyr Selenskyj bezeichnete sie als Ukraines „erfolgreichste Rakete“. Sie verfügt über einen 1000-Kilogramm-Gefechtskopf und eine angegebene Reichweite von 3000 Kilometern. Seit ihrer Erstvorstellung im vergangenen Sommer wurde sie nur für wenige Einsätze verwendet, doch die Häufigkeit der Nutzung hat seit November 2025 zugenommen.
Gouverneur Drosdenko brachte die gegenwärtige Lage für Russland vor einigen Tagen auf den Punkt: „Leningrad Oblast ist jetzt nicht nur eine Grenzregion, sondern auch eine Frontregion.“ Der Satz verdeutlicht, wie weit der Krieg ins russische Hinterland vorgedrungen ist – von der Schwarzmeerküste im Süden bis zur Ostsee im Nordwesten steht Russlands Wirtschaft unter anhaltendem Beschuss. (Quellen: Ukrainska Pravda, Kyiv Independent, Astra, Bloomberg, Reuters) (fbu)