Ein schneller Pinselstrich, ein Blick aufs Handy, ein Schritt zur Seite. Dann Farbe. Fintan Magee – kariertes Hemd, braune Hose, weiße Adidasschuhe, von Farbe übersät – steht auf dem Gerüst am Studentenwohnheim Lechbrücke in Augsburg. In der Sonne wirkt die Fassade unter ihm ruhig, fast harmlos. Dabei ist hier oben alles in Bewegung. Stahl knarzt unter jedem Schritt, ein Eimer schlägt gegen das Gerüst, irgendwo läuft Musik. Die Geräusche mischen sich mit dem leisen Schmatzen des Pinsels auf der Wand.

Unter ihm fällt die Betonfläche senkrecht in die Tiefe. Ein Teil der 288 Quadratmeter Wand, noch unvollständig, noch kahl – oder besser: mitten im Entstehen. Nur ein Raster legt sich über die Fläche. Einmal dreht sich der Australier kurz um. Augsburg liegt unter ihm, ruhig, alltäglich. Doch der Blick bleibt nur einen Moment dort unten hängen. Dann wieder die Wand. Der nächste Strich sitzt ohne Zögern.

In Augsburg entsteht Schwabens größtes Mural-Projekt

Magee arbeitet hier nicht an irgendeiner Fassade. Er gestaltet eine von sechs Wandflächen – jeweils 288 Quadratmeter groß – für das größte Mural der Stadt und ganz Schwabens. Dafür sind neun Künstlerinnen und Künstler aus verschiedenen Städten und Ländern an dem 19-stöckigen Hochhaus beteiligt, unterstützt von einem Team aus Helfern. So entsteht unter dem Motto „Empowering Perspectives“ („stärkende Perspektiven“) Schritt für Schritt ein großflächiges Kunstwerk im öffentlichen Raum. Initiiert wird das Projekt „Peacetower“ von der Wohnbaugruppe Augsburg, gemeinsam mit dem Graffitiverein „Die Bunten“ und dem Friedensbüro der Stadt im Rahmen des 375. Augsburger Friedensfests.

Das Studierendenwohnheim Lechbrücke ist rund 50 Meter hoch und wird seit Februar 2024 modernisiert.

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Das Studierendenwohnheim Lechbrücke ist rund 50 Meter hoch und wird seit Februar 2024 modernisiert.
Foto: Daniel Tröster

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Das Studierendenwohnheim Lechbrücke ist rund 50 Meter hoch und wird seit Februar 2024 modernisiert.
Foto: Daniel Tröster

„Endlich“, sagt Daniel Tröster und blickt von der Dachterrasse des Studentenwohnheims über die Stadt. Er ist Mitgründer des Vereins „Die Bunten“ und organisiert das Projekt mit. Schon im vergangenen Jahr sollte es realisiert werden. „Das Gebäude ist einfach eine Landmarke.“ In der näheren Umgebung überragt es alles, am Horizont zeichnen sich die Berge ab. „Unterschiedliche künstlerische Handschriften und Perspektiven kommen hier zusammen“, sagt Tröster. Selbst malt er jedoch nicht. Seine Aufgabe nennt er augenzwinkernd die Kunstform des Organisatorischen.

Künstlerinnen und Künstler aus verschiedenen Ländern sind beteiligt

Ein paar Meter weiter: Zwischen Gerüst und einer Wand sind von oben vier Hände zu sehen. Sie gehören zu Tristan Huschke und Georg Zinsser. Ruhig zieht Huschke mit einer Farbrolle eine braune Spur über den Beton und arbeitet die Kanten sorgfältig mit dem Pinsel nach. Auf der Wand sind Linien und Zahlen vorgezeichnet – Farbcodes, die den Aufbau bestimmen. „Es ist wie Malen nach Zahlen“, sagt Huschke. Schon über die acht oberen Stockwerke zieht sich die abstrakte, grafische Komposition, wie die kleine Ziffer zwölf an der Betonwand zeigt. Für beide ist es eine Ehre, mitzugestalten: „Es ist toll, weil ich hier selbst gewohnt habe“, sagt Zinsser und zeigt nach unten auf ein Vordach. Im ersten Stock lag früher sein Zimmer. Für das Projekt ist er, um sein ehemaliges Zuhause mitzugestalten, dem Verein „Die Bunten“ beigetreten.

Tristan Huschke und Georg Zinsser (von links) bringen eine abstrakte grafische Komposition auf die Fassade.

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Tristan Huschke und Georg Zinsser (von links) bringen eine abstrakte grafische Komposition auf die Fassade.
Foto: Daniel Tröster

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Tristan Huschke und Georg Zinsser (von links) bringen eine abstrakte grafische Komposition auf die Fassade.
Foto: Daniel Tröster

Graffiti richtet Millionenschäden in Bayern an

Der Verein setzt sich seit Jahren für legale Streetart in Augsburg ein. In der Szene gelten Tröster und seine Mitstreiter dennoch nicht als klassische Sprayer. Anerkennung – oder „Fame“, wie es in der Graffitiszene heißt – bleibt ihnen als Legale oft verwehrt. Dafür bleiben ihnen auch die Strafen erspart. Denn außerhalb genehmigter Projekte wird Graffiti in den meisten Fällen als Sachbeschädigung eingestuft. Und diese richten in Bayern immer mehr Schaden an. Laut aktuellen Zahlen des bayerischen Innenministeriums entstand im letzten Jahr ein Schaden von über 8,8 Millionen Euro.

Auch die Zahl der Fälle ist gestiegen: Die Polizei registrierte bayernweit rund 11.800 Sachbeschädigungen durch Graffiti – ein Plus von über 1000 Fällen im Vergleich zum Vorjahr. Ein Schwerpunkt liegt laut Ministerium in der Landeshauptstadt München mit knapp einem Viertel der Fälle, gefolgt von Nürnberg und Augsburg. Das Hochhaus an der Lechbrücke steht damit exemplarisch für einen Gegenentwurf: organisierte, geplante, genehmigte Wandmalerei. Mit Gerüst statt Fluchtweg, mit wochenlanger Arbeit statt schnellen Tags.

So sollen nach Fertigstellung zwei der Wände aussehen.

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So sollen nach Fertigstellung zwei der Wände aussehen.
Foto: Wohnbaugruppe Augsburg, OTF, MOTS (Montage)

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So sollen nach Fertigstellung zwei der Wände aussehen.
Foto: Wohnbaugruppe Augsburg, OTF, MOTS (Montage)

Gerüstarbeit bringt Herausforderungen für Künstler

Gegen Mittag steigt Fintan Magee vom Gerüst. Klack, klack, klack, klack, klack. Unten angekommen, beugt er sich kurz nach vorn, stützt die Hände auf die Oberschenkel, atmet durch. „Ich werde auch nicht jünger“, sagt der 40-Jährige. „Aber es ist ein gutes Workout.“ Ein paar Meter weiter lässt er sich in einem Container auf einen Stuhl sinken, zwischen Getränkekisten und Werkzeug. Magee greift nach einer Mate. „Davon brauche ich drei pro Tag.“

Große Projekte ist er gewohnt. Seit etwa 27 Jahren ist er in der Streetart-Szene aktiv, seine Arbeiten finden sich auf Hauswänden weltweit. Auch im Entwurf für den „Peace Tower“ in Augsburg zeigt sich sein unverkennbarer Stil: eine Frau in traditioneller Wyschywanka, die einen Olivenzweig hält. Ihr Körper wirkt geteilt – zur einen Seite klar, zur anderen wie hinter Glas verschwommen.

Fintan Magee ist extra aus Australien für das Projekt „Peace Tower“ angereist. Seit etwa 27 Jahren ist er in der Streetart-Szene aktiv.

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Fintan Magee ist extra aus Australien für das Projekt „Peace Tower“ angereist. Seit etwa 27 Jahren ist er in der Streetart-Szene aktiv.
Foto: Daniel Tröster

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Fintan Magee ist extra aus Australien für das Projekt „Peace Tower“ angereist. Seit etwa 27 Jahren ist er in der Streetart-Szene aktiv.
Foto: Daniel Tröster

Und doch bringt das Projekt eine Besonderheit für ihn mit sich. Normalerweise arbeitet er mit einer Hebebühne oder gesichert am Seil. „Zum Glück ohne Höhenangst“, sagt er dazu. Hier zwingt das Gerüst ihn und die anderen Künstler dazu, in Abschnitten zu arbeiten. Ein Überblick über die gesamte Wand und das Motiv ist deshalb kaum möglich. Erst wenn das Gerüst abgebaut wird – voraussichtlich im Juni – wird das vollständige Werk sichtbar sein. Dann soll der „Peace Tower“ erstmals seine ganze Wirkung entfalten und als neues visuelles Wahrzeichen Augsburgs erscheinen. Dafür steigt Magee nach seiner Mittagspause wieder aufs Gerüst. Und macht einen Pinselstrich, ein Blick aufs Handy, ein Schritt zur Seite. Dann Farbe. Und aus vielen einzelnen Strichen entsteht langsam das, was von unten einmal selbstverständlich wirken wird.