Vor zehn Jahren stellte eine Journalistin aus Mexiko-Stadt in unserer Redaktion eine Frage, die uns kurz verstummen ließ: Wie viele Menschen werden in Berlin pro Tag ermordet? Und wie viele Schießereien gibt es?
Wir waren überrascht von der Frage, denn allein von der Einwohnerzahl her ist Berlin nicht mit der mexikanischen Hauptstadt zu vergleichen. Mit 32 Mord- und 79 Totschlagsfällen pro Jahr ist Berlin im Vergleich zu Mexiko beschaulich.
Doch selbst damals lag die Gesamtzahl der jährlich in Berlin registrierten Straftaten aller Art bei über einer halben Million. Friedlich war es in dieser Stadt nie, gerade was die Gewaltdelikte betraf.
2016 registrierte die Polizei 325 Drohungen mit einer Schusswaffe. Nach vielen Jahren des kontinuierlichen Rückgangs zählte sie damals aber im Vergleich zum Vorjahr einen leichten Anstieg um 20 Schussabgaben auf 272. Seitdem ging es mit den Zahlen bergauf. Für 2025 weist die Statistik 604 Fälle aus, in denen mit einer Schusswaffe gedroht wurde, und 515, in denen geschossen wurde. Das ist ein rasanter Anstieg gegenüber dem Vorjahr (303 beziehungsweise 363 Fälle).
Auch in diesem Jahr häufen sich die Meldungen. So entdeckte im April ein Autoteilehändler in Neukölln Einschüsse in seinem Haus. Und in der Nacht zum 1. Mai wurde mehrmals auf die Schaufenster einer Fahrschule in Tempelhof geschossen. In der Nacht darauf wurden in der Hermannstraße zwei Männer durch Schüsse ins Bein lebensgefährlich verletzt. In der Nacht zum Dienstag nun fielen in der Schöneberger Yorckstraße fünf Schüsse. Ein Mann wurde lebensgefährlich verletzt.
Handgranaten und AK47 aus Kriegsgebieten
Erklärungen für die zunehmende Verwendung von Schusswaffen gibt es einige: Ein leitender Kripo-Mann im LKA spricht von einer „Durchbewaffnung“ der kriminellen Szene. Laut Polizei sind Schusswaffen leichter verfügbar. Man kann sie im Darknet für ein paar Hundert Euro bestellen. Sie werden unter anderem in illegalen Werkstätten, etwa in Tschechien, fabriziert. In anderen Fällen werden Schreckschuss- und Signalwaffen zu scharfen Waffen umgebaut. Auch deaktivierte Waffen („Deko-Waffen“) werden wieder funktionsfähig gemacht.
Als der Jugoslawien-Krieg in den 90er-Jahren zu Ende ging, tauchten in Deutschland nicht nur mehr Pistolen auf, sondern auch Kriegswaffen: Handgranaten, AK47 und andere Sturmgewehre. Diese Befürchtung haben Ermittler auch im Fall des Ukraine-Kriegs. Auch heute noch kommen illegale Waffen mitunter vom Balkan.
Nach Erkenntnissen von Zoll und Polizei gehören Waffenschmuggel und -handel wie Drogen- und Menschenschleusung zu den profitabelsten Geschäften der Organisierten Kriminalität. International organisierte Banden transportieren Waffen über Ländergrenzen, oft versteckt in Fahrzeugen, Lkw oder Containern. Die Bezahlung läuft über Bargeld oder Kryptowährung.
Ein Schuss ins Bein als Verwarnung
Mittlerweile haben Groß- und Kleinkriminelle scharfe Waffen. Im November wurde in Lichtenberg ein 29-jähriger Mann bei einem Streit vor einem Imbiss erschossen. Dass es noch nicht mehr Tote gab, liegt nach Einschätzung von Ermittlern daran, dass die Waffeninhaber nicht richtig zielen können. Sie ballern drauflos – was wiederum das Risiko birgt, dass Unbeteiligte getroffen werden.
Die Gründe, das Schießeisen zu zücken, sind vielfältig: verletzte Ehre unter arabischen Großfamilien – und ein Schuss ins Bein als Verwarnung. Dann wäre da die öffentlich wirksame lautstarke Markierung eines Reviers für den Drogenverkauf. Oder auch: das Erpressen von erfolgreichen Geschäftsleuten, wie es derzeit durch Gruppen erfolgt, die der türkischen Mafia zugerechnet werden. So geschah es bei einer türkischen Supermarktkette und mehreren Fahrschulen. Die Forderung, Geld zu bezahlen, wird mit Schüssen in Fassaden und Fensterscheiben untermauert.
Politik und Behörden beschwören derweil den funktionierenden Rechtsstaat. Nach den Schüssen am Dienstag erklärte Innensenatorin Iris Spranger (SPD): „Meine Position ist klar: null Toleranz gegenüber illegalem Waffenbesitz und noch mehr gegenüber der illegalen Verwendung von Waffen.“ Die Verfügbarkeit von Schusswaffen müsse eingedämmt und die Quellen müssten ausgetrocknet werden. Deshalb brauche man Telefonüberwachung von Personen, bei denen eine illegale Waffe gefunden wurde, um die Handelswege aufzuklären.
„BAO Ferrum“ und „EG Telum“
Im Erfinden von Namen sind die Ermittlungsbehörden bereits spitze. Die Polizei gründete im vergangenen Herbst die „BAO Ferrum“, die die Täterstrukturen aufklären soll. Die Abkürzung steht für „Besondere Aufbauorganisation“, Ferrum ist der lateinische Name für Eisen. Die Staatsanwaltschaft zog im Februar nach und gründete die Ermittlungsgruppe „Telum“ (lat. für Geschoss). Sie soll die zu erwartenden Ermittlungsverfahren aus der „BAO Ferrum“ bearbeiten.
Für Verwunderung sorgte damals Berlins Polizeipräsidentin Barbara Slowik mit der Aussage, dass nur ein Teil der Schussabgaben von Tätern stamme, die organisierten Strukturen angehörten. Laut ihren Ausführungen schießt der weitaus größere Teil um sich, weil scharfe Schusswaffen eben weit verbreitet sind. Es gebe auch keine konkreten Hinweise auf einen Bandenkrieg. Sie kritisierte dann noch die Medien und warf ihnen vor, zu übertreiben. Anders wird es offenbar bei der Staatsanwaltschaft gesehen, die sehr wohl von Auseinandersetzungen in der Organisierten Kriminalität ausgeht.
Ende April erhob die „EG Telum“ erstmals Anklage gegen vier Männer im Alter von 21 bis 26 Jahren, unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung und versuchter schwerer räuberischer Erpressung. Sie sollen im vergangenen Herbst in Neukölln einen Restaurantbesitzer erpresst haben. Die vier sitzen in Untersuchungshaft.
Drohen Szenarien wie in Schweden?
Weniger geschossen wird deshalb nicht. Einiges spricht dafür, dass sich die Dinge entwickeln wie in Schweden, wo die Bandengewalt eskaliert ist. Regelmäßig gibt es Schießereien und auch Sprengstoffanschläge. Rockerbanden und arabische Clans liefern sich dort Auseinandersetzungen um die Kontrolle über den Drogen- und Waffenhandel. Bei Schießereien zwischen verfeindeten Banden wurden nach offiziellen Angaben in den vergangenen drei Jahren 23 unbeteiligte Menschen getötet und 30 weitere verletzt. Laut Polizei waren darunter Menschen, die von den Schützen verwechselt wurden, Angehörige verfeindeter Bandenmitglieder und Passanten, die von einem verirrten Projektil getroffen wurden.
Auch in den Niederlanden eskaliert die Gewalt. Drogenbanden, die durch den teils geduldeten Cannabismarkt groß wurden, nutzen ihre Infrastruktur, um in das deutlich lukrativere und gewalttätigere Kokain-Geschäft einzusteigen. Dies führte zu Morden, etwa an Anwälten und Zeugen.
Ähnliches könnte Deutschland blühen. Denn die Clankriminalität floriert. Das Weltbild vieler junger migrantischer Männer ist von Ehre und Gewalt geprägt. Ein Messer in der Tasche ist für viele von ihnen ein Must-have. Noch mehr Eindruck macht man mit einer Schusswaffe. Pädagogen haben dem nur wenig entgegenzusetzen. Und über die offenen Grenzen kommen weiter illegale Waffen ungehindert nach Deutschland. Für die Zukunft bedeutet das nichts Gutes – auch wenn Erfolgsmeldungen der „BAO Ferrum“ und der „EG Telum“ ganz nett klingen.
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