Wo Halt finden, wenn nichts mehr sicher erscheint? Wen oder was greifen und festhalten? Alles entwindet sich dem Griff der weiß getünchten Hände und Arme, die wie Fremdkörper am eigenen Leib erscheinen, wie ein offensichtliches Zeichen der Entfremdung vom eigenen Ich. Doch gerade diese Hände suchen den Kontakt zu anderen. Immer wieder rennen zwei Tänzer aufeinander zu, die Armen ausgestreckt, versuchen, sich zu greifen, sich zu halten. Für kurze Momente gelingt dies auch, sie drehen sich miteinander, ineinander verhakt, dann folgt wieder die Einsamkeit – und die Leere.
Julio César Iglesias Ungo zeigt als Deutschlandpremiere „El Vacio” – „Die Leere“ –, einen Abend später folgt mit „El Curo” (“Die Heilung“), noch eine Choreografie, die der Kubaner mit der Compañía Colombiana de Danza Contemporánea erarbeitet hat.
Iglesias Ungo ist kein Unbekannter in Europa. Er hat bereits als Tänzer mit renommierten Kompanien wie Ultima Vez (Wim Vandekeybus), mit Alain Platel oder Susanne Linke gearbeitet. Am Tanzhaus NRW hat er schon eigene Werke präsentiert. Nun kehrt er zurück nach NRW und zeigt zwei Choreografien mit einem Ensemble aus Kolumbien, das aus elf tanzwütigen, äußerst athletischen Protagonisten besteht, die das künftige Pina-Bausch-Zentrum im ehemaligen Schauspielhaus in Wuppertal zum Beben bringen.
Denn was bleibt, wenn auch die Spiritualität keinen Halt mehr bietet? Kirchenglocken läuten, aber die Frau mit ausgebreiteten Armen bleibt leblos, erstarrt trägt man sie herum wie ein Kreuz zur Prozession am Karfreitag, doch Heil ist hier nicht zu erwarten. Die Frauen und Männer, alle in schwarz gekleidet, springen sich gegenseitig an und in die Arme, nur um dann wie leblos herunterzuhängen. Die Licht- und Musikstimmungen wechseln, mal wummert und hämmert es vom Band, dann erklingt zarter Gesang. Trommeln schlagen wie ein Herz.
Zunehmend vollzieht die Truppe Ensembletänze, Drehungen, Sprünge, halbe Salti, begeistert mit kraftvoller Energie, mit der sie sich gegen die Leere stemmt. Mit Furor klatschen sie im Rhythmus auf Schultern und Beine, die gipsartige Schicht auf den Armen hat sich längst in weißen Staub auf dem Boden aufgelöst. Eine Frau vollzieht wilde Drehungen, die Hände vor dem Gesicht, die langen Haare wehen wie bei einer Medusa auf Koks. Wie in einem reinigenden Ritual entledigen sich alle Tänzer im Halbdunkel am Ende ihrer Kleidung, greifen Hände voll weißen Pulvers, das sie mit ausgestreckten Armen und heftigen Drehungen auf dem Boden verteilen.
Ihre Füße hinterlassen Spuren im frischen Weiß, aber wie lange? Nichts ist von Dauern, alles der Vergänglichkeit preisgegeben. Die Leere verschlingt alle. Ein Gefühl der Unsicherheit macht sich breit, ein Gefühl, das man derzeit leider allzu gut kennt. Schön, dass sich das Nichts hier mit solcher Leidenschaft füllt.