Dokumentarfilm "Kommunist" nähert sich Egon Krenz

AUDIO: Dokumentarfilm „Kommunist“ von Lutz Pehnert (7 Min)

Stand: 06.05.2026 12:42 Uhr

Beim Filmkunstfest in Schwerin feiert der Dokumentarfilm „Kommunist“ über Egon Krenz Uraufführung. Die Kinos zeigen Lutz Pehnerts Porträt, in dem neben Krenz viele Weggefährten zu Wort kommen, bereits am 11. Juni.

von Axel Seitz

Egon Krenz war in der DDR Vorsitzender der Pionierorganisation sowie der FDJ, Generalsekretär der SED und zuletzt Vorsitzender des Staatsrates. Kaum ein anderer im engeren Führungszirkel der SED durchlief eine solche Parteikarriere. Inzwischen lebt Egon Krenz genauso lange in der Bundesrepublik, wie er Mitglied der SED war – rund 35 Jahre.

Aufstieg in den Machtapparat der SED

Welche Ereignisse prägten seinen Aufstieg im Machtapparat der SED? Wer ist dieser Mann heute? Wie blickt er auf die DDR? Antworten auf diese Frage gibt es inzwischen seit Jahrzehnten. Auch neue? Auf dem Filmkunstfest in Schwerin erlebt der Dokumentarfilm „Kommunist“ von Lutz Pehnert seine Uraufführung. Am 8. Mai (18 Uhr) und am 10. Mai (14 Uhr) ist er zu sehen.

Eine Filmcrew steht vor einer Straßenbahn.

Die Doku „Garten der Hoffnung“ von Dieter Schumann aus MV eröffnete das Festival und zeigt, wie ein Gartenprojekt Menschen zusammenbringt.

Krenz‘ größtes Trauma: Ausschluss aus der SED

„Ich finde, die beste Wahrnehmung der Demokratie im Arbeiter- und Bauernstaat besteht unter anderem darin, dass jeder seine Verantwortung wahrnimmt und seine Verantwortung vor allem erkennt.“ So äußerte sich Krenz einst in einer Rede vor SED- und FDJ-Funktionären.

Rückblickend auf sein Leben sagt er im Film: „Nichts hat mich in meinem politischen Leben härter getroffen als der Ausschluss aus der Partei. Ich sollte mein Parteibuch abgeben. Ich habe gesagt, ‚das gebe ich nicht ab.'“

Der Dokumentarfilm "Garten der Hoffnung" feiert auf dem Filmkunstfest MV Weltpremiere.

Eröffnet wird das Festival in Schwerin am 5. Mai mit dem Dokumentarfilm „Garten der Hoffnung“ von Dieter Schumann.

Gesprächsmitschntte als Film-Grundlage

Filmemacher Lutz Pehnert hatte durchaus persönliche Gründe, einen Film über Krenz zu machen: „Natürlich haben sich andere Regisseure um einen Film mit und über Egon Krenz bemüht. Aber natürlich spielte mein Name eine Rolle. Mein Vater und Egon Krenz waren in FDJ-Zeiten zwar nicht Freunde, aber immerhin gute Kumpels. Ich habe ihn zumindest mal als Kind erlebt.“

Etwa eineinhalb Jahre lang haben sich Pehnert und Krenz regelmäßig getroffen und unterhalten. Unter anderem im Ostseebad Dierhagen, wo der einstige Politiker seit Jahren wohnt. Diese Gesprächsmitschnitte sind die Grundlage für dieses Film. Krenz schildert darin offen sein Leben, berichtet, wie er nach dem Krieg in Damgarten eine neue Heimat fand und frühzeitig zum Gelderwerb für seine Mutter und sich beitragen musste.

Egon Krenz

Jahrzehntelang war Egon Krenz ein Spitzenfunktionär des SED-Regimes, heute lebt er gutbürgerlich im Ostseebad Dierhagen, Mecklenburg-Vorpommern.

Vom CDU-Botenjungen zum SED-Zeitungsausträger

Wie er zur SED kam, erinnert Egon Kenz genau: „Mein erstes Geld verdiente ich bei der CDU. Für fünf Mark im Monat erledigte ich Botengänge, sammelte Spenden, kassierte Mitgliedsbeiträge. 1946 standen Landtagswahlen an“, erzählt Krenz. Der CDU-Ortsvorsitzende habe ihm einen Eimer Kleister, Wahlplakate und den Auftra gegeben, bei Einbruch der Dunkelheit „jedes SED-Plakat mit dem Streifen ‚Wählt CDU‘ zu überkleben.“

Dabei habe ihn der Vater einer seiner Schulfreunde erwischt: „Ein Mitglied der SED. Ich wurde in das Haus der Einheit bestellt, der Genosse dort bot mir an, die SED-Landeszeitung auszutragen. Von jedem verkauften Exemplar durfte ich fünf Pfennig behalten. Das war der Anfang meiner politischen Tätigkeit.“

„Wie wird einer, was er wird?“

Neben dieser Episode gibt es weitere, die den jungen Krenz prägten. Für Filmemacher Pehnert wichtige Erinnerungen: „Es geht es darum, nicht nur zu gucken, wie war einer, als er an der Macht war? Sondern auch auf den Lebenslauf zu blicken, die Funktionskarriere bis ganz nach oben. Was tut man dafür? Welche Sprache entwickelt sich da? In welcher Blase oder Lüge befindet man sich?“

Treffen mit Genossinnen und Genossen …

Egon Krenz im Dokumentarfilm "Kommunist"

Egon Krenz in seinem Arbeitszimmer in Dierhagen.

Der Regisseur hatte für seinen Dokumentarfilm genaue Vorstellungen: „Ich wollte nicht nur Historiker oder Politiker abbilden, die ihr Urteil über Egon Krenz abgeben dürfen. Ich wollte Protagonisten finden, die auch ein persönliches Erlebnis mit ihm hatten.“

Eine dieser Personen ist Solveig Leo aus Banzkow bei Schwerin: „1971 wurde ich Mitglied im Büro des Zentralrates. Da war Egon auch da. Viermal im Jahr waren die Beratungen. Da ging es um prinzipielle Probleme in der Jugendpolitik. Ich hatte das Gefühl, dass man von Seiten der Genossen, die von der Praxis ein Stück entfernt waren, Interesse daran hatten, zu erfahren – ‚wie läuft das draußen und wie kommt das an?‘ Ich habe darüber gesprochen, wie das wirklich bei uns auf dem Dorf war.“

Solveig Leo: Einstige Bürgermeisterin von Banzkow

Solveig Leo wurde 1968 jüngste LPG-Vorsitzende in der DDR – im Alter von 24 Jahren. Im FDJ-Zentralrat arbeitete die Genossin jahrelang auch mit dem FDJ-Vorsitzenden Egon Krenz zusammen. Nach der Deutschen Einheit war sie 17 Jahre lang als PDS-Politikerin Bürgermeisterin von Banzkow. Sie wurde später mit dem Bundesverdienstkreuz und dem Verdienstorden des Landes Mecklenburg-Vorpommern geehrt.

Schüler Christoph Cyrulies im Gespräch mit Egon Krenz

Welche Rolle spielte der DDR-Staatsratschef von 1989 beim Mauerfall ? Schüler Christoph Cyrulies hat bei Egon Krenz geklingelt.

Theologe überrascht: Krenz war „getauft und konfirmiert“

Doch nicht nur politische Freunde kommen in dem Film „Kommunist“ zu Wort. „Egon Krenz gehörte für mich in der DDR zu diesem System, das ich mit meinen Mitteln bekämpft habe. Die Antwort war klar, ich wurde vom System bekämpft, durch den Staatssicherheitsdienst und seine Methoden“, sagt Werner Krätschell. Der Theologe war zwischen 1979 und 1996 Superintendent und Pastor in Berlin-Pankow.

Heiligabend 1989 klingelte Krätschell spontan bei Familie Krenz in Pankow: „Zu meiner Überraschung ergab sich in dem Gespräch, dass er getauft und konfirmiert ist. Darum hat er mich auch am Anfang begrüßt und hat gesagt: ‚Wissen Sie, von den Genossen kommt keiner mehr, aber mein Pastor kommt.'“

Ihm habe kein Staatsmann gegenüber gesessen, so Krätschell, „sondern jemand, der am 6. Dezember tief gestürzt war. Einer, der sehr wohl die Macht gekannt und genossen hat, der aber nun auch die Züge eines Gestürzten an sich trug.“

Krenz glaubt weiter an den Sozialismus

Treffen von Udo Lindenberg (mit Hut) mit Egon Krenz (3. v. l.) und Harry Belafonte (2. v. l.) auf dem Flughafen Schönefeld am 25. Oktober 1983.

Als Erster Sekretär des Zentralrates der FDJ traf Egon Krenz (2.v.l.) auch Udo Lindenberg (r.) vor dessen Konzert in der DDR.

Mit Pehnerts Dokumentarfilm erfährt der Zuschauer durchaus Neues über Egon Krenz, auch wenn er seinen Prinzipien treu geblieben ist: „Immerhin haben die 40 Jahre gezeigt, dass auch ein Leben ohne Kapitalisten möglich ist. Nun kann man das gering schätzen und das andere hochheben. Und doch denke ich, dass die Welt ohne Sozialismus keine Zukunft haben wird. So wie sie ist, kann diese Welt nicht bleiben. Mag sein, dass ich für viele ein Stalinist bin, ein Betonkopf, ein ewig Gestriger. Ich sage – Ich bin Kommunist.“

Ein Kommunist, der in einer SED-Diktatur das Sagen hatte, in einem Land, in dem Kommunisten Andersdenkende, selbst Kommunisten einsperrten. Egon Krenz verharrt in seinen Reflexionen. Das wird mit dem Film von Lutz Pehnert gleichfalls deutlich.

Video:
DDR-Stammtisch in Waren hinterlässt gemischte Reaktionen (3 Min)

Udo Lindenberg während seines Auftritts am 25. Oktober 1983 im Palast der Republik in Ost-Berlin

Am 25. Oktober 1983 gab der Sänger in Ost-Berlin sein einziges Konzert in der DDR vor dem Mauerfall. Dazugehörige Stasi-Akten nennt er „abartig“.