Es war das ganz große Grauen: von Flachbau-Kasernen im Grunewald, schrecklichen Häusern, die eine beträchtliche Fläche des Waldes zermalmt haben, unschönen Kästen in öder Eintönigkeit, deren „Anblick wie ein Traumschrecken das Gemüt belastet“, schrieb 1927 ein Journalist in einer Berliner Tageszeitung, der ganz offensichtlich vor Wut schäumte. Nicht etwa in einem Kommentar, sondern in einem Artikel über die „Groß-Siedlung Zehlendorf“, so die Überschrift, machte er seinem geballten Entsetzen über das „Fiasko“ Luft. Was würde der Autor wohl dazu sagen, dass genau diese Siedlung für das Unesco-Welterbe nominiert ist das Urteil fällt am 15. Juli 2026 – und in diesem Jahr das 100. Bestehen feiert.

Das ehemalige Geschäft „Frisierkunst“ ist heute ein Kieztreffpunkt.

Das ehemalige Geschäft „Frisierkunst“ ist heute ein Kieztreffpunkt.
© Miriam Schaptke | Miriam Schaptke / BM

Die Waldsiedlung Zehlendorf zwischen den U-Bahnhöfen Krumme Lanke, Onkel-Toms-Hütte und Oskar-Helene-Heim wird auch Onkel-Tom-Siedlung oder wegen der farbigen Anstriche Papageiensiedlung genannt. Sie traf zur Zeit ihrer Entstehung ab 1926 so gar nicht auf den Geschmack des Zehlendorfer Bürgertums, das in schicken Villen mit ordentlichen Satteldächern residierte. Drei Architekten hatten etwas anderes vor: Bruno Taut, Hugo Häring und Otto Rudolf Salvisberg wollten viele kleine, helle, praktische Wohnungen schaffen, die sich jeder leisten konnte und die im Gegensatz zu den Mietskasernen auch über einen Garten, Balkon und Bad verfügten. 100.000 Wohnungen fehlten um 1930 in Berlin – heute sind es wieder genauso viele.

Wir haben eine extrem aktive Nachbarschaft, selbstbewusst und eigensinnig.

Ute Scheub, Vorstand des Vereins Papageiensiedlung

Die sozial engagierten Architekten setzten sich gegen den Widerstand der Ämter durch. 1100 Wohnungen und 800 Reihenhäuser entstanden unter dem Leitbild „Licht, Luft und Sonne“. Von der „schönsten Siedlung Berlins“ schwärmte schon kurz nach der Fertigstellung der ersten Häuser der Vorsitzende des Siedlungsvereins. Die Bewohner der Siedlung sind bis heute engagiert und organisiert. „Wir haben eine extrem aktive Nachbarschaft, selbstbewusst und eigensinnig“, sagt Ute Scheub vom Vorstand des Vereins Papageiensiedlung bei der Präsentation des Jubiläumsprogramms. Aber das sei von Taut so gewollt gewesen. Er habe die Gärten als Begegnungsorte und die Häuser als Rückzugsorte geschaffen. Schon in den 1930er-Jahren habe es Siedlungsfeste gegeben.

Mit dem Todestag von Taut am Heiligabend endet das Programm

Das Programm beginnt jetzt im Mai, weil der Hauptarchitekt Bruno Taut am 4. Mai 1880 geboren wurde, und es endet am 24. Dezember, weil das 1938 Tauts Todestag war. Das Festjahr steht unter dem Motto: „Die Siedlung hat‘s in sich“. Es startet am Sonnabend, 9. Mai, um 17 Uhr in der Emmaus-Kirche mit einem Theaterstück, in dem sich Häuser streiten, aber auch Nachbarinnen. Bruno Taut kehrt auf die Bühne zurück und es wird ein Bogen vom Dächerkrieg über die Nazi- und Nachkriegszeit bis in die ferne Zukunft im Jahr 2126 gespannt. Schon am Sonntag, 10. Mai, eröffnet das Heimatmuseum Zehlendorf die Ausstellung „Von der Villa zum Peitschenknall“.

Außenfassade Waldsiedlung Zehlendorf

Fassade in der Waldsiedlung: Nur weiße Farbe geht nicht, ein bisschen Gelb und Blau muss auch noch sein. 
© Hans Cord Hartmann | Hans Cord Hartmann

Damit ist der längste Bau der Siedlung, eine durchgehende 500-Meter-Front an der Argentinischen Allee zwischen Riemeister- und Waltraudstraße gemeint – mit Flachdach, versteht sich. Die einen sagen, es sieht aus, als ob einer mit der Peitsche durch die Straße geschlagen hätte, die rechts und links von der Häuserfront gesäumt wird. Andere sehen in dem Namen eine klassenkämpferische Bedeutung, nämlich den „Peitschenknall ins Gesicht der Bourgeoisie“.

Führungen durch die Siedlung, Lektüreabende mit Texten von Taut

Durch das Jubiläumsjahr ziehen sich verschiedene Veranstaltungen, die mit der Evangelischen Emmaus-Kirchengemeinde, dem Heimatverein Zehlendorf und dem Kieztreff „Frisierkunst“ organisiert worden sind. Es gibt Führungen durch die Siedlung, Lektüreabende mit Texten von Bruno Taut, Erzählsalons und eine gemeinsame Pflanzaktion von Jungkiefern in der Siedlung. Denn die alten Bäume kommen langsam in die Jahre. Musik aus den vergangenen 100 Jahren wird beim „Tanz aus dem Mai“ gespielt, der am 30. Mai ab 18 Uhr im Emmaus-Gemeindesaal veranstaltet wird.

Der 2010 gegründete Nachbarschaftsverein Papageiensiedlung hat anlässlich des 100. Bestehens ein Buch zur Geschichte der Siedlung unter dem Titel „Wald Licht Luft Sonne“ herausgegeben, in dem viele Zeitzeugen von ihrem Leben in der Siedlung berichten. Aber es geht nicht nur um die Vergangenheit. Ute Scheub widmet sich in einem Kapitel auch den nächsten 100 Jahren der Siedlung. Heute steht die Frage, wie das Viertel zukunftsfähig gestaltet werden kann, im Mittelpunkt.

Zukunftswerkstätten und Arbeitsgruppen sind unter anderem zu den Themen Energie, Mobilität und Grün entstanden. 2024 wurde die „Quartiersgenossenschaft klimafreundliches Quartier (kliQ)“ gegründet mit ihren beiden Projekten „Fossilfreies kaltes Nahwärmenetz“ und dem „Kieztreff“ im Frisiersalon. Das Ziel ist es, das Quartier sozial und ökologisch klimafreundlich zu gestalten. Dazu gehört eine gemeinschaftlich organisierte Wärmeversorgung.