Seit dem 1. Mai fließt kein kasachisches Öl mehr über die Druschba-Pipeline nach Deutschland. Betroffen ist die PCK-Raffinerie im brandenburgischen Schwedt, die große Teile Berlins und Brandenburgs mit Kraftstoffen versorgt. Offiziell gilt die Versorgung als gesichert. Wie genau die fehlenden Mengen ersetzt werden sollen, bleibt jedoch weiter unklar.

Das Bundeswirtschaftsministerium unter Katherina Reiche (CDU) erklärte auf Anfrage der Berliner Zeitung, die Versorgung sei „voll gewährleistet“. Auch über den Mai hinaus könnten die fehlenden Mengen „substituiert“ werden. Gleichzeitig bestätigte das Ministerium Gespräche mit Polen über mögliche Lieferungen und Anlandungen über den Hafen Gdańsk.

Ersatz für Druschba-Öl: Wirtschaftsministerium noch in Gesprächen mit Polen

„Wir sind in Gesprächen mit Polen, um eventuelle neue Lieferungen und Anlandungen in Gdańsk politisch zu flankieren und die PCK und Rosneft Deutschland hier zu unterstützen“, teilte eine Ministeriumssprecherin mit. Bereits ein Gespräch habe stattgefunden, weitere seien geplant.

Zu den konkreten Lieferverträgen äußerte sich das Ministerium jedoch nicht und verwies auf die beteiligten Unternehmen. Auch die Bundesnetzagentur wollte sich auf Anfrage nicht äußern und verwies ebenfalls an die Unternehmen. Antworten des Mehrheitseigentümers Rosneft Deutschland, der unter Treuhandverwaltung des Bundes steht, sowie der PCK-Raffinerie liegen bisher nicht vor.

PCK-Raffinerie in Schwedt arbeitet bereits mit Ersatzrouten

Seit dem Ende der russischen Öllieferungen über die Druschba-Pipeline 2022 wird die Raffinerie bereits überwiegend über alternative Wege versorgt. Ein Großteil des Rohöls gelangt per Tanker über den Hafen Rostock nach Deutschland und wird von dort über Pipelines nach Schwedt transportiert. Weitere Mengen laufen bereits über Polen und den Hafen Gdańsk.

Kasachstan hatte 2025 nach Angaben des Ölexporteurs KazTransOil, der zum staatlichen Gas- und Ölkonzern KazMunayGas gehört, rund 2,1 Millionen Tonnen Rohöl nach Schwedt geliefert. Für 2026 waren ursprünglich sogar rund drei Millionen Tonnen geplant. Für Mai werden nun rund 260.000 Tonnen über andere Exportwege umgeleitet. Genau diese Mengen fallen nun zumindest teilweise für Deutschland weg und müssen ersetzt werden.

Polnischer Betreiber signalisiert technische Bereitschaft

Etwas konkreter äußerte sich der polnische Pipelinebetreiber Pern. Das Unternehmen erklärte dieser Zeitung, die Infrastruktur ermögliche grundsätzlich Lieferungen über den Hafen Gdańsk und weiter per Pipeline nach Schwedt. „Wir sind in der Lage, rund zwei Millionen Tonnen pro Jahr zu liefern“, teilte das Unternehmen mit.

Ob diese Kapazitäten derzeit tatsächlich genutzt werden oder bereits konkrete zusätzliche Lieferungen nach Deutschland laufen, ließ Pern jedoch offen. Genau darin liegt das Problem: Die technische Möglichkeit ist vorhanden, operative Details bleiben jedoch vage.

Kasachstan lenkt Öl auf andere Wege um

Auch aus Kasachstan kommen bislang keine Hinweise darauf, dass die bisherigen Mengen direkt weiter nach Deutschland gelangen sollen.

KazMunayGas bestätigte am Dienstag stattdessen, dass die bisherigen Mengen nach dem Stopp über andere Wege exportiert werden. Demnach sollen Lieferungen unter anderem über das Kaspische Pipeline-Konsortium (KTK) sowie über russische Häfen umgeleitet werden.

Druschba-Pipeline: Russisches Öl fließt wieder nach Ungarn und in die Slowakei

Damit bleibt zwar der kasachische Export insgesamt stabil. Für Deutschland bedeutet das jedoch nicht automatisch, dass dieselben Mengen weiterhin in Schwedt ankommen. Bemerkenswert ist dabei, dass über die südliche Druschba-Route seit kurzem wieder russisches Öl nach Ungarn und in die Slowakei fließt. Die Pipeline selbst bleibt also in Betrieb.

Nach Branchenangaben wurde das kasachische Rohöl zuletzt nicht unmittelbar nach Ankunft in Schwedt verarbeitet, sondern zunächst zwischengelagert. Trotzdem bleiben zentrale Fragen offen: Welche Mengen erreichen Schwedt aktuell? Über welche konkreten Lieferketten soll der Ausfall langfristig ersetzt werden? Und welche Rolle spielt Polen künftig tatsächlich?

Die Antworten darauf bleiben bislang erstaunlich vage, obwohl die fehlenden Mengen für die Kraftstoffversorgung Nordostdeutschlands zentral sind.

Send feedback

Lesen Sie mehr zum Thema