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Die USA fördern so viel Öl und Gas wie kein anderer. Trotzdem importieren sie große Mengen und verkaufen eigenes Öl. Warum, erklärt US-Expertin Sandra Navidi.

New York – „Wieso sind die Preise bei uns an der Zapfsäule so hoch? Ich dachte, Amerika ist energieunabhängig.“ Diese Frage hört man immer häufiger von den MAGA-Donald-Trump-Anhängern. Die wundern sich, weil sie dachten, sie hätten mit der Ölkrise in der Golfregion nichts zu tun. Kommt diese Überraschung zurecht? Natürlich nicht!

Amerika steht an einem historischen Wendepunkt, an dem es sich und die Weltordnung neu kalibriert. Vor dem Hintergrund einer oft unübersichtlichen Nachrichtenlage, ordnet die deutsch-amerikanische Juristin und Wirtschaftsexpertin, Sandra Navidi,  lebt, das aktuelle Geschehen ein.Amerika steht an einem historischen Wendepunkt, an dem es sich und die Weltordnung neu kalibriert. Die deutsch-amerikanische Juristin und Wirtschaftsexpertin, Sandra Navidi, ordnet ein. © Sandra Navidi

Richtig ist, dass die USA der größte Öl- und Gasproduzent der Welt sind. Aber sie sind nicht vollständig energieunabhängig, weil sie aus wirtschaftlichen, technischen und strategischen Gründen weiterhin Energie importieren. Zum einen verbrauchen sie mehr Öl, als sie fördern und müssen deshalb große Mengen pro Tag einführen. Zum anderen reicht die Eigenproduktion nicht, um den Bedarf für bestimmte Segmente der Wirtschaft zu decken, wie beispielsweise für Verkehr und Petrochemie. 

Darüber hinaus sind US-Raffinerien auf die Bearbeitung bestimmter Qualitäten wie schweres Öl aus Kanada, Saudi-Arabien und Venezuela ausgelegt. Deshalb lohnt sich der Import dieses Öls, selbst dann, wenn die USA gleichzeitig leichtes Öl exportieren. Außerdem exportieren sie einen Teil der Produktion zum Weltmarktpreis, wenn sie die Ölqualität, die sie brauchen, günstiger importieren. Also eine Mischkalkulation, die sich für Amerika auszahlt. Und weil Öl global gehandelt wird, entsteht natürlich auch der Preis global.

Die größte Angst der Amerikaner sind hohe Benzinpreise, noch vor Bodentruppen im Iran oder Terroranschlägen. Das liegt vor allen Dingen an den langen Pendlerstrecken, dem schlecht ausgebauten öffentlichen Personennahverkehr, den oft überdimensioniert großen Häusern und der energieintensiven Lebensweise. All das macht Amerikaner verwundbar für Preisschocks.

Aber wer nur auf den Ölpreis schaut, unterschätzt das Risiko massiv. Entscheidend bei der Blockade der Meeresenge von Hormuz ist die Kombination aus Energie, Lieferketten und Düngemittelschocks. Diese Kombination ist Sprengstoff für die Realwirtschaft. Und die wahrscheinlich größte Zeitbombe ist die Düngemittelknappheit. Denn die wirkt sich nicht nur auf die Preise, sondern auch auf die Verfügbarkeit von Dingen wie Brot, Fleisch und Milchprodukten aus. Deshalb könnten Grundnahrungsmittel vielen Amerikanern bald als Luxus erscheinen.

Das Ausmaß der Wirtschafts- und Versorgungskrise hängt von der Länge und dem weiteren Verlauf des Iran-Krieges ab. Aber es ist jetzt schon absehbar, dass die Belastung für weite Teile der Bevölkerung in den nächsten Monaten deutlich zunehmen wird. Gegenwärtig zeichnen sich bereits sinkende Kaufkraft, größere Arbeitslosigkeit und Unternehmenspleiten ab. Also, was wir sehen, ist eine weltweite systemische Krise mit massiven Auswirkungen auf die USA. Wer glaubt, man könne die Welt in Brand setzen, ohne dass Rauch ins eigene Haus zieht, der hat das System nicht verstanden.