DruckenTeilen
Uns auf Google folgen
Zweckoptmistisch: Neil Nerva und Lesley Smith haben immerhin Unterstützung durch Schulministerin Georgia Gould (r.). © Sebastian Borger
Wahlkampf von Haus zu Haus ist Tradition – und ein immer schwereres Los für die Engagierten der alten Parteien vor den Kommunalwahlen in Großbritannien.
Zwei Stunden lang haben Lesley Smith und ihr kleines Team in den Straßen von Kensal Rise im Nordwesten Londons an Türen geklopft oder geklingelt. Mindestens die Hälfte der dort Wohnenden sind nicht da – oder gehen nicht an die Tür. Sie erhalten aber wenigstens ein Flugblatt der Labour-Party, die seit vielen Jahren auch den Stadtbezirk Brent regiert.
Wo sich die Türen öffnen, nehmen die sozialdemokratischen Wahlkämpfer:innen freundlich die lokalen Klagen auf, verteidigen geduldig die Müllabfuhr, stellen den Plan für einen Lift an der örtlichen U-Bahnhaltestelle vor. Jetzt ziehen sie bei Kaffee und Kuchen Bilanz. Und die fällt schlimm aus. „Das war bisher eine Labour-wählende Nachbarschaft“, sagt Smith. „Aber anhand der Reaktionen heute müssen wir am Donnerstag mit einer Niederlage rechnen.“
Klinkenputzen im Endspurt bei der britischen Kommunalwahl
Wenige Tage vor der Kommunalwahl in vielen englischen Städten, darunter auch allen Bezirken der Hauptstadt, eilen allerorten die Abgesandten der Parteien durch die Straßen. Die Menschen im Land erwarten persönlichen Kontakt ihrer Kandidat:innen für Parlamente auf allen Ebenen, wenn sie sich auch gern darüber beklagen, zwischen den Wahlen komme selten oder nie jemand.
Der 22-jährige Tom Wade versucht ein Comeback für die Konservativen – von Haustür zu Haustür. © Sebastian Borger
Gibt es auch die gegenteilige Klage über zu viele Flugblätter und Polit-Besuche? Eigentlich nie, meint Greg Hands. 1992 warb der Konservative erstmals im wohlhabenden Stimmbezirk Lillie um Stimmen, 19 Jahre lang gehörte er als örtlicher Abgeordneter für Fulham dem Unterhaus an, bis er vor zwei Jahren 152 Stimmen weniger errang als sein Labour-Rivale. Wie beim Unterhaus gilt auch für die Kommunalvertretungen das Mehrheitswahlrecht. Kleine Abstände bei der Stimmverteilung sorgen für riesige Unterschiede bei den Mandaten.
An diesem Tag werben der 60-Jährige und ein gutes halbes Dutzend anderer Freiwilliger für die jungen Kandidat:innen, die der Labour-Party die beiden Plätze im Stadtparlament streitig machen wollen. Der Politik-Routinier wundert sich darüber, dass die Grünen nur mit einer Person ins Rennen gegangen sind, und nicht die maximale Zahl von Mandaten holen können. Dabei gebe es hohes Interesse an der Partei des selbsternannten Linkspopulisten Zak Polanski, der weniger über Öko-Themen als vielmehr über die hohen Lebenshaltungskosten redet. Er punktet mit der Statistik, wonach allein vier Familien auf der Insel reicher sind als 20 Millionen ihrer britischen Mitbürger:innen.
Nordirland hat es vorgemacht: Torys und Labour fürchten sich vor links und rechts
Machten die beiden lang etablierten Parteien bisher das Rennen weitgehend unter sich aus, müssen sich Labour und Torys diesmal des Ansturms von links und rechts erwehren. Vier bisher Labour-dominierte Bezirke werden der Umfragefirma YouGov zufolge an die Grünen fallen. Im östlichen Bezirk Barking macht die rechtspopulistische Reform UK der Labour-Party den ersten Platz streitig; im Südosten dürfte das bisher konservativ regierte Bromley an Nigel Farages Nationalpopulisten fallen. Deren Parolen gegen die Masseneinwanderung der vergangenen Jahre – in Barking fiel der Weißen-Anteil im Jahrzehnt bis 2021 um rund ein Fünftel – kommt gerade bei den Alteingesessenen gut an, zu der viele Geringverdienende zählen.
Wie in Nordirland, wo zu Beginn des Jahrhunderts die Extreme die gemäßigte Mitte zerdrückten, gibt es dabei von beiden Herausforderern hässliche Untertöne: Antisemitismus von links, anti-muslimische Ressentiments von rechts.
Grünen-Chef Polanski will die Reichen härter besteuern, die Studiengebühren abschaffen, Arme entlasten. Zudem fehlt in keiner Rede die Forderung nach dem „Ende des Genozids in Gaza“, als könne die einstige Kolonialmacht den Streit zwischen Israelis und Palästinensern aus der Welt schaffen. Und Israel gleich dazu?
Wahlkampf in London: Antisemitismus bei den Grünen und Islamhass bei Reform UK
Im Wahlkampf kamen schlimme Äußerungen von Grünen in den unsozialen Medien aufs Tapet. Im Bezirk Lambeth bewertete eine den Brandanschlag auf eine örtliche Synagoge als „kein Antisemitismus, sondern Rache an Israel“. Ihre Kollegin teilte mit, US-Präsident Donald Trump sei „in jüdischer Hand“. Gegen beide ermittelt die Kriminalpolizei wegen antisemitischer Hetze. Polanski selbst spricht wegwerfend von der „Wahrnehmung einer Bedrohung“ unter den rund 330.000 Juden im Land, als habe es nicht mehrfach mörderische Anschläge auf deren Einrichtungen gegeben, zuletzt in London. Sein Parteivize Mothin Ali rühmte die Hamas-Massaker vom Oktober 2023 als „Recht der angestammten Bewohner auf Widerstand“.
Hingegen machen Reform-Vertreter:innen mit anti-muslimischen Sprüchen oder dubiosen Verbindungen von sich reden. Er sei „ein stolzer Islam-Hasser“, schrieb ein Kandidat im West-Londoner Stadtteil Hillingdon. In Bexley bewirbt sich eine Frau ums Kommunalmandat, die den Islam für „die Religion von Vergewaltigung, Inzest und Pädophilie“ hält. Den Menschen in Ealing bietet Reform UK einen Propagandisten des kommunistischen Regimes von China an. Da gebe es „ein oder zwei Peinlichkeiten“, räumt Parteichef Farage ein.
Lokale Torys bauen auf ihr (eher dünnes) Werbematerial, um gegen die Populisten zu bestehen. © Sebatian Borger
Peinlich wird es jedenfalls für Premierminister Starmer. Das Londoner Labour-Ergebnis werde verheerend ausfallen, prognostizieren die Wahlforschenden. Gleichzeitig erwartet kaum jemand eine Renaissance der langjährigen konservativen Regierungspartei.
Im Stadtbezirk Brent klammern sich amtierende Stadträte wie Smith an die Hoffnung, dass der Herausforderung der Grünen die ebenfalls stark aktiven Liberaldemokraten im Weg stehen könnten. Dann wäre Labour der lachende Dritte. London-weit aber, fürchtet Labour-Bürgermeister Sadiq Khan, stehe seiner Partei eine „brutale Dezimierung“ ins Haus.