Donnerstags kann Ela nicht, weil sie dann die Frikadellen macht, und freitags ist es auch schlecht, denn der Kabeljau muss zubereitet werden. Montags geht es gar nicht, weil sie für die Woche plant. Für eine Wirtin, die eigentlich im Ruhestand ist, hat Ela ganz schön viel zu tun. Also sitzt sie Dienstagmittag an einem der Tische im Schankraum der Gaststätte „Zum Kortheuer“ und spricht über ihren ungewöhnlichen Ruhestand, über selbst gemachten Rote-Bete-Salat und warum ihr der Abschied doch recht schwerfällt.

Ela heißt eigentlich Manuela El Aissaoui und ist ein Original der Wiesbadener Wirtshauskultur. Seit Ende der Achtzigerjahre stand die resolute Frau hinter dem Tresen und in der Küche des „Kortheuer“ an der Nerostraße – und irgendwie steht sie dort gefühlt noch immer. Ihr Vater Karl-Hermann Kortheuer hatte 1987 seinen Feinkostladen in die gleichnamige Gaststätte umgewandelt und damit das Fundament für eine gastronomische Institution gelegt.

Die Nerostraße hat sich in den vergangenen Jahren verändert: Kneipen und Geschäfte kamen und gingen, aber der „Kortheuer“ war eine Konstante. Freunde der gutbürgerlichen Küche lieben die Speisen, die Ela zubereitet, wahrscheinlich ebenso wie ihr flottes Mundwerk. Im August wird Ela 64 Jahre alt, und spätestens dann soll der Betriebsübergang an ihren Nachfolger David Regensburger, der den Gästen als ehemaliger Mitarbeiter gut bekannt ist, abgeschlossen sein.

Gesundheitliche Probleme haben Ela zur Übergabe bewegt

Sie sitzt vor einem Glas Wasser, trägt eine geblümte Hose, ein weißes T-Shirt, darüber eine grüne Weste, die Füße stecken in Crocs. Am Eingang zur Küche steht auf einem großen Schild „Beratungszimmer“. Ela lacht laut und herzlich, wenn sie sich an witzige Begebenheiten im „Kortheuer“ erinnert. „Komisch“, antwortet sie auf die Frage, wie sie sich nach fast 40 Jahren in der Küche des „Kortheuer“ fühlt und sagt: „Ei, das kann man nicht beschreiben.“

Sie wirkt dabei nicht melancholisch, sondern eher wie jemand, der akzeptiert, dass die Welt sich ändert, auch wenn ihr das nur bedingt gefällt. „Wir sind hier nicht bei Wünsch-Dir-Was, sondern bei So-Isses“, steht auf einem anderen Schild im Gastraum, und dieser Spruch könnte sinnbildlich auch für Elas Situation stehen.

„Ich mache das so lange, bis ich umfalle“, hatte sie noch 2018 in einem Interview mit der F.A.Z. gesagt. Auch wenn sie heute nicht gleich umfällt, so ist sie doch gesundheitlich mitgenommen. „Ich bin angeschlagen, sonst hätte ich das nicht so gemacht“, gesteht sie ein. Neben Diabetes hat sie Schwierigkeiten mit den Beinen, die durch das lange Stehen in der Küche nicht besser werden, wie sie sagt. In den vergangenen Monaten musste Ela sich immer wieder in unterschiedlichen Wiesbadener Kliniken behandeln lassen. Die Zeit hat sie für eine kulinarische Untersuchung der besonderen Art genutzt. „Ich habe alle Krankenhäuser getestet, und vom Essen her kann man die alle vergessen“, stellt die Köchin klar und lacht.

Bekannt für gutbürgerliche Küche: die Gaststätte „Zum Kortheuer“ an der Nerostraße in WiesbadenBekannt für gutbürgerliche Küche: die Gaststätte „Zum Kortheuer“ an der Nerostraße in WiesbadenLucas Bäuml

Der „Kortheuer“ war und ist ein Publikumsmagnet für Gäste, die gutbürgerliche Küche lieben. Ohne Reservierung bekommt man fast nie einen Tisch. „Das Ding brummt. Man muss mal sehen, wie es weitergeht und ob ich fähig bin, auch mal ruhig zu sein“, blickt Ela mit gemischten Gefühlen auf ihren Ruhestand. Dann lacht sie abermals schallend und sagt: „Ab und zu zuckt es in mir, aber ich presse meine Lippen zusammen.“

Ela ist nun nicht mehr diejenige, die den Takt am Topf vorgibt, sondern sie hilft in der Küche. „Ich bereite morgens vor, und Irmgard kocht“, sagt Ela. Irmgard von Kayser ist den Wiesbadenern aus dem „Kleinen König“, dem „Ludwig“ und anderen Gaststätten ebenfalls gut bekannt. „Die Irmgard macht samstagmittags Weißwürste mit Laugenbrezeln, das kommt gut an“, sagt Ela. „Wir kommen in der Küche ganz gut klar.“ Die Gewinner dieser neuen Zusammenarbeit sind die Gäste, die das Beste aus zwei Küchenwelten erhalten, denn ihre Grüne Soße, die Remoulade und andere Spezialitäten macht Ela weiterhin selbst.

Es geht aber nicht nur um die Küche, denn viele Gäste kamen auch zu Ela, weil die immer einen schnellen und manchmal auch recht provokanten Spruch auf der Lippe hat. Darauf angesprochen sagt sie: „Einen Spruch kann ich denen auch weiterhin drücken. Wer einen hören möchte, braucht mich nur anzurufen, dann komme ich.“ Das macht sie in der Tat, und es fällt ihr ziemlich leicht, da sie über der Gaststätte wohnt. Nicht wenige Stammtischfreunde kommen seit Jahrzehnten in den „Kortheuer“, und Ela will sich auch künftig zu ihnen an den Tisch setzen.

Manchmal springt die Dreiundsechzigjährige ein, wenn Not an der Frau und in der Küche ist. „Je nachdem, wie ich gesundheitlich drauf bin, da wäre es ganz schön, wenn ich noch ein bisschen mitmachen kann“, sagt sie, und erstmals wird im Gespräch deutlich, wie schwer ihr der Abschied wirklich fällt. Ela neigt nicht zum Jammern, das ist nicht ihre Art. Aber wenn sie so gar nichts zu tun hätte, dann wäre ihr schon langweilig. „Dann kann ich mir auch die Kugel geben“, sagt sie und nimmt der Aussage die Schärfe, indem sie wieder lauthals lacht. Der erste Schritt in Richtung Ruhestand, sagt sie, sei die richtige Entscheidung gewesen, denn ihre Schmerzen ließen ihr kaum eine Wahl.

In Zukunft wird sie mehr Zeit haben, auch wenn sie donnerstags die Frikadellen macht. Samstags trifft sie sich mit ehemaligen Gästen, die über die Jahre zu Freunden wurden, in Kaufmanns Kaffeerösterei an der Ecke Nerostraße/Jawlenskystraße, und manchmal setzt sie sich mit alten Freundinnen auf das „Lästerbänkchen“ vor dem „Kortheuer“ und trinkt dort ihren Kaffee. „Ich schaue sehr gerne Wrestling im Fernsehen, das kann ich jetzt öfter genießen“, sagt Ela.

Dann steht sie auf und geht in die Küche, um dort den Rote-Bete-Salat zu holen, damit sie etwas in der Hand hat, wenn der Fotograf ein Bild von ihr macht. Mit leeren Händen in ihrer Küche fotografiert zu werden, das ist so gar nicht ihr Ding.