Ein Gebäude, das aussieht wie aus der Zeit gefallen. Draußen blüht und duftet Blauregen an der Fassade, drinnen liegt das Buch zum 300-jährigen Jubiläum auf dem alten Holztisch. Holger Zahn, Seniorchef der Späth’schen Baumschulen in Treptow-Köpenick sitzt zwischen alten Schreibmaschinen im über 150 Jahre alten Büro.

Doch gerade erst die Geschäftsführung an seine beiden Töchter und eine langjährige Mitarbeiterin übergeben, muss er sich jetzt Sorgen machen, was für ein Erbe er da hinterlässt. Denn die traditionsreiche Baumschule zwischen unzähligen Kleingärten und mit einer riesigen Grünfläche ist in seiner heutigen Form bedroht: Nach dem neuesten Plan des Stadtentwicklungssenators Christian Gaebler (SPD) soll die für Berliner öffentlich zugängliche „grüne Oase“ einem neuen Stadtquartier Platz machen.

„Da ist dann nichts mehr, wir geben alles ab.“

Schon lange will der Berliner Senat im Treptower Ortsteil Späthsfelde Wohnungen bauen. Im vergangenen Jahr konkretisierten sich die Pläne. Dafür hätten aber rund 300 Kleingärten weichen müssen. Dieser Plan ist nun vom Tisch. Stattdessen soll ein Großteil der mehrstöckigen Häuser auf dem Gelände der Späth’schen Baumschule entstehen. Die grüne Fläche würde verschwinden. „Es bleiben nur noch diese denkmalgeschützten Häuser und die versiegelten Flächen. Wir hätten keinen einzigen Quadratmeter mehr, wo irgendwie eine Pflanze in der Erde wächst“, erklärt Holger Zahn.

Und das sei es doch, worum es hier geht, meint der Gartenbauingenieur. „Dieses natürliche Umfeld ist es, was die Berliner und Brandenburger von uns erwarten. Pflanzen verkaufen können wir auch in Brandenburg.“ Zahn ist es deswegen wichtig, dass nicht die Baumschule in dieser Debatte im Mittelpunkt steht. Eine schlichte Baumschule gehöre an den Stadtrand. Nach den neuen Plänen würde es aber genau anders herum geschehen. Der grüne Wohlfühlort würde verschwinden, während die alten Gebäude der Baumschule blieben. „Wir haben hier die Geschichte, die kann ich doch nicht einpacken und nach Wusterhausen bringen“, sagt er.

Die Baumschule ist das älteste Unternehmen Berlins

1720 gegründet ist die Baumschule das älteste produzierende Unternehmen Berlins. Bis zum Zweiten Weltkrieg war sie sogar die größte Baumschule der Welt. Als Namensgeber für den gesamten Stadtteil und die S-Bahn-Station Baumschulenweg ist der Betrieb tief in der Berliner Identität verwurzelt.

Zahn erzählt von der Bedeutung des Ortes: 150.000 Besucher kommen jährlich. Und zwar nicht nur um sich für Garten, Terrasse und Balkon einzudecken. Auf dem Gelände finden regelmäßig Veranstaltungen statt, es gibt wöchentliche Kulturevents, gärtnerische Fachtagungen und Seminare zwischen und auf den grünen Flächen. Vom ältesten Betriebsblasorchester Deutschlands über Rockgruppen bis zum floristischen Malzirkel – der Gartenbauer zählt eine Vielzahl ansässiger Gruppen auf. Außerdem fungiere der Ort als Netzwerk-Knotenpunkt für die grüne Branche. Unteranderem die europäischen Baumklettertage finden in Späthsfelde statt. „Da kommen aus ganz Europa die halbwegs vitalen jungen Menschen, Männer und Frauen, die auf Bäume klettern und Bäume schneiden, aber mit Klettertechnik“, erzählt Zahn begeistert.

Lernort und grüner Ankerpunkt

Auch für die Bildung hat die Baumschule viel zu bieten. Jährlich besuchen um die 150 Schulklassen den sogenannten Weltacker und lernen, was ein Mensch zum Überleben braucht. „Das sind 2000 Quadratmeter“, zeigt er. Davon kann ein Mensch leben. Daneben liegt der zentrale Sortengarten des Bundes Deutscher Baumschulen. Jede Pflanze ist hier eine andere Art. Die Humboldt-Universität forscht auf dem Gelände, sogar ein Open-Air-Hörsaal ist geplant.

Der Gartenbauer führt durch sein öffentliches Kleinod. Vorbei an Hofladen, Gasthaus, Kräutergarten und Mini-Bibliothek, die zwischen Schaugärten liegen. Doch nach wenigen Schritten bleibt er stehen. Noch bevor der Betonboden aufhört, würde gebaut werden, sagt er. Was in die Weite folgt – und den Ort ausmacht – würde verschwinden. Inklusive des Weltackers und des Karpfenteichs. „Hier kommen immer Mal wieder Leute mit Wein oder Picknick-Decke an den Teich“, berichtet er. Das gesamte Gelände ist das ganze Jahr für jeden offen.

Wo heute noch Besucher mit Picknick-Decke kommen, könnten bald Bagger stehen.

Wo heute noch Besucher mit Picknick-Decke kommen, könnten bald Bagger stehen.

© Paul Zinken/ Berliner Zeitung

Der Bruch mit der Bürgerbeteiligung

Im vergangenen Oktober wurde im Rahmen einer Bürgerbeteiligung ein Siegerkonzept für das geplante Stadtquartier ausgewählt. Bei einem Wettbewerb stellten sich drei Projektbüros vor; Anwohner und Interessierte konnten zu den öffentlichen Veranstaltungen kommen und sogar ihre Wünsche anpinnen. „Man hatte das Gefühl, hier lebt die Demokratie“, erzählt der Seniorchef. Das Konzept sah eine behutsame Integration der Baumschule vor.

Im März folgte dann der Schock: Ein komplett neuer Entwurf wurde ihnen auf den Tisch gelegt. In diesem würden sie praktisch von allen Seiten umbaut dastehen. Zahn beschreibt die Veränderung so: „Wenn ich hier direkt hinter dem Restaurant bis zu achtstöckige Häuser habe, dann kann ich mich auch an den Zaun am Edeka setzen und ein Bier kaufen und habe den gleichen Wohlfühlfaktor.“ Er fügt hinzu: Was ihn noch mehr erschrecke sei, dass das Verfahren nie öffentlich geführt werden sollte. Erst nach der Wahl sei die öffentliche Präsentation vorgesehen gewesen – also wenn der Entwurf bereits beschlossen wäre.

Die Pressesprecherin der Späth’schen Baumschulen sieht hier eine Täuschung der Öffentlichkeit. „Die Bürgerbeteiligung des Jahres 2025 mit drei öffentlichen Veranstaltungen und einer Ausstellung wird ad absurdum geführt.“ Und: Die Täuschung wiegt umso schwerer, weil das Planungsteam einen Senatsbeschluss für Juni 2026 vorbereitet. Danach beginnt eine neue Phase der Planungen – auf Grundlage eines Konzepts, das dann die Berliner Bevölkerung vor vollendete Tatsachen stellt.

Der Senat weist diese Vorwürfe zurück und betont die Bedeutung des Standorts. Laut  Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen sollen der Betrieb und die bestehenden Nutzungen planungsrechtlich gesichert werden. Demnach bleibe die abgestimmte Kernfläche als ‚identitätsstiftender Nukleus‘ erhalten und werde in das neue Konzept integriert.

Zudem sei bereits im Oktober 2025 kommuniziert worden, dass das damalige Konzept lediglich die Grundlage für eine weitere Überarbeitung darstelle. Das neue Ziel sei ein „Kompakter Kiez im Grünen“ mit rund 2.500 Wohnungen und sozialer Infrastruktur.

Holger Zahn hinterfragt allerdings, wie ein „kompakter Kiez im Grünen“ aussehen soll, wenn gerade ein großer Teil dieser Grünfläche bebaut werde. Es würde immer gesagt werden, dass grüne Zentren und Wohlfühlorte in der Stadt geschaffen werden sollen. Hier gebe es bereits ein funktionierendes Zentrum.

Rund 60 Mitarbeiter sind bei den Späth

Rund 60 Mitarbeiter sind bei den Späth’schen Baumschulen beschäftigt.

© Paul Zinken/ Berliner Zeitung

Bis jetzt sei alles immer intern besprochen worden, erzählt Zahn. Stets hätten sie im Austausch mit Senat und Bezirk gestanden und sich gegenseitig unter die Arme gegriffen. „In einem Letter of Intent gegenüber dem Bezirk habe ich mich 2022 auch gerne dazu verpflichtet, unsere Veranstaltungen in der bisherigen Qualität fortzuführen“, berichtet er. Doch mit dem vorliegenden Entwurf und der so knappen Zeit bis zum Senatsbeschluss, sieht der Seniorchef keine andere Möglichkeit mehr, als an die Öffentlichkeit zu gehen

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Auch mit dem neuen Konzept müsste ein Teil der Kleingärten weichen. Eine vierspurige Straße soll durch das neue Quartier führen. Wer seinen Garten an altem Standort behalten kann, sitzt dann allerdings unweit der vorbeifahrenden Autos.

Ein Frühlingsfest im Zeichen des Protestes

An diesem Wochenende findet auf dem Gelände das Frühlingsfest „Späth’er Frühling“ statt. Eigentlich sollten zu diesem Anlass die drei neuen Geschäftsführerinnen erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Sogar der Regierende Bürgermeister Kai Wegner wollte kommen – er hat hier sogar einen eigenen Baum. Jetzt wird das Fest vielleicht von der großangelegten Spendenaktion überschattet. Und Wegner kommt doch nicht.

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