Kuriosum im HandballSollte der Rekordmeister verlieren, um Champions League zu spielen?10.05.2026, 06:12 Uhr
Von Anja Rau
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Hendrik Pekeler und Mathias Gidsel werden sich am Sonntag wieder in die Quere kommen. (Foto: IMAGO/Jan Huebner)TeilenFolgen auf:
Die Handball-Bundesliga erlebt am Wochenende eine „verrückte Konstellation“. Wenn der THW Kiel die Füchse Berlin empfängt, sollte der Rekordmeister eigentlich lieber verlieren. Das liegt an der Reform der Champions League.
Der THW Kiel steckt mächtig im Dilemma. Der deutsche Handball-Rekordmeister läuft seit einigen Jahren seinen eigenen Ansprüchen hinterher. Auch in diesem Jahr ist das Team von Trainer Filip Jicha in der Bundesliga bereits zu weit weg von allen Meriten. Zuletzt verlor Kiel krachend gegen Abstiegskandidat HSG Wetzlar (25:33) und spielte gegen den Tabellenletzten SC DHfK Leipzig nur Remis (28:28). Und nun kommt der amtierende Meister Füchse Berlin an die Förde (Sonntag, 15 Uhr).
Nicht genug, dass es eine schwere Aufgabe wird. Womöglich wäre es sogar besser für die Kieler, wenn sie dieses Spiel nicht gewinnen. Das könnte nämlich die Chancen des Klubs erhöhen, in der nächsten Saison in der Champions League spielen zu dürfen. Möglich macht dies die Europapokal-Reform des Europäischen Handball-Verbands (EHF).
Neu ist nämlich, dass der Sieger der European League nicht nur den Pokal und Ehre einheimst, sondern auch ein Startrecht für die Champions League erhält. Die Königsklasse wird von 16 auf 24 Teams erweitert. „Für uns und die weiteren noch im Rennen befindlichen Starter ergibt sich eine weitere Chance, sich über die European League für die Champions League zu qualifizieren. Das ist weiterhin keine Garantie, aber ein zusätzlicher Anreiz, der den Europapokal-Wettbewerb weiter aufwertet“, sagte der Kieler Geschäftsführer Viktor Szilagyi der dpa.
Denn in der European League mischt der THW weiter mit – schaffte den Einzug ins Final-Four-Turnier in Hamburg. Gegen den kroatischen Klub Nexe Nasice setzten sich die Kieler im Rückspiel mit 34:29 nach Siebenmeterwerfen durch. Damit stehen drei deutsche Teams im Final Four: Neben Kiel auch Rivale SG Flensburg-Handewitt, der das deutsch-deutsche Viertelfinale TSV Hannover-Burgdorf dominierte, sowie die MT Melsungen, die Porto niederrang. Vierter Teilnehmer ist der französische Klub Montpellier Handball – es sind damit dieselben Teams wie im Vorjahr dabei. Und wie 2025 müssen die Kieler im Halbfinale gegen die Franzosen ran, das ergab die Auslosung. Vor einem Jahr hatten die Kieler ihr Halbfinale verloren, im Finale holte dann Flensburg den Titel.
Bundesligisten dominieren European League
Dass der Pokal auch in diesem Jahr nach Deutschland gehen könnte, ist alles andere als eine Sensation. Nicht ohne Grund wird der Wettbewerb auch der „deutsche Europapokal“ genannt: Seit der Saison 2003/04 gab es nur zweimal keinen deutschen Sieger (2014 Pick Szeged, 2022 Benfica Lissabon).
Allerdings ist der Sieg in der Europa League für einen Bundesligisten dann doch nicht auf alle Fälle das Ticket für die Champions League. Weitere Bedingungen machen es kompliziert. Daher packte der Geschäftsführer von Bundesligist VfL Gummersbach, Christoph Schindler, bereits den Galgenhumor aus: „Ich würde fast scherzhaft sagen, wenn am letzten Spieltag die Sonne scheint, kommt vielleicht auch noch jemand anders rein. Und wenn es regnet, wieder jemand anders“, sagte er bei Dyn. Die neuen EHF-Regeln seien „echt verwirrend“.
Drei Bundesligisten können Champions League spielen
Als bekannt wurde, dass die EHF die Champions League aufstocken wird, gab es sofort die Hoffnung, dass statt zwei künftig drei Bundesligisten um die begehrte Trophäe mitspielen können. Schließlich vermarktet sich die Bundesliga nicht ohne Grund als „stärkste Liga der Welt“. Das vergangene Finale hieß: SC Magdeburg gegen Füchse Berlin. Beide sind auch diesmal wieder dabei, Magdeburg reist sogar zum vierten Mal in Folge zum Final Four, das seit 2010 in Köln stattfindet.
Inzwischen hat die EHF bekannt gegeben: Ja, das ist möglich. Bis zu drei Teams pro Nation können sich für die prestigeträchtigere und vor allem finanziell attraktivere Champions League qualifizieren. Weil es aber eine ganze Reihe an Regeln gibt, ist nicht nur Schindler verwirrt. Denn grundsätzlich hat nur der deutsche Meister einen garantierten Startplatz. Zwei weitere deutsche Klubs können aber ein Upgrade beantragen – die EHF entscheidet nach Kriterien wie Erfolgen in der Vergangenheit, Hallengröße, Zuschauerzahlen, medialer Reichweite und Visionen des Teams.
Künftig erhalten sowohl der Titelverteidiger als auch der Gewinner der European League einen Startplatz für die Königsklasse. Dieses Startrecht gilt auch, wenn sich das Team nicht über die nationale Liga qualifiziert hat. Es gibt allerdings eine Einschränkung: Kommen die Sieger der Champions League und der European League aus demselben Land und haben sich beide nicht über die Liga qualifiziert, gibt es nur für den Königsklassen-Gewinner einen Startplatz. Der Sieger der European League darf nur nachrücken, wenn der Champions-League-Sieger Platz eins oder zwei belegt.
THW Kiel muss zittern
Und genau hier wird es eben brenzlig für den THW Kiel. Denn das Team kann sich wahrscheinlich nur noch über den European-League-Sieg qualifizieren. Die Jicha-Truppe muss also darauf hoffen, dass der Champions-League-Sieger entweder nicht aus Deutschland kommt – oder sich ohnehin über die Bundesliga-Tabelle für die Champions League qualifiziert. Neben Magdeburg und Berlin ist auch der FC Barcelona wieder beim Final Four dabei. Hinzu kommt Aalborg Handbold mit dem deutschen Nationalspieler Juri Knorr. Es besteht also eine 50 Prozent Chance, dass ein deutscher Klub die Champions League gewinnen wird.
Sollte das der SC Magdeburg sein, ist Kiel fein raus. Die Magdeburger sind als designierter neuer deutscher Meister ohnehin für die Königsklasse qualifiziert. Den Titel kann das Team von Trainer Bennet Wiegert schon an diesem Wochenende sichern, wenn Flensburg am Samstag gegen den TBV Lemgo verliert und die Füchse in Kiel maximal ein Remis holen. Am 21. Mai dann wäre es ohne gegnerische Hilfe in eigener Halle beim Duell mit Flensburg möglich. Seit November thront der SCM an der Tabellenspitze.
Sollten aber die Berliner den Champions-League-Titel gewinnen, müsste Kiel womöglich trotz European-League-Titel in der Königsklasse zuschauen. Denn die Berliner sind derzeit nur Dritter in der Bundesliga. Sie können aus eigener Kraft noch Zweiter werden, weil am letzten Spieltag der Saison (7. Juni) das Duell mit Flensburg ansteht – sollten aber bis dahin nicht mehr verlieren. Also auch nicht in Kiel.
Würden die Füchse Berlin am Saisonende nur Bundesliga-Dritter werden, aber die Champions League gewinnen, spielen sie in der Königsklasse. Ein Sieg in der European League würde Kiel – und auch der MT Melsungen – dann nicht weiterhelfen. Die Champions-League-Plätze würden dann durch Meister Magdeburg, den vermeintlichen Zweiten Flensburg sowie Berlin blockiert.
„Das ist eine komische Situation, um nicht zu sagen eine verrückte – und kann so nicht im Sinne des Sports sein“, sagte Kiels Abwehrchef Hendrik Pekeler der SHZ. Er wolle „nicht sagen, dass einige Dinge im Handball nicht durchdacht“ seien, „aber viele Dinge sind zumindest nicht bis zum Ende durchdacht worden.“
Kiel mit mieser Bilanz gegen Berlin
Endgültige Gewissheit gibt es erst nach dem Finalturnier der Champions League am 13./14. Juni sowie den bislang nicht terminierten Upgrade-Entscheidungen der EHF. Schindler, dessen Gummersbacher sich noch für die European League qualifizieren können, sagte über die komplizierten Regeln: „Das ist, glaube ich, nicht das, was den Handballsport irgendwie professioneller macht oder es für Außenstehende einfacher macht, zu verstehen, wenn wir als Funktionäre oder als Vereine nicht mehr verstehen, was damit gemeint ist.“
Für den THW Kiel könnte wieder die European-League-Teilnahme übrig bleiben – oder nicht einmal diese. Auch hier funken die Füchse Berlin dazwischen. Denn die Bundesliga hat insgesamt fünf Europapokal-Startplätze – einen Startplatz für die European League gibt es für den DHB-Pokalsieger. Den Titel gewannen die Berliner, sollten sie aber in der Champions League antreten, würde der European-League-Startplatz an den Pokal-Zweiten gehen: den Bergischen HC, der noch mitten im Bundesliga-Abstiegskampf steckt. Als derzeit Fünfter wäre Kiel dann außen vor.
Die Bundesliga-Partie zwischen Kiel und Berlin ist also eine mit besonderen Voraussetzungen. Für Pekeler und sein Team kommt eine bewusste Niederlage aber nicht infrage, sagte er: „Wir werden alles geben – das sind wir unseren Fans schuldig, gerade nach den zuletzt nicht so guten Ergebnissen in der Bundesliga.“ Den letzten Erfolg gegen Berlin hatte Kiel im November 2023 feiern können, allein in dieser Saison unterlagen sie bereits dreimal: im Supercup, im ersten Bundesliga-Aufeinandertreffen und im Viertelfinale des DHB-Pokals. Eine neuerliche Niederlage wäre also keine Sensation oder ein Grund, den Kielern Absicht zu unterstellen. Sie wäre am Saisonende aufgrund der kuriosen Umstände aber womöglich etwas leichter zu verkraften.